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Zweiter Teil: 15. bis 31. Dezember

Auf der Jagd nach japanischen Walfängern, Tagebuch Teil 2

Am 20. November ist Greenpeace ins Südpolarmeer aufgebrochen - auf der Suche nach den japanischen Walfängern. Mittlerweile sind sie gefunden und erschütternde Szenen spielen sich im Walschutzgebiet des Südpolarmeers ab. Unsere Aktivistin und Schlauchbootfahrerin Regine Frerichs berichtet über ihre Fahrt zum Schutz der Wale und Meere.

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31.12.2005

Wind 2, See 1 Meter, 2 Grad, bewölkt

Immer noch Kurs West, scheinen wir heute ein friedliches Sylvester feiern zu können. Nun, für mich fällt der Jahreswechsel genau mit meinem Wachwechsel zusammen, wobei ich da die Glücklichere bin: Ich habe genau zum Jahreswechsel Feierabend! Bei euch ist es dann erst 14 Uhr und ihr habt noch zehn Stunden, bis es auch bei euch soweit ist und wir in das Jahr 2006 starten können.

An unserer Situation hat sich hier nicht viel geändert. Die Nisshin Maru fährt weiter nach Westen und die Esperanza begleitet sie nach wie vor. Die Arctic Sunrise folgt auf dem Kurs. Die Situation kreiert Diskrepanzen zwischen Gefühlen und Verstand. Auf der einen Seite, die erfolgreichen Aktionen, die für die jetzige Situation gesorgt haben, kein Walfang. Worüber wir alle froh und dankbar sind. Auf der anderen Seite ein tagelanges über den einsamen Ozean Schippern. Stundenlang bleibt der Blick nach wenigen Metern in unzähligen Nebelbänken stecken, nicht wissend, was noch kommen mag. Die Unsicherheit lässt wilden Diskussionen innerhalb der Crew freien Lauf! Da entstehen Theorien über die Strategien der japanischen Regierung, über die Beweggründe der Reaktion der Walfänger....

Die kleine Welt des Schiffes entwickelt sich da schnell zum Tratsch im Treppenhaus und entwickelt eine neue, im wahrsten Sinne des Wortes phantastische Welt! Allein über die Diskussion, angeregt durch einen Beitrag eines Lesers auf der internationalen Homepage - warum man Wale nicht einfach züchtet - kann man sich hier fast in die Wolle kriegen!

Während die Einen das Thema ganz belustigt angehen, sind Andere empört, dass man darüber überhaupt redet, während die dritte Fraktion sich dem Thema ganz wissenschaftlich widmet! Und wer jetzt nachfragen möchte, ja warum eigentlich nicht? Dem sei als erstes, den Menschen naheliegendes Argument gesagt: Es wäre zu teuer! Von den Haltungsbedingungen, der Reproduktionsrate und biologischen Problemen mal ganz abgesehen.

Es ist spannend zu verfolgen, wie die Nerven langsam dünner werden. Auch an mir kann ich feststellen, dass die Zeiten an Bord anfangen, Kleinigkeiten größer werden zu lassen. Ich geniesse daher meine Arbeit auf Wache (Die ich übrigens nach dem nächsten Wachtausch am Sonntag weitermachen kann!). Ich bin vier Stunden auf Wache und habe dann immer acht Stunden frei. In diesen acht Stunden verbringe ich doch einen großen Teil in meiner Kabine und lasse mir Geschehenes durch den Kopf gehen. Entdecke neue Betrachtungsweisen, kann sortieren und finde Ruhe, um so ein Gleichgewicht halten zu können. Es sind viele besondere Erfahrungen, die ich hier mache, die mich diesen Einsatz auf unterschiedlichste Weisen geniessen lassen!

Ich wünsche euch in diesem Sinne einen guten Rutsch. Verbringt einige schöne Stunden mit Freunden und Familie und möge das Jahr 2006 jedem bringen, was er sich wünscht und was gut tut!

Liebe Grüße, Regine

29./30.12.2005

Wind 2, See 1 Meter, 3 Grad, mässig bewölkt

Heute ist bereits der 6. Tag, an dem wir, mittlerweile wieder auf westlichem Kurs, der Nisshin Maru, dem japanischen Fabrikschiff folgen. Die Ruhe nach den Aktionen hat gut getan, auch wenn wir erst einmal in diesem heftigen Sturm waren. Aber der ist ja zum Glück seit ein paar Tagen vorbei. Auch der Nebel, der noch gestern Nacht an den Fenstern klebte, ist heute verschwunden. Die Wellen sickerten nur noch als hell- und dunkelgraue Kontraste durch die wässerige Luft.

Dadurch ist die sowieso schon kleine Welt des Schiffes auf ein Minimum zusammengerückt! Wie willkommen sind da ein paar Sonnenstrahlen, die sich vorsichtig durch eine lockere Wolkenschicht schieben und endlich tausende tanzende Lichtreflexe auf's Wasser zaubern.

Die Stimmung an Bord hat angefangen sich zu verändern. Die Zeit des Wartens zerrt an den Nerven und so kommen erste kleine Konflikte, aber auch besondere Offenheit zum Vorschein. Auf so engem Raum kaum zu vermeiden. Mir erscheint es, als ob wir nicht länger die Masken vorhalten können. Keiner kann das Erlebte mehr allein mit sich abmachen. So entstehen intensivere Gespräche, Freundschaften festigen sich. So verändert sich die Situation von wir möchten ein Team sein zu wir müssen ein Team sein.

Nicht nur die Situation mit den Walfängern bleibt spannend, auch die persönliche Situation eines jeden Einzelnen an Bord! So finden sich vor allem Menschen zusammen, die die gleiche Muttersprache sprechen. Und da muss aufgepasst werden, denn wird nicht englisch gesprochen, so werden schnell andere Anwesende ausgegrenzt, bzw. fühlen sich ausgegrenzt. Toleranz und Geduld sind Eigenschaften, die jetzt besonders gefragt sind.

Ich genieße ein Stück blauen Himmels, wenn ich aus dem Fenster des kleinen Büros schaue. Da wir gen Westen fahren, dürfen wir heute wieder auf einen schönen Sonnenuntergang gespannt sein!

Liebe Grüße, Regine

28.12.2005

Wind 1, Wee bis 1 Meter, 2 Grad, bewölkt

Die Japaner liegen seit Stunden kaum drei Meilen von uns entfernt. Zumindest das Fabrikschiff Nisshin Maru. Ebenso die Esperanza, die ja leicht mit dem großen Schiff mithalten kann. Die Maschinen sind aus, alle Schiffe driften im Nebel, wir können uns nur auf dem Radar sehen.

Langsam beginnt ein Nervenkrieg. Wir wissen nicht, was die Japaner vorhaben. Ihre Manöver machen erst einmal keinen Sinn. Aber ich persönlich bin davon überzeugt, dass sie einen Plan verfolgen.

Die japanische Regierung und das japanische Forschungsinstitut für Walforschung fahren weiter scharfe Attacken in der Öffentlichkeit. Es stellen sich einem die Haare zu Berge stellen, wenn man diese schamlosen Lügen liest! So sprechen sie davon, dass wir mehrfach versucht hätten, ihre Schiffe zu entern, dass wir das Leben ihrerer Besatzungen gefährden. Die australische Regierung hält still, obwohl die Japaner in ihrem Gebiet illegal Wale töten. Die australische Opposition ist auf unserer Seite und es gibt seit Tagen einen politischen Schlagabtausch.

Heute ist der 5. Tag an dem nicht mehr gejagt wird. Die Fangschiffe haben wir seit Tagen nicht mehr gesehen. Aber ohne ihr Fabrikschiff können sie nichts machen. So bleibt die Situation unklar. Klar ist nur, dass wir weiter dran bleiben! Ich genieße die zurzeit ruhige See!

Liebe Grüße, Regine

27.12.2005

Wind 2, See 1,5 Meter, 3 Grad, bewölkt

Der Sturm ist vorbei und ich wundere mich, wie schnell sich die See dieses Mal beruhigt hat. Die Esperanza hängt nach wie vor an der Nisshin Maru. Ich rechne damit, dass die Japaner morgen wieder die Jagd aufnehmen werden. Aber das sind meine persönlichen Einschätzungen, die auch völlig daneben liegen können.

Aber so ist das hier: Alles ist offen, man weiß nicht, was kommt. Wir müssen auf alles vorbereitet sein! So versuche ich, in der Zeit des Wartens keine Spannung aufkommen zu lassen, versuche möglichst wenig darüber nachzudenken, was alles kommen könnte. Die Zeit des Ausruhens sollte zum Kraft schöpfen genutzt werden und nicht, um sich aufzuregen. Die Zeiten kommen ganz von alleine! Aber immerhin, sie haben jetzt vier Tage nicht gejagt.

Heute, wo es endlich wieder ruhiger ist, habe ich die Möglichkeit genutzt, mal wieder an Deck zu gehen. Wir sind jetzt seit 37 Tagen auf See. 37 Tage nur Wasser um uns herum und nur einige wenige Male konnten wir das Schiff mit einem der Schlauchboot eintauschen. 37 Tage lang 50 Meter stählerne Zivilisation.

Mittlerweile kennt man jeden Winkel, nimmt man jeden neuen Geruch wahr. Hat heute etwa jemand ein neues Reinigungsmittel aufgemacht? Der Fleck in der Speisekammer ist auf einmal verschwunden und im Laderaum funktioniert auf einmal wieder eine der Warmluftzufuhren! Und jedesmal lacht einen der Kratzer in der Tischplatte im Büro an. Übrigens ist der kleine Holzklappstuhl noch nicht zusammengebrochen! Aber ich beobachte ihn genau...!

Die Welt um einen herum ist auf ein Minimum geschrumpft. Nachrichten dringen kaum hierher. Meine letzten Informationen aus Deutschland sind, dass unsere Bundeskanzlerin vereidigt wurde... (Freunde und Familie versichern einem ja, dass man nichts versäumt...).

Es kann sich eben doch keiner hineinversetzen... abgeschnitten, ausgeschlossen, zusammengesperrt, zusammengeschweißt - auf 50 Metern stählerner Zivilisation... Eine autarke Gruppe auf Zeit, entschlossen unsere Welt ein wenig lebenswerter zu machen...

Dabei fällt mir ein, dass ich vor einiger Zeit ein E-Mail von einem 11-jährigen Mädchen erhielt (Valerie, sei gegrüßt an dieser Stelle!). Sie wünscht uns Glück und wir sollen so viele Wale wie möglich retten. Damit sie vielleicht später, wenn sie groß ist, auch mal diese Tiere beobachten kann...

Liebe Grüße, Regine

26.12.2005

Wind 10, in Böen 11, See über 10 Meter, Regen, 3 Grad

Wege durchs Schiff werden zur Herausforderung ..., alle paar Sekunden wird man in die Schwerelosigkeit versetzt, um gleich daruf mit der doppelten Erdbeschleunigung an den Boden geklebt zu werden ...

Und so wird das Tagebuch heute geschlossen bleiben, wegen anhaltenden Sturmes! Aber das Gute: Die Walfänger sind auch in diesem Sturm und haben jetzt seit Tagen nicht mehr gejagt! Wir sind allerdings darauf vorbereitet, dass uns die schwerste Zeit noch bevorsteht...

Liebe Grüße, Regine

25.12.2005 Nachtrag

Wind 9, in Böen 10 bis 11, See bis 10 Meter, Regen

Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten bei Wind 7 mein Tagebuch zu schreiben, nun sitze ich bei 9, teilweise 11 am PC und habe auch noch Spaß daran!

Die See, die Wellen toben uns entgegen, wie ein Haufen kleiner Kinder, die sich um nichts scheren und auf niemanden hören! Als ob sie sich verloren im eigenen Spiel gegenseitig einholen wollen, um immer größer zu werden. Der Wind drückt sie mit tausend kleinen flinken Händen, Wellentäler und -berge formend, vor sich her.

Wenn eine Welle zu hoch ist, dann gibt es einen Schubs von hinten. Der Kamm bricht sich schneller werdend nach vorne und rauscht mit weißer Gischt und für kurze Sekunden das typische Türkis zeigend, den Wellenberg hinunter ins Tal, wilde Streifen ziehend. Sie kümmern sich nicht um unser Schiff, das mit nur drei Knoten seinen Weg gegenan hält.

Der Blick von der Brücke auf die tobende See wird magisch festgehalten. Eine eisengraue Wand nach der anderen kommt uns unbeirrt entgegen, hebt unseren kleinen Eisbrecher wie ein tanzendes Papierschiffchen leicht empor, dass wir das Wasser nicht mehr sehen können, um uns dann vornüber in das nächste Tal fallen zu lassen. Der Bug bricht durch die Wasseroberfläche tiefer in das Wellental, verschwindet in der kochenden See und lässt das Wasser zu einem undurchsichtigen Vorhang explodieren. Die Sicht durch die Scheiben der Brücke wird für einen kurzen Augenblick von einem prasselnden Wasserfilm verwehrt, der schnell wieder vom Wind zerreisst.

Ich genieße den Blick in die uns entgegenlaufende See. Meine Gedanken verlieren sich in dem kraftvollen Spiel von Wind und Wasser und ich höre das Rauschen, Spritzen und Aufschlagen des Elementes, was für diesen Planeten Leben bedeutet: Wasser!

So vielfältig die Formen sind, die es annimmt, so vielfältig sind die Geräusche, die es erzeugen kann und so vielfältig ist das Leben, dass in ihm ist! So nehme ich diesen Sturm als ein Geschenk, dass ich meine Arbeitszeit, meine Wache so sehr geniessen kann!

Und ich weiß schon jetzt, wenn ich in ein paar Wochen wieder zu Hause bin, abends am Kamin sitze und ins Feuer gucke, dann werden mir auch diese Bilder vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Und ich kann das Gefühl noch einmal nacherleben, im Sturm auf Wache zu sein...! Was für ein Weihnachten!

Liebe Grüße, Regine

25.12.2005

Wind 8, See 3 Meter zunehmend, 2 Grad, Regen

Am Heilig Abend haben wir ein schönes gemeinsames Essen in der Messe gehabt. Und die Freude, dass die japanische Fangflotte einen weiteren Tag nicht jagt, setzt sich langsam gegen die Erlebnisse durch!

Das Schiff Farley Mowat von der Sea Shepherd Conservation Society ist mittlerweile auch hier eingetroffen. Offenbar versuchen die Japaner uns und die Farley Mowat nun mit Nachdruck abzuhängen. Die Esperanza kann allerdings mit dem Fabrikschiff Nisshin Maru leicht mithalten. Insofern bleibt auch die Arctic Sunrise der Flotte auf den Fersen und kann manchmal den Kurs abkürzen - so denn entsprechende Kursänderungen stattfinden.

Wir sind nicht böse, dass auch wir so ein paar Tage mehr Ruhe haben und das vor allem um Weihnachten! Es ist ein schönes Geschenk an die Wale und somit auch an uns! So konnten wir gestern Abend im Laderaum noch ein wenig Partystimmung aufkommen lassen. Mir war es allerdings ganz recht, dass ich bis Mitternacht Wache hatte...

Heute sind wir weiter auf Kurs Richtung Esperanza, die nach wie vor nicht von der Nisshin Maru weicht. Für uns heißt es zwar jetzt wieder ordentlich schaukeln, aber das sind wir ja mittlerweile gewohnt! Gestern Abend haben wir sogar getanzt und das ist bei dem Seegang schon etwas gewöhnungsbedürftig! Da folgt auf einmal alles auf der Tanzfläche den Gesetzen der Schwerkraft und schwappt nach Steuerbord, um sich wenige Sekunden später hüpfenderweise im Rudel nach Backbord zu begeben ... an Bord ist eben vieles anders!

Wenn ich jetzt aus dem Fenster unseres kleinen Büros schaue, sehe ich eine bewegte See, weiße Schaumkronen, die vom Wind abgerissen werden, um auf der nächsten Welle unregelmäßige weiße Streifen über die Wasseroberfläche zu reißen..., Wind 8, in Böen 9, vielleicht mehr. So haben wir im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Weihnachten!

Wir wissen noch nicht, wie es weiter geht. Wir wissen nur, dass wir weiter zielstrebig die Flotte verfolgen und sobald die Jagd wieder beginnt unsere Einsätze fahren!

Heute fange ich wieder an, meine freien Stunden zu geniessen, die grandiose Weite der antarktischen Gewässer wahrzunehmen, das Toben der Wellen von der Brücke aus zu beobachten, wenn die überschlagenden Wellen Luft ins Wasser mischen und es türkisfarben aufleuchtet! Ja, so verbringt man nur Weihnachten auf See, in der Antarktis...

Lasst es euch gut gehen, liebe Grüße, Regine

24.12.2005

Ich bin dankbar, dass wir auch heute etwas Ruhe haben, Heilig Abend. Allerdings habe ich keine Ruhe vor den Szenen, die sich im Packeis abgespielt haben. Die Bilder der vergangenen Tage lassen mich nicht los. Und die anderen Crewmitglieder auch nicht. Die beiden letzten Tage ist es recht still an Bord. Die Brutalität, mit der hier diese sanften riesigen Tiere abgeschlachtet werden ...

Wenn eine Granate keine 30 Meter neben einem mit einem trockenen, dumpfen Knall in einem Wal explodiert, spürt man selber noch die Vibration der Explosion im eigenen Leib! Das Grausigste sind die Fänge, die nicht gleich tot sind. Bis zu 15 Minuten hat es gedauert, bis das geschundene, blutende Tier endlich verendet war.

Es versucht zu fliehen und taucht immer wieder auf, es versucht an der Harpune hängend immer wieder in die sonst rettende Tiefe zu entfliehen. Die Walfänger schiessen ihnen mit Gewehren in den Kopf, wenn die Harpune nicht richtig getroffen hat. Aber auch damit sind sie oft nicht sofort tot ...

Du sitzt dann hilflos daneben und fragst, warum töten sie ihn nicht endlich?! Eines der noch lebenden Tiere wurde noch in seinem Todeskampf längsseits des Fangschiffes gezogen, um dann zum Fabrikschiff transportiert zu werden.

Ich selber sitze in meinem Boot und mir bleibt das Gefühl: du hast versagt ... hier und jetzt, du hast versagt und musst hilflos dem Gemetzel zusehen. Da versucht man sich daran festzuhalten und sich zu sagen, ja, aber du hast doch eben noch einem anderen Wal das Leben gerettet und jeder Abschuss, der verhindert wird, hilft anderen Tieren.

Aber ich muss feststellen, in diesem Moment hilft mir dieses Bewusstsein wenig. So greift das Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht auch nach mir ...

Und auch jetzt, wo die Fangflotte bereits den zweiten Tag nicht jagt, was außergewöhnlich ist, was ein Riesenerfolg ist, lassen mich die Bilder nicht los! Der Tod dieser Wale in dieser atemberaubend schönen Region! Das klare Wasser, die Eisberge, der Sonnenschein, ein Paradies in einem vergessenen Zentrum der Welt! Eine Kulisse kann kaum friedlicher sein, zumindest nicht, bis das helle Blut das klare Wasser um den Wal in ein leuchtendes Rot verwandelt ...

Ich frage mich, wie viel Verrohung dazu gehört, damit jemand dieses blutige Handwerk ausführt? Das hat nichts mit Not und Hunger zu tun, das ist Habgier! Im Namen der Wissenschaft werden diese intelligenten Meeressäuger dahingemetzelt, um auf den Tischen teurer japanischer Spezialitäten-Restaurants zu landen ...

So begleiten mich diese Bilder, die sich wohl ein für alle Mal in unser Gehirn gebrannt haben. All diese Gedanken, ein erster Versuch, den Berg an Emotionen zu sortieren, der einen noch immer betäubt. Gedanken, Bilder, Gefühle, die mich verfolgen und wohl noch lange Zeit begleiten werden ... auch am heiligen Abend. Aber ich bin trotzdem froh, hier sein zu können!

Liebe Grüße, Regine

23.12.2005

Wind 2 bis 3, See 1 bis 2 Meter, 3 Grad, bewölkt, diesig

Nach den gestrigen Aktionen passierte Ungewöhnliches! Die Fangflotte machte nicht Feierabend, wie sonst und ließ die Schiffe, wo sie waren, nein, sie nahmen kurs Nord und verließen mit Reisegeschwindigkeit die heutigen Jagdgewässer!

Das ist jetzt über 24 Stunden her! Das heißt, heute haben die Japaner keinen einzigen Wal gefangen! Und wir mussten nicht einmal raus! Einen Tag Ruhe für die Wale, einen Tag Ruhe für uns! Normalerweise arbeiten die Walfänger jeden Tag! Kein Wochenende, nur ein Feiertag an Neujahr, teilte mir unser erster Maat mit.

Wir wissen nicht, was sie vorhaben. Mittlerweile ist der Kurs auf West gewechselt. Die Esperanza hält mit dem Fabrikschiff Nisshin Maru mit und die Arctic Sunrise folgt auf dem Kurs. Das Wetter ist hier deutlich schlechter, wieder grau in grau und der Nebel klebt schon wieder am Horizont. Nun gut, auch die Walfänger haben dann schlechtere Sicht, unsere Arbeit wird bei besserem Wetter zwar angenehmer, aber wir sind nicht so sehr auf die Sicht angewiesen, da wir von den Schlauchbooten aus die Wale sowieso nur sehen, wenn sie durch die Wasseroberfläche stoßen. Die Jäger können sie lange vorher im klaren Wasser sehen. Allerdings, einen Wal erst einmal auszumachen wird unter diesen Umständen eben auch nicht einfacher!

Ich bin froh, dass wir heute Ruhe haben. Immerhin ist morgen Weihnachten und ich weiß gar nicht, wie man die vielen beklemmenden, aber auch positiven Eindrücke des gestrigen Tages verarbeiten kann...

Außerdem tut mir mein linker Arm vom Steuern weh. Die African Queen hat zu jeder Seite mehr als drei Umdrehungen! Das heißt, wenn man von hart Steuerbord nach hart Backbord fährt, dann muss man das Steuerrad siebenmal herumkurbeln! Da freu ich mich doch auf Grey Whale (der übrigens früher Blue Whale hieß, aber da war er auch noch blau angemalt! Nun ist er grau...). Hier muss man das Steuer nur eineinhalb Mal zu jeder Seite drehen.

Das Schiff wird gerade ein wenig festlich hergerichtet..., Weihnachten auf See..., auch irgendwie komisch. Wobei ich aber eigentlich kein besonderer Weihnachtsmensch bin.

Morgen, nach den Aktionen, so denn welche stattfinden, wollen wir etwas feiern. Mit einem schönen Essen und dann werden wohl die Geschenke verteilt. Jeder hat ja ein Besatzungsmitglied per Los gezogen, dem er ein Geschenk macht. Ähnlich wie bei uns beim Wichteln oder Julklapp. Mein Geschenk ist noch nicht ganz fertig, aber ich habe ja während meiner Wache noch etwas Zeit!

Bis Morgen, liebe Grüße

Regine

22.12.2005

Wind 2, See 1 Meter, 0 Grad, Sonne

Dafür sind wir hier! Heute haben sich die Schlauchboote der Esperanza an eines der Fangschiffe geheftet und wir uns an ein anderes. Die Jagd dieser beiden Schiffe war am heutigen Tage nicht sehr erfolgreich!

Nachdem die Jäger ihre Arbeit bereits in den frühen Morgenstunden aufgenommen haben, drei Stunden früher als normalerweise, fuhren immer Schlauchboote mit. Sobald ein Wal gesichtet wurde, setzte sich das Schlauchboot zwischen Harpune und Wal, kreuzte vor dem Bug hin und her und so konnten wir einige Abschüsse verhindern!

Als ich neben dem Fangschiff herfuhr, gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf: Genau das waren die ersten Bilder, die ich vor langer Zeit von Greenpeace zu sehen bekam, die mich nachhaltig beeindruckten und wo ich sagte: Ja, genau, das ist es! Sich einsetzen für unsere Umwelt, gewaltfrei, aber effektiv! Nie hätte ich damals gedacht, eines Tages selber dabei sein zu können! Greenpeace, das war meilenweit entfernt, taffe Jungs und Mädels, die irgendwie was Besonderes sein müssen. Und heute? Es sind Menschen, wie Du und ich! Gut ausgebildet, mit einer starken Organisation im Rücken, die einem wirklich den Rücken stärkt. Und es ist ja keine Binsenweisheit, wenn ich sage, gemeinsam ist man stark! Und hier ist eben viel gemeinsam!

Mit diesen und vielen nicht zu Ende gedachten Gedanken lenkte ich das Schlauchboot zwischen den nicht zählbaren Eisklumpen hindurch, immer an der Seite des Walfängers, die Harpune am Bug immer sichtbar...

Nachdem der Ausguck einen Wal gesichtet hat, begann ich vor dem Bug zu kreuzen, um möglichst oft einem Abschuss im Wege zu sein. Der erste Wal tauchte zwei Mal kurz vor unserem Schlauchboot auf und konnte nach Steuerbord entkommen! Was für ein Moment! Wir hatten einem Wal das Leben retten können! Zumindest für den Moment. Wer weiß, wann genau dieser Wal wieder einem Fangschiff begegnen würde, was in diesen Gewässern ja zurzeit sehr schnell passiert.

Ein weiterer Anlauf auf einen anderen Wal wurde nach ca. einer Viertel Stunde Kreuzen vor dem Bug unterbrochen. Nach drei Stunden konzentrierten Fahrens und dem dritten Fangversuch waren wir leider einmal zu langsam... Ein lauter dumpfer Knall ließ uns schnell erkennen, dass die Fänger steuerbords von uns in ca. 50 Meter Entfernung erfolgreich waren.

Gemischte Gefühle machen sich breit, einerseits die Freude, vielleicht einem Tier das Leben gerettet zu haben, andererseits der Frust, am Ende den Tod mit ansehen zu müssen ... Aber: Die Jagd nach den Jägern geht weiter!

Liebe Grüße, Regine

21.12.2005

Wind 1, See 1 Meter, 2 Grad, sonnig

Jetzt geht es los!!! Der längste Tag des Jahres könnte auch unser längster Tag werden. Wir haben die Fangflotte gefunden! Das Fabrikschiff Nisshin Maru und die drei Fangschiffe sind in Sichtweite, die erste Aktion haben wir hinter uns!

Mit acht Schlauchbooten, unseren beiden Schiffen und Tweety wollten wir das Fabrikschiff ein Stück begleiten. Daraus erwuchs eine Aktion, die so nicht geplant war! Die Esperanza fuhr achterlich des Fabrikschiffes, genau an den Platz, an den die Fangschiffe fahren, um die getöteten Wale zu übergeben.

Das nächste Fangschiff, das seinen Wal abliefern wollte, konnte so nicht in seine Position kommen. Daraufhin hat es zweimal die Esperanza seitlich gerammt! Nach einiger Zeit ist die Esperanza abgedrängt worden. Doch die Schlauchboote konnten die Übergabe des Wales noch etwas länger verhindern. Dabei wurden die Boote mit enorm kräftigen Wasserkanonen beschossen.

Eines unserer kleinen Schlauchboote hat sich überschlagen! Aber außer einem Bad in antarktisch kaltem Wasser ist der Crew nichts passiert! Unser größeres Aktionsboot hat sich am Seil des mitgezogenen Wales festgehakt und wurde dadurch rückwärts mitgezogen. Das Boot lief über das Heck voll Wasser und die Maschine fiel aus.

Nachdem der zweite Wal auf das Fabrikschiff gezogen war, sind die Schlauchboote zu unseren Schiffen zurückgekehrt. Jetzt wird erst einmal alles repariert, getrocknet und wieder vorbereitet. Die Fangschiffe sind weiterhin in Sichtweite und scheinen momentan keine Anstalten zu machen, wieder auf Jagd zu gehen.

Während der Aktion kreuzten noch Orcas zwischen der Arctic Sunrise und dem Aktionsgeschehen! Im Hintergrund zum Teil riesige Eisberge und überall kleine Eisbrocken, auf die man beim Bootfahren besonders achten muss! Heute wird die Sonne nicht untergehen und wir beobachten genau, wann die Fangschifff wieder auf die Suche nach Walen gehen!

Liebe Grüße, Regine

20.12.2005

Wind 1, See bis 1 Meter, bewölkt, 2 Grad

Und auf einmal ist alles anders! In der letzten Nacht hat die Esperanza eines der Späherschiffe der Japaner gesichtet! Die Späherschiffe sind teilweise relativ weit von der Fangflotte entfernt, aber immernoch in Reichweite. Wir haben die Flotte also NOCH nicht gefunden, nur eben einen ihrer Späher. Aber trotzdem, sie können nicht so sehr weit weg sein! Und auf einmal sind alle wie aufgedreht! Man hat das Gefühl, alle bewegen sich schneller, das Schiff würde schneller fahren, die Gespräche wären lauter, alle Müdigkeit ist wie weggeblasen! Alles läuft auf Hochtouren!

Da wir jetzt ab sofort auf Alles vorbereitet sein müssen, war heute Nachmittag das erste Aktionsbriefing auf der Brücke. Jeder weiss, was er im Falle des Falles zu tun hat! Die Boote sind klar, die Ausrüstungen liegen bereit, Fahrer und Crew stehen fest, die Decksarbeiten sind eigeteilt, die Köche wissen, was sie vorzubereiten haben, und jeder ist auf wenig Schlaf eingestellt..., auf ganz wenig Schlaf!

Gleich nach dem Briefing zeigten sich zwei Buckelwale keine 100 Meter neben dem Schiff auf der Backbordseite. Sie hatten es nicht eilig, sie tauchten nicht einmal ab, sie blieben einige Minuten fast an derselben Stelle, ihren Atem in die kalte Luft blasend, als ob ein Schiff ihnen nichts anhaben könnte..., wie Wanderer in einer Zeit, die mit uns nichts zu tun hat.

Von den Walen sieht man meistens noch weniger über der Wasseroberfläche als von den Eisbergen..., nur den Blas, kurz ein kleines Stück ihres dunklen Rückens, ihre kleine Finne und dann sanft bewegtes Wasser, welches dir verrät, dass hier noch eben ein Lebewesen war. Ich denke, die Meisten werden heute Nacht einen leichten Schlaf haben..., ich gehe gleich auf Wache und bin froh, die nächsten vier Stunden an der Quelle sein zu können! Ich hoffe, dass die guten Nachrichten morgen fortgesetzt werden können!

Liebe Grüße, Regine

19.12.2005

Wind 1, Wellen 0,5, 1 Grad, bewölkt

Was macht man eigentlich in seiner freien Zeit, wenn man seit Tagen, Wochen, seit einem Monat auf See ist, kein Land gesehen hat?

Ein Schiff wie das unsere ist ja nun wahrlich nicht wie ein Luxusliner konzipiert, auf dem man shoppen kann oder sich überlegt, in welches Restaurant oder welche Bar gehen wir denn heute? Oder ob man es sich im bordeigenen Pool gutgehen lassen sollte oder vielleicht doch das Kinoprogramm studiert? Wobei das Kabarett der letzten Woche ja sehr gut war, also vielleicht doch lieber Theater?

Nun, bei uns sieht das etwas anders aus. Die Gänge und Treppen des Schiffes sind eng. Geht man aneinander vorbei, muss meist der Eine stehenbleiben und für den Anderen Platz machen. Das erzeugt auf die Dauer eine körperliche Nähe, die man nicht gewohnt ist und bei der der natürliche Wohlfühlabstand permanent unterschritten wird.

Die Welt um uns schrumpft zusammen und mit ihr die Privatsphäre. Da ist Toleranz gefragt! Und was machen wir in der Freizeit? Nun, in Ermangelung einer Bar, benutzen wir die Werkbank als einen Ort, den man aufsucht, anstatt sich in einer Kneipe zu treffen. Die Werkbank ist so gut wie ein Tresen! O.k. und das Kino?

Wir haben einen Fernseher, Video und DVD an Bord. In der bordeigenen Bibliothek finden sich die Filme vieler Greenpeace-Touren, die ihre vorigen Besitzer an Bord gelassen haben. Außerdem haben viele von uns eigene Filme dabei und es wird regelmäßig am schwarzen Brett in der Messe angekündigt, wann welcher Film geguckt wird.

Dann gibt es noch einige Spiele an Bord. Von Kartenspielen über Scrabble und anderen Gesellschaftsspielen ist für jedes Spielkind was dabei!

Im Laderaum, wo auch die Werkbank (der Tresen...) ist, befindet sich ein Basketballkorb und ein Dartspiel! Bei Wellengang bekommen vor allem diese Spiele eine ganz neue Dimension! Da spielt man Ball in der vierten Dimension, die hier die Eigendynamik des Raumes annimmt!

Aber in der Freizeit sucht man auch ab und an das Alleinesein, was an Bord schwierig ist. Der Platz ist ja etwas begrenzt. So ist das Helideck ein begehrter Platz, wenn das Wetter es zulässt. An Deck ist auch der Platz, den man zu ruhigen Gesprächen aufsucht. Die lassen sich allerdings auch vorzüglich während der Wachen auf der Brücke führen!

So man denn mit seinem Wachhabenden soviel Glück hat wie ich. Matthies behauptet zwar, er sei ein schlechter Unterhalter, aber das stimmt nicht! Wir haben uns schon stundenlang über Musik, Greenpeace, das Leben auf See, Autos und sonstige Themen unterhalten. Und da ich gerade dabei bin: ich muss jetzt mal wieder einen Wachgang machen!

Bis Morgen, liebe Grüße, Regine

17./18.12.2005

Wind 1 bis 2, See bis 1 Meter, 2 Grad, bewölkt, neblig

An diesem Wochende sind die Boote wieder fertig und so konnten wir endlich einige Trainingsfahrten absolvieren. In Sichtweite des Schiffes hatten wir allerdings nicht sehr viel Spielraum, da der Nebel doch wieder sehr dick war! Aber es reichte, um sich mit den Booten vertraut zu machen und das zu Wasser lassen und wieder Aufnehmen zu üben.

Zwischendurch wurde ich noch durch den Nebel zur Epreanza geschickt. Dort sammelte ich einige unserer Crewmitglieder wieder ein, die dort zu einem Treffen waren. Von einem nahen Eisberg konnten wir nur den unteren Teil sehen, die Spitze war vom Nebel verdeckt!

Grey Whale ist das Aktionsboot, das ich fahren werde. Uum Glück haben wir im Aktionsmittellager von Greenpeace Deutschland das gleiche Boot. So ist es mir schon sehr vertraut! Es hat einen 200 PS Diesel Innenborder und ist ein gutes Arbeitsboot, das ich gerne fahre.

An Bord steigt langsam die Spannung, die sich mittlerweile durch das Suchen und Warten aufgebaut hat. Alle hoffen, dass wir bald fündig werden!

Liebe Grüße, Regine

16.12.2005

Wind 1, See 0,5 Meter, 1 Grad, leicht bewölkt, Eisgang

Nach dem Mittag, als sich fast alle Crewmitglieder im Einerlei des Tagesablaufes verlieren wollten, kam plötzlich von Arne, unserem Kapitän, eine ungewöhnliche Durchsage durch das Intercom: Eisbär am bug auf Steuerbord!. Was für eine Nachricht! Da es doch keine Eisbären in der Antarktis gibt! Froh über jede potentielle Abwechslung fand sich schnell die Hälfte der Crew am Bug ein. Und tatsächlich! Da saß ein Eisbär auf dem Kasten der Vorpiek! Zahlreiche Foto- und Videokameras wurden auf das Tier gerichtet, welches den vorbeitreibenden Eisbergen zumindest vorrübergehend die Schau stahl.

Aufrechtstehend verlor das Tier jedoch plötzlich den Kopf ..., und zum Vorschein kam Mikey, der an Bord den Campaigner unterstützt. Mikey, ursprünglich aus Australien, lebt heute in Irland und ist einer der wenigen an Bord, die bereits bei einer der vorherigen Antarktisfahrten dabei war. Seine Beobachtungen und Erfahrungen sind für uns eine wertvolle Grundlage für die anstehenden Aktionen!

Und Mikey ist einer der wenigen, der auf dieser Fahrt das Glück hat, seine Freundin dabei zu haben. Lally stammt aus England, lebt jetzt mit Mikey in Irland und ist für die Tagebücher und Inhalte auf dem internationalen Weblog zuständig. Ich habe Mikey und Lally als ausgesprochen hilfsbereit und freundlich erlebt. Vor allem in den ersten Tagen haben sie mir oft Tipps und hilfe gegeben und so habe ich schnell nicht mehr gemerkt, dass ich fast niemanden an Bord kannte.

Bei ungewöhnlich ruhiger See fahren wir durch ein Eisfeld, welches schon frühzeitig am Horizont in der glitzernden Sonne gesichtet wurde! Die Arctic Sunrise schiebt sich langsam durch die Eisbrocken, die in vielen Formen an uns vorbeigleiten. Kleine Brandungsbögen, neben Minicanyons und Miniatureisbergen, alle umgeben von ihrem hellblau leuchtenden viel grösseren Unterwasseranteil. Jede kleine Kollision ist begleitet von dem unverwechselbaren Geräusch berstenden Eises und einem Ruck, der durch das ganze Schiff geht. Im Hintergrund das immerwährend gleichmässige Brummen der Maschine, welches wir mittlerweile fast nur noch als Vibration wahrnehmen.

Und nun muss auch ich mich in kürze wieder dem Schlaf überlassen, da meine nächste Wache unaufhörlich näherrückt!

Bis Morgen, liebe Grüße, Regine

15.12.2005

Wind 2, Wellen 1 Meter, 2 Grad, Hochnebel, gute Sicht

Ich könnte täglich das Wasser, die Wolken, den Nebel und das Eis beschreiben! Es präsentiert sich in Tausend unterschiedlichen Variationen und lockt verschiedenste Empfindungen hervor. Es spiegelt die Schönheit, die Vielfalt und das Leben eines vergessenen Zentrums dieser Welt wider!

Heute möchte ich allerdings von Grey Whale unserem Aktionsboot berichten. Grey Whale ist 7,40 Meter lang, hat einen 200 PS Diesel Innenborder und einen so genannten Z-Antrieb (der sieht aus, wie der untere Teil eines Außenborders).

Vor ein paar Tagen hatte der Sturm ein Loch in den Schlauch gerissen, so dass das Boot mit dem Kran von seinem ursprünglichen Platz auf eine Halterung an Deck gehoben werden musste. Dort hat Phil unser Bootsspezialist aus Canada den Schlauch abmontiert. Mit vereinten Kräften haben wir das 14 Meter lange Ungetüm in den Laderaum geschleppt. Zum Flicken muss es trocken und mindestens fünf Grad Celsius sein!

Es war ein kompliziertes Loch, ausgerechnet in der Nähe eines Ventiles zum Aufblasen. So musste in mehreren Schichten geklebt werden. Jede Klebeschicht benötigt aber mindestens 24 Stunden zum Trocknen! So lag der Schlauch einige Tage teilweise aufgeblasen im Laderaum, an allen möglichen Enden festgebunden, damit er sich beim Rollen und Stampfen des Schiffes nicht bewegen kann.

Jetzt, wo das Wetter wieder freundlicher und arbeiten an Deck problemlos möglich ist, wird der Schlauch wieder am Boot festgeschraubt und Grey Whale ist wieder einsatzbereit!

Die African Queen wartet noch ein wenig auf ihren Rahmen, der mittlerweile auch fertig gebogen, geschweisst und lakiert im Laderaum hängt.

Liebe Grüße, lasst es euch gut gehen, Regine

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Schleichendes Gift

Wenn Verbote zu spät kommen: Große Teile der weltweiten Orca-Bestände stehen vor dem Aussterben. Schuld ist ein Schadstoff, der seit fast 15 Jahren auf der Schwarzen Liste steht.

Zurück – oder in die Zukunft

Die Internationale Walfangkommission steht vor einem Paradigmenwechsel: Will sie weiter nur den kommerziellen Walfang regulieren – oder aktiv zum Schutz der Wale beitragen?