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Auf dem Weg zu den Piratenfischern, 1

Die Esperanza ist unterwegs zur zweiten Etappe der SOS-Weltmeer-Tour: gegen Piratenfischerei vor der Westküste Afrikas. Mit an Bord ist der Hamburger Aktivist Timo Liebe - 29 Jahre alt und seit zwei Jahren bei Greenpeace. Er ist ausgebildeter Schlauchbootfahrer und hat vor wenigen Wochen sein Patent als Nautischer Offizier gemacht. Im Tagebuch erzählt er von der Reise zu den Piratenfischern und vom Alltag an Bord der Esperanza.

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30.03.2006 - Heute morgen sind wir mit der aufgehenden Sonne in Conakry eineglaufen. Hierher haben wir den chinesischen Trawler LIAN RUN No 14 begleitet. Er ist wegen illegaler Fischerei in den Gewässern von Guinea vom Fischerei-Inspektor aus Guinea, den wir an Bord haben, festgesetzt worden ist. Der Trawler muss nun den Hafen von Conakry anlaufen, um dort den Behörden übergeben zu werden.

Die Esperanza wird leider nicht in Conakry anlegen, sondern vor der Stadt ankern. Wird also wieder nichts mit einem kleinen Spaziergang an Land, auf den ich mich schon riesig freue. Immerhin sind wir nun seit 30 Tagen auf See! Es ist schon gemein, wenn man das Land mit allen Detais sehen kann, ja sogar den Rauch eines Feuers riechen kann - aber doch an Bord bleiben muss. Am Strand sehe ich Kinder Fussball spielen...

Leider ist das mit mal eben an Land gehen nicht so einfach: Visa, Einreisebestimmungen, etc... Daher muss mir diesmal der Anblick der Hauptstadt von Guinea reichen. Vielleicht komme ich ja wieder mal hierher und kann mir die Stadt ansehen.

Was ich geanu mitbekomme sind viele kleine Boote der Einheimischen. Fähren, die die Stadt mit kleinen Inseln verbinden, aber auch Fischerboote, so genannte Pirogen. Sie fahren morgens zum Fischfang hinaus. Diese Pirogen sind lange, schmale Kanus, die meist einen kleinen Außenbordmotor haben. Sie sind etwa acht bis zehn Meter lang und 1,5 Meter breit. Sie wirken auf mich sehr zerbrechlich, fein und filigran. Insbesondere im Gegenlicht des Morgens seinen sie nur feine Linien zu sein...

Doch dieser Eindruck täuscht, denn ich habe die einheimischen Fischer mit diesen Booten schon sehr weit draußen gesehen, viele Meilen vor der Küste. Es sind meist viele Menschen an Bord. Je nach Größe des Bootes bis zu 15 Personen.

Trotz des sehr heißen und schwülen Wetters, tragen die Fischer oft Regenmäntel, um sich vor überkommenden Wasser zu schützen. Und Wasser kommt natürlich über, bei diesen kleinen Booten. Besonders wenn sie weit hinaus fahren.

Gefischt wird mit Netzen, die im Kreis von der Piroge aus ausgelegt werden und später zusammengezogen und wieder aufgenommen. Das ist knochenharte Handarbeit. Es gibt keine elektrischen Winden oder ähnliches, wie auf den riesigen Piraten-Trawlern. Deshalb werden auch so viele Hände an Bord einer Piroge gebraucht.

Das Beeindruckenste aber sind für mich zweifelsfrei die Anstriche, mit denen die Fischer ihre Boote verzieren. Sie sind sehr farbenfroh, meist in den Landesfarben von Guinea (grün, gelb, rot) gehalten. Es ist eine wahre Augenweide diese farbenfrohen Boote übers Wasser fahren zu sehen. Und sie drücken dabei so viel Liebe aus: Liebe zum Detail, Liebe zum Boot, Liebe zum Meer und auch Liebe zum Beruf.

All das sind Dinge, die man auf den im Vergleich riesenhaften Trawlern der Piratenfischer vergebens sucht. Dort wird nur Gier erkenntlich und menschliches Elend sichtbar! Für Liebe ist kein Platz auf diesen Trawlern.

Ihre Aufgabe ist es, die Meere industriell auszuplündern, und oft genug auf Kosten der einheimischen Bevölkerung. Denn mit ihren traditionellen Pirogen aus Holz können die Fischer aus Guinea nicht mit 40 oder 50 Meter langen Trawlern aus Stahl konkurrieren. Und wenn die Netze der einheimischen Fischer leer bleiben, so ist das für sie meist gleichbedeutend mit leeren Taschen und leeren Bäuchen...

28.03.2006

Heute war ein sehr bewegter Tag. Am Morgen machte sich unser Helikopter auf den Weg, um verdächtige Radar-Echos zu überprüfen. Hinter einem dieser Echos verbarg sich der Trawler LIAN RUN No 14. Dieser Trawler fährt unter chinesischer Flagge und hat keine Genehmigung, in den Gewässern von Guinea zu fischen.

Als wir von der Esperanza aus den Trawler zu Gesicht bekommen, kranen wir ein Schlauchboot ins Wasser und setzen damit den Fischereiinspektor aus Guinea über. Nach eingehender Überprüfung stellt er Kraft seines Amtes den Trawler unter Arrest. Er ordnet an, als nächstes den Hafen von Conakry in Guinea anzulaufen.

Wir haben den Behörden aus Guinea heute also ganz konkret ermöglicht, einen Piratenfischer festzusetzen. Das freut uns hier an Bord alle, obwohl wir natürlich wissen, dass das nur einer von vielen illegalen Fischern ist - aber für uns auf dieser Reise eben auch ein Anfang! Der Trawler fährt nun nach Conakry und während dieser Überfahrt bleiben ständig einer der Inspektoren sowie einige Leute von uns an Bord, um dem Inspektor zur Seite zu stehen.

Heute Nachmittag war ich an Bord der LIAN RUN 14, des Piratenfischers. Doch Totenkopfflaggen, Krummsäbel, Augenklappen und sonstige Piratenaccessoires sucht man an Bord eines solchen Trawlers vergeblich - vielmehr wurde ich, als ich an Bord kam, von einer sehr freundlichen, überwiegend aus China stammenden Besatzung begrüßt.

Die Verhältnisse an Bord sind ärmlich. das Schiff hat seine besten Tage hinter sich. Wo einmal Bullaugen waren gähnen heute Löcher in der Bordwand. Es liegt ein ungeheuer intensiver Geruch nach Fisch in der Luft. Nicht nur nach frischem Fisch. An Deck liegen noch die großen Netze, ich habe noch von Bord der Esperanza gesehen, wie sie eingeholt wurden - vorerst zum letzten Mal! Zwischen den Netzen liegen überall tote Fische und Krebse, Innereien von ausgenommenen Fischen gesellen sich dazu. Mir schnürt es den Hals zu.

Und es liegt viel Müll herum: leere Getränkedosen, Verpackungen, Zigarettenkippen, Fischgräten. Dann stehen da metallene Fischkisten, in denen der Fisch sortiert und gewaschen wird. Die Kisten sind geleert, und sie sind total verrostet. In einigen finden sich noch kleine tote Krebse, die mittlerweile angetrocknet sind. Mein Appetit ist auf dem Nullpunkt, obwohl meine letzte Mahlzeit schon geraume Zeit her ist. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, auf einmal an Deck eines solchen Trawlers zu stehen... Ich könnte mich direkt mit den Leuten unterhalten - nur leider spreche ich kein Chinesisch!

Aber man kann auch ohne Worte kommunizieren - durch Gesten, Blicke... Und ich muss feststellen, dass an Bord der LIAN RUN 14 durchweg nichts Feindseliges uns gegenüber in der Luft liegt. Wir können uns überall umsehen, sehen Fischkisten aus Pappe mit den Aufdrucken verschiedenster Schiffsnamen. So versuchen die Piraten, ihren Fang als den von Schiffen auszugeben, die legal fischen.

Julie, eine Aktivistin, die mit mir zusammen an Bord der LIAN RUN No 14 gekommen ist, spricht etwas Chinesisch. Sie kann sich mit Mühe mit einigen Besatzungsmitgliedern unterhalten. Die Männer sind teilweise seit Monaten an Bord des Trawlers, haben seither kein Land gesehen. Der Kapitän ist 30 Jahre alt, seine Frau und sein dreijähriges Kind leben in China. Er hat sie seit Monaten nicht gesehen und weiß auch noch nicht, wann er sie zum nächsten Mal sehen wird. Julie fragt die Männer, ob sie ihre Arbeit gern tun: Keiner der Männer an Bord bejaht diese Frage, auch nicht der Kapitän. Und das kann ich durchaus verstehen, wenn ich mich hier an Bord umsehe.

Wenn man sieht, wie ärmlich die Piratenfischer hier hausen, wird klar, dass hier alle unter der Vernichtung der Fischbestände leiden. Die wahren Schuldigen sitzen irgendwo in klimatisierten Büros.

Ich bin froh, als ich abgelöst werde und wieder auf die Esperanza komme!!!

So viel für heute, viele Grüße, Timo

27.03.2006

Die Esperanza kreuzt nun in den Gewässern von Guinea. Hier gibt es noch reichlich Fisch, Guinea aber liegt in einer der ärmsten Regionen der Erde. Wir suchen hier nach Piratenfischern mit Trawlern. Diese Schiffe sind recht große Fischkutter, bis zu 50 oder 60 Metern lang, die mit Schleppnetzen fischen und das Meer regelrecht ausplündern! Sogar innerhalb der 12-Meilen-Zone, in welcher nur einheimische Fischer fischen dürfen.

Die Piratenfischer kommen aus der ganzen Weltz - wir sahen Flaggen von Korea, China, Liberia, Belize und Italien. Die einheimischen Fischer können sich gegen die riesigen Trawler nicht behaupten. Sie fischen mit sogenannten Pirogen. Das sind kanuartige Holzboote, rund acht Meter lang und ein Meter breit. Sie müssen hilflos mitansehen, wie ihre Fische, ihr Einkommen von den großen Trawlern in riesigen Netzen an Bord gezerrt wird.

Die Trawler übergeben ihren Fang dann auf hoher See an Kühlschiffe, die ihn direkt zu den großen Fischmärkten dieser Welt transportieren. Dort werden mit den Fischen enorme Summen erwirtschaftet. Dass der Fisch aus illegaler Fischerei stammt, bleibt beim Verkauf im Dunkeln. Die Kühlschiffe haben schließlich nicht illegal gefischt. Logisch, sind ja keine Trawler! Die einheimischen Fischern sehen keinen Cent, ihnen bleibt nur das leer gefischte Meer.

Vor Ort haben die Piratenfischer in aller Regel nicht viel zu befürchten: Den Behörden mangelt es an allen Ecken und Enden - nicht zuletzt an Booten und Benzin. Deshalb bleiben Kontrollen die Ausnahme. Es ist eine teuflische Spirale: Guinea wird seines Reichtums beraubt - der Fische im Meer. Weniger gefangener Fisch bedeutet weniger Geld für Kontrollen. Das wiederum lockt viele Piratenfischer in die Gewässer von Guinea: Das Risiko beim illegalen Fischen erwischt zu werden, ist hier nicht allzu groß ...

Wir haben an Bord der Esperanza nun zwei offizielle Beamte aus Guinea, die Fischereikontrollen durchführen. Unser Schiff kann wirksame Kontrollen ermöglichen. Die Esperanza ist bestimmt so schnell wie die Piratenfischer. Es wird uns niemand entwischen. Außerdem haben wir Schlauchboote an Bord und können die Beamten so auf die verdächtigen Schiffe übersetzen.

Mittlerweile haben wir sogar einen Hubschrauber, so dass in relativ kurzer Zeit auch weiter entfernte Gebiete überprüft werden können. Wir geben alles, um den Piratenfischern das schmutzige Handwerk zu legen.

25.03.2006

Heute war ich mal wieder mit einem der großen Schlauchboote, die die Esperanza hat, unterwegs. Unsere Mechanikerin hatte eine Reparatur am Motor durchgeführt. Anschließend musste eine Probefahrt gemacht werden, um sicherzustellen, dass alles einwandfrei funktioniert. Denn wer weiß, wie schnell das Boot vielleicht eingesetzt werden muss!

Hier an Bord ist das eine schöne Gelegenheit, die Probefahrt gleich mit einem Bootstraining zu kombinieren. Es ist es immer wieder ein tolles Gefühl, in einem Schlauchboot über die Wellen zu gleiten. Einerseits fühlt man sich sicher und vertraut auf diesem kleinen Stück Kunststoff und Gummi, andererseits ist da eben auch nicht mehr viel zwischen den menschlichen Körpern und dem endlosen Meer.

Immer wieder faszinierend, wie viel Leben in diesem Wasser auszumachen ist - und ich meine jetzt nur das Leben, was ich an der Oberfläche sehen kann, vom Leben unter Wasser, in den verschiedenen Wasserschichten, ganz zu schweigen. Vor St. Helena haben wir Delfine und Schildkröten gesehen. Und Delfine sehe ich hier immer wieder.

Einmal habe ich sogar eine Gruppe von richtig vielen Delfinen gesehen, ich bin mal vorsichtig und sage ein gutes Dutzend - waren wohl mehr, aber ich möchte nicht übertreiben. Das war schon ein irres Gefühl, auf einmal so viele Delfine im Wasser zu sehen, spielend, springend und scheinbar immer fröhlich.

Aber es gibt noch mehr Leben hier draußen zu bewundern: die fliegenden Fische zum Beispiel. Die circa 20 cm langen Fische haben wirklich flügelartige Flossen und schießen bei drohender Gefahr fast 10 Meter über das Wasser. Manchmal flüchten diese kleinen Geschöpfe gleich in großen Gruppen vor der Esperanza. Man schaut nichts ahnend auf die Wasseroberfläche und auf einmal springen vor einem zwei Dutzend Fische aus dem Wasser. Da kann man schon mal erschrecken.

Gestern habe ich noch andere Fische an der Oberfläche gesehen, die gesprungen sind und sich überschlagen haben. Zuerst dachte ich an Delfine, aber die Fische waren kleiner als Delfine. Außerdem waren es definitiv Fische, wie man an der Schwanzflosse sehen konnte: Bei einem Fisch steht die Schwanzflosse senkrecht zum Körper, beim Delfin dagegen waagerecht. Leider weiß ich nicht, was für Fische hier gesprungen sind, doch viel mehr würde mich interessieren, warum sie gesprungen sind...

Soviel für heute, viele Grüße, Timo

21.03.2006 - Abends hat man hier an Bord viel Zeit. Diese Zeit kann man auf unterschiedlichste Weise nutzen: Man kann auf einen Plausch oder eine Runde Dart in die Lounge gehen (die Lounge, dass ist unser Aufenthaltsraum hier an Bord). Oder man kann sich an Fitnessgeräten ertüchtigen, die wir an verschiedensten Orten an Bord haben.

Es gibt keinen extra Fitnessraum auf der Esperanza, die Geräte stehen dort, wo eben gerade Platz ist. Die Rudermaschine steht im Heli-Hangar. Das ist sozusagen die Garage für den Hubschrauber, den wir nicht immer an Bord haben - aber an Bord haben können. Der Fahrradtrainer steht in einem Nebenraum des Maschinenraums und Möglichkeiten Klimmzüge zu üben, die gibt es überall.

Nun ist es ja nicht so, als ob wir ein Schiff voller Fitness-Süchtiger wären, aber an Bord sind die Bewegungsmöglichkeiten nunmal eingeschränkt. Die Esperanza ist von vorn bis hinten 70 Meter lang. Da wird es schon mal knapp mit einem Hundertmeterlauf. Ganz abgesehen davon, dass noch einige Hindernisse im Weg sind. Und Ballsportarten sind auch nicht wirklich für das Bordleben geeignet, da die Verlustrate an Bällen auf See natürlichermaßen sehr hoch ist!

Natürlich kann man seine freien Stunden auch mit Lesen verbringen! Ich lese gerne und im Moment auch recht viel. Momentan lese ich "Regenzauber". Es handelt von einem Deutschen (Micheal Obert, ebenfalls Autor), der den drittgrössten Strom Afrikas, den Niger, von der Quelle bis zur Mündung bereist bzw. bereisen will. Ich findes es sehr spannend geschrieben und bin dabei, es zu verschlingen.

Der Autor beschreibt sehr detailliert seine Erlebnisse in Westafrika, abseits der großen Touristenströme. Die Geschichten von Freud und Leid gehen mir oft unter die Haut. Das Buch habe ich übrigens von meinen Kollegen und kolleginnen zur Abreise geschenkt bekommen. Dafürmöchte ich mich an dieser Stelle nochmal herzlich bedanken: Ihr habt meinen Geschmack voll und ganz getroffen! Vielen lieben Dank!

Hier im Atlantik bin ich ja gar nicht so weit von der Gegend entfernt, in der das Buch handelt: Westafrika. Noch nie war ich so dicht an Westafrika. Abgesehen von den knapp zwei Tagen in Kapstadt, als ich an Bord gegangen bin, habe ich noch nie einen Fuss auf den afrikanischen Kontinent gesetzt. Und auf dieser Reise an Bord der Esperanza werde ich Westafrika wohl nahe kommen, doch sehen und erleben werde ich es nicht! Aber deshalb bin ich ja auch nicht an Bord gekommen, obwohl es mich schon reizt, Westafrika kennenzulernen... An Bord gekommen bin ich, um mich aktiv gegen Piratenfischer einzusetzen, die hier ihr Unwesen treiben.

Viele Grüße für heute, Timo

18.03.2006 - Heute mittag hat ein neues Wochenende begonnen - mein drittes Wochenende hier an Bord. Das Wochenende beginnt damit, dass am Samstagvormittag aufgeräumt und das Schiff sauber gemacht wird, und zwar mehr als das tägliche Reinschiff.

Ich war heute beim Deckwaschen mit dabei: Durch die salzige Luft hier draußen setzt sich schnell Salz auf dem Deck, etc. ab. Und Salz fördert die Korrosion, also Rost und Rost ist nicht gut fürs Schiff und macht obendrein viel Arbeit - also weg mit dem Salz!

Das Beste wäre es, das Salz einfach mit Wasser abzuwaschen, natürlich mit Süßwasser. Aber so viel Süßwasser haben wir nicht an Bord, dass wir damit unser ganzes Schiff abwaschen könnten. Außerdem wird das Süsswasser in erster Linie zum Trinken, Kochen, Duschen, Waschen und Spülen von Geschirr benötigt.

Die Esperanza ist zwar mit einer Seewasseraufbereitungsanlage ausgerüstet, welche aus Seewasser Süsswasser gewinnt, aber natürlich nicht in unbegrenzten Mengen. Und bei solchen Anlagen muss man immer im Hinterkopf haben, dass sie ja kaputt gehen können. Und dann haben wir ja immer noch Durst!

Also haben wir beim Deckwaschen zu einem Kompromiss gegriffen: Zuerst haben wir das Deck mit Salzwasser abgespritzt, um das angetrocknete Salz zu lösen und wegzuspülen. Damit dieses Salzwasser nicht wieder an Deck trocknet und Salzablagerungen hinterlässt, haben wir anschließend mit Süsswasser das Seewasser von Bord gespült.

Das hört sich sicherlich doppelt gemoppelt an, aber es hilft tatsächlich das Deck sauber und salzfrei zu bekommen. Und dabei nur so wenig Süsswasser wie nötig zu verbrauchen.

Als ich heute so mit dem Schlauch über das Deck tobte, wurde mir eines bewusst: Ich habe mich ganz gut eingefunden, hier auf der Esperanza. Wenn ich mich daran erinnere, wie riesig mir das alles am ersten Tag vorkam. Die verschiedenen Decks, was wo ist, etc... Mittlerweile fühle ich mich mit der Umgebung vertraut, egal wo auf der Esperanza. Ich kenne die Räume des Schiffes, weiß wohin welche Treppe führt und wer hinter welcher Tür wohnt.

Und natürlich bin ich auch mit den Menschen an Bord vertraut geworden - ich weiß mittlerweile, wer für was zuständig ist, mit wem man beim Frühstück ein Schwätzchen halten kann und wer beim Frühstück einfach seine Ruhe möchte.

Doch, ich fühle mich wohl hier auf dem Schiff, es ist schon ein kleines bisschen wie ein Heim geworden. Ein Heim, auf und in dem ich noch einige Wochen verbringen werde...

Viele Grüße, Timo

15.03.2006 - Kalmen: Unter Kalmen (franz. calme = Flaute) versteht man die nahezu windstillen Gebiete im Bereich des Äquators, insbesondere im Bereich zwischen dem zehnten südlichen und dem zehnten nördlichen Breitengrad, der so genannten innertropischen Konvergenzzone. [...] Die sich erwärmende Luft steigt unter Bildung großer Wolkenformationen [...] auf. [...] Diese sehr schwüle und heiße Region war bei den Seeleuten gefürchtet, da die Segelschiffe oft monatelang in der Flaute festsaßen, was vielen zum Verhängnis wurde.

Das steht als Definition in einer Enzyklopädie. Und das trifft genau das Wetter des heutigen Tages: Es ist fast windstill, sehr schwül und bewölkt. Leider lässt ein abkühlender Schauer auf sich warten. Und die Schwüle verschlimmert sich noch dadurch, dass gestern Abend die Klimaanlage, welche ohnehin nicht zu leistungsstark ist, komplett ausgefallen ist.

Die Hitze dominiert im Moment den Tagesablauf. Man kan nicht mehr so schnell arbeiten, muss viel Wasser trinken und zum Schlafen geht man nachts am besten gleich nach draußen. Dort wird es irgendwann erträglich. Mir machen nicht mal die Temperaturen hier zu schaffen, die liegen tagsüber so bei 32 Grad, aber die hohe Luftfeuchtigkeit und die daher kommende Schwüle, die machen mich fertig.

Gerade jetzt ist es 19.00 Uhr, die Sonne steht schon sehr tief und wird in der nächsten halben Stunde untergehen, ich sitze vorm Computer und schreibe diese Zeilen - und zerfliesse. Dabei lässt sich die Sonne noch nicht mal oft sehen. Die meiste Zeit des Tages ist es diesig und verhangen. Langleinen-Piraten haben wir immer noch keine gefunden - aber ich hoffe einfach, dass sie uns nicht entwischen werden. Augen auf!

Grüße aus dem Atlantik, Timo

14.03.2006 - Nun ist es schon wieder einige Tage her, dass ich zum letzten Mal für dieses Tagebuch geschrieben habe - was in der Zwischenzeit passiert ist? Na ja, einiges könnte ich jetzt sagen und läge damit richtig. Wenn ich aber sagen würde, hier war nichts los, so wäre das auf seine Art auch richtig ...

Nicht viel passiert ist bisher im Bezug auf die Piratenfischer. Wir haben noch keinen der Langleinenfischer, die nach Thunfisch fischen, erspähen können. Aber nach wie vor heißt es Kopf hoch und Augen offen halten. Der Atlantik ist so riesig, das Gebiet in dem wir bisher suchen ist fast genau so groß wie Polen - und es ist ein Gebiet von mehreren möglichen ...

Ansonsten ist hier einiges an Kleinigkeiten passiert - nach einem ruhigen und gemütlichen Sonntag überquerten wir am Montag den

Äquator... Und da ist es guter Seemannsbrauch, dass König Neptun nebst Gemahlin an Bord kommt und diejenigen, welche noch nicht auf einem Schiff den Äquator passiert haben, zu taufen.

Ich bin zwar schon viel auf Schiffen herumgekommen und auch schon über den Atlantik gesegelt - aber noch nie über den Äquator. Deshalb zählte ich auch zu den zu Taufenden.

Die Taufe lief so ab: Für nachmittags war ein Feuermanöver angekündigt. Wir versammelten uns alle auf dem Sammelplatz, so wie wir das immer bei Feuermanövern machen. Nur diesmal war die Übung etwas anders. Der 1. Offizier der Esperanza führte uns mit etwas wirren und widersprüchlichen Ansagen über das Schiff, bis wir auf einmal in einen leeren Container gesperrt wurden. Wir waren ungefähr 15 Menschen da drin. Während wir da drin saßen, kamen König Neptun und seine Gemahlin an Bord. Dann wurden wir einzeln rausgerufen.

Als ich an der Reihe war, wurden mir sofort nach dem Verlasen des Containers die Augen verbunden und ich wurde zum Helideck geführt. Dort wartete der König der Gewässer ... Wider meiner Erwartung wurde mir die Augenbinde aber nicht abgenommen und ich musste mit immer noch verbundenen Augen vor Neptun knien.

Und es hagelte Kritik. Neptun warf mir vor, dass ich beim Arbeiten an Deck zu viel Lärm machen würde - was natürlich 1. gar nicht stimmt und 2. nur von dem Pressluft-Nadelhammer kommen kann. Das ist ein Werkzeug, mit dem man verrostete Stellen an Deck bearbeitet und es arbeitet sich richtig gut damit, macht aber einen Höllenlärm.

Aber es stand mir ein Anwalt zur Seite. Ich erkannte schnell die Stimme unseres Kochs Miguel. Meinem Anwalt gelang es, König Neptun von meiner Unschuld zu überzeugen und ich wurde mit allerlei schmierigen Flüssigkeiten eingesalbt. Das gehört offensichtlich zur Taufzeremonie dazu. Ich war heilfroh, dass meine Augen noch verbunden waren - so musste ich das Zeug nur riechen und nicht sehen ...

Nun bin ich von König Neptun getauft worden und jeder der Getauften hat eine Art Taufbestätigung bekommen. Am Abend haben wir dann auf dem Helideck gegrillt. Aber erst nachdem Neptun und seine Helfer in einer gehörigen Wasserschlacht selbst gereinigt wurden...

Das Feuermanover haben wir dann einen Tag später nachgeholt.

Timo

12.03.2006 - Heute dominierte ein Begriff die meisten Gespräche an Bord: ROSTOCK! Aktivisten und Aktivistinnen haben dort Piratenfischer am Auslaufen gehindert, nachdem diese dort monatelang im Hafen lagen. Hier an Bord freuen wir uns, dass diese Schiffe durch das beherzte Eingreifen engagierter Menschen nicht so einfach auslaufen können, um weiterhin die Meere illegal zu plündern. Und wir freuen uns mit den Aktivisten in Deutschland, die dies erreicht haben!

Wir haben heute einen etwas unplanmäßigen Stopp vor Ascension Island (gehört zu Großbritannien) eingelegt. Zwei Gründe zwangen uns dazu: Zum einen hat uns unser koreanischer Übersetzer Jude verlassen. Er muss wegen dringender persönlicher Angelegenheiten schnellstens nach Hause. Sehr schade. Jude ist ein sehr netter und angenehmer Zeitgenosse und wir hatten oft viel Spaß zusammen.

Nachdem wir fast zwei Wochen auf See sind, hat sich aus dem Haufen Menschen, die hier an Bord mit den unterschiedlichsten Aufgaben betraut sind, ein richtiges Team entwickelt. Dann ist es natürlich umso bedauerlicher, wenn ein Mitglied des Teams eben dieses schon wieder verlassen muss. Zumal das ja nicht geplant war ... Jude wird uns an Bord fehlen.

Der zweite Grund für unseren Stopp vor Ascension Island: Unser Chief Engineer (Leiter der Maschinenanlage) hatte Zahnschmerzen. Jeder weiß, wie höllisch unangenehm so etwas sein kann. Daher war ein Besuch beim Zahnarzt unumgänglich, zumal diese Insel gerade in der Nähe war. Bent, dem Chief Engineer, konnte dort sofort geholfen werden.

Als wir vor Ascension stoppten, kam ein Boot der Inselverwaltung zu uns rausgefahren. Die Formalitäten wurden geklärt und Jude und Bent fuhren mit dem Boot an Land. Wir sind weder in den Hafen eingelaufen noch lagen wir vor Anker. Wir haben uns in der Zwischenzeit - bis Bent zurückgebracht wurde - einfach treiben lassen.

Wir nutzten die Pause für ein erfrischendes Bad in den stahlblauen Fluten des Atlantiks. Es war ein wunderbares Gefühl. So oft habe ich den letzten Tagen davon geträumt, einfach in diesem so schön anzusehenden Wasser zu schwimmen. Tagsüber ist es hier sehr warm, gut über 30 Grad. Beim Arbeiten kommt man ganz schön ins Schwitzen und da wünscht man sich schon mal eine Abkühlung. Aber wenn die Esperanza fährt, geht das natürlich nicht. Daher haben wir es umso mehr genossen!

Den Empfang vor Ascension Island habe ich noch gar nicht beschrieben. Diesen Empfang, mit dem uns Mutter Natur beschenkte. Er hat mich richtig umgehauen. Als wir langsam an der Insel entlangfuhren, erblickte ich einen Delfin am Bug der Esperanza! Und noch einen, und noch einen ... Ich zählte schließlich sechs Delfine, die am Bug der Esperanza spielten, sich etwas zurückfallen ließen, um dann ganz rasch wieder aufzuschließen.

Diese Geschöpfe überwältigen mich immer wieder, wenn ich sie zu Gesicht bekomme. Sie bewegen sich so vollkommen durch ihr Element, das Meer. Es ist eine wahre Augenweide. Man kann kaum eine Bewegung des Körpers erkennen, und dennoch beschleunigen sie, drehen Kurven, drehen sich um ihre eigene Achse, kommen zum Atmen an die Oberfläche, springen ... Es war fantastisch!

Als die Delfine nach fünf oder zehn Minuten genug vom Spielen mit dem großen Fisch hatten - der so langweilig ist und nicht richtig mitspielt (die Esperanza) - und ihrer Wege zogen, entdeckten wir die erste Schildkröte. Bald darauf noch eine. Sie kamen nicht so nahe wie die Delfine, aber sie waren dennoch klar zu erkennen. Sie kamen zum Atmen an die Oberfläche und streckten den Kopf aus dem Wasser. Danach tauchten sie wieder ab, wobei ihr Panzer kurz an der Oberfläche zu sehen war. Es war wunderschön, diese Tiere aus der Nähe und vor allem in der freien Natur beobachten zu können.

Und wie ich so über diese Schönheit der Natur nachdenke und mich an ihr erfreue, kommen mir wieder die Piratenfischer in den Sinn. Wie sie mit langen, richtig langen, 100 Kilometer (!!!) langen Leinen, an denen kurze Leinen mit Haken und Köder befestigt sind (man nennt dies Langleinenfischerei), versuchen die größten und schönsten Thunfische aus der Tiefe, aus dem Meer zu rauben.

Allzu oft verenden an diesen Leinen andere Tiere, an denen den Piratenfischern gar nichts liegt. Diese Tiere gehen als nutzloser Beifang tot oder sterbend wieder über Bord. Um dagegen zu demonstrieren, bin ich hier! Denn zu diesem Beifang der Piratenfischer gehören neben Haien und Seevögeln auch Schildkröten und Delfine ...

Nachdenkliche Grüsse, Timo

09.03.2006 - So langsam laufe ich Gefahr, schlechte Stimmung zu bekommen. Obwohl wir Tag und Nacht die Augen offen halten, den Horizont genau so wenig wie den Radarschirm aus den Augen lassen, haben wir noch keinen Thunfisch-Piraten ausmachen können. Ich denke mir dann, wir können hier so weit sehen, haben gute Radargeräte und fahren mit der Esperanza knapp 10 Knoten - wir müssen diese Piratenfischer doch erwischen können.

Aber umgeben von den riesigen Wassermassen, vergesse ich manchmal, wie groß der Atlantik ist. Wie unendlich sich die Wasserfläche ausbreitet. Das Gebiet, in dem sich die Thunfisch-Piraten herumtreiben und wir nach ihnen suchen, ist größer als Polen! Außerdem sind wir erst den dritten Tag in diesem Gebiet. Also Kopf hoch und weiterhin gut die Augen offen halten!

Soviel in aller Kürze, Timo

08.03.2006: Bootfahren, gelbes Floss zu Wasser, Grossreinschiff und zu guter letzt ein BBQ - heute war hier mächtig was los... Aber langsam und der Reihe nach.

Heute morgen stand ein weiteres Bootstraining an, und zwar mit dem großen Schlauchboot der Esperanza, genannt African Queen. Die Queen, so wird das Boot an Bord in der Kurzform genannt, ist ein 7,5 Meter langes Schlauchboot mit einem 6-Zylinder Innenbord-Motor und Platz für ganz schön viele Menschen - zu acht hat man noch jede Menge Platz ...

Jedenfalls bin ich heute zum erstenmal die African Queen gefahren. Ein schönes Gefühlauf dem stahlblauen, mehrere tausend Meter tiefen Atlantik in einem zwar großen, aber doch irgendwie kleinen Schlauchboot zu fahren.

Ich bin vorher schon vergleichbare Schlauchboote gefahren, aber jedes Boot hat doch seine ganz eigenen Kniffs, Manöveriereigenschaften und Eigenheiten. Es ist also unerlässlich ein Boot erstmal kennenzulernen. Ich habe sofort Gefallen an der Queen gefunden.

Als das Schlauchboot im Wasser war, ließen wir wieder das gelbe Floss zu Wasser. Mit dem Floss wollen wir kleinste, im Wasser schimmende Plastikpartikel nachweisen. Ich hatte schon davon berichtet. Mittlerweile haben wir die Schleppkonstruktion in vielen kleinen und grossen Schritten verbessert, so dass das Floss nun neben dem Schiff geschleppt wird und auch das Aussetzen und Wieder-an-Bordnehmen wesentlich einfacher geworden ist.

Als Floss und Schlauchboot wieder an Bord waren, ging es nach dem Mittagessen an eine Großreinemach-Aktion: Deckwaschen war angesagt. Die gesamte Besatzung der Esperanza machte mit. Es ging von oben nach unten, von links nach rechts. Es war ein ganz schönes Geracker, aber es hat sich gelohnt, die Esperanza sieht wieder richtig schmuck aus.

Nach getaner Arbeit freute ich mich umso mehr auf ein schönes Abendessen. Pünktlich machte ich mich zum Essen in die Messe auf. Die Messe ist der Raum, in dem die Mahlzeiten eingenommen werden. Aber was fand ich dort? Absolut gähnende Leere. Haben die anderen etwa alle keinen Hunger, schoss es mir durch den Kopf. Kann nicht sein ... und dann kam mir die Erleuchtung: Vielleicht wird heute auf dem Helideck gegrillt? Und das war es.

Es waren schon 'ne Menge Hungrige um den Grill auf dem Helideck versammelt als ich dort ankam. Es gab ein leckeres Abendbrot an der frischen Luft. Gekrönt wurde das Mahl von einem wunderschönen Sonnenuntergang.

Ich muss dazusagen, dass die stundenlang dauernden Sonnenuntergänge in den tropischen Breiten eine Hollywood-Erfindung sind. Tatsächlich dauern sie keine 15 Minuten. Man muss also schon zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, wenn man einen schönen Sonnenuntergang verfolgen will.

Soweit war es ein wunderschöner Tag. Wäre da nicht eine "Kleinigkeit" - wir haben den ganzen Tag Ausschau nach Piratenfischern gehalten und noch keinen einzigen entdecken können. Man könnte ja denken: Super, keine Piratenfischer, kein illegal gefischter Thunfisch. Also alles in bester Ordnung. Doch wir wissen, dass es Piratenfischer gibt. Und sie sind hier - nur wo genau, das wissen wir (noch) nicht. Deshalb heisst es: Augen auf!

Viele Grüsse, Timo

07.03.2006 - Heute morgen war was anders - bei meinem Blick aus dem Bullauge meiner Kammer sah ich Land! Zum erstenmal seit Kapstadt gab es Land zu sehen. Eine Insel lag vor uns: St. Helena! Dieses kleine Eiland mitten im Südatlantik gehört zu Grossbritannien. Einst wurde Napoleon Bonaparte dorthin deportiert. Wir haben vor St. Helena gestoppt, sind aber nicht in den Hafen eingelaufen.

Wir mussten Taucher ins Wasser schicken, da sich unterwegs irgendwas in einer der beiden Schiffsschrauben verfangen hatte. Deshalb fuhren wir die letzten Tage nur mit einer Schraube. Für die Esperanza ist das aber nicht tragisch, da trotzdem ausreichend Maschinenleistung vorhanden ist, um unsere geplante Reisegeschwindigkeit zu halten.

Auf dem freien Wasser wären die Wellen zu hoch zum gefahrlosen Tauchen gewesen. Das Schiff bewegt sich da immens. Deshalb haben wir uns in den Schutz von St. Helena begeben. Und tatsächlich fanden die beiden Taucher in der Schiffschraube ein großes Stück Tau, mit dem normalerweise Schiffe festgemacht werden, auch Festmacherleine genannt. Daran war sogar noch ein Stück dickes Drahtseil.

Wir sind alle sehr froh, dass wir dieses Zeug aus der Schiffschraube raus bekommen haben und wieder beide Schrauben benutzen können. Die Frage, wie dieses Zeug in die Schraube hineingekommen ist, bleibt allerdings offen ...

Hinter St. Helena liegt nun das Gebiet, in dem die Piratenfischer unterwegs sind. Jetzt heißt es für alle an Bord: Augen ganz weit auf, Tag und Nacht!

Viele Grüße, Timo

05.03.2006 - Am heutigen Sonntag geht es auf der Esperanza ruhig und manierlich zu. Es ist Wochenende und es werden nur die notwendigsten Arbeiten ausgeführt. Natürlich wird das Schiff gesteuert und navigiert, das kann schließlich nicht einen Tag ausfallen. Aber beispielsweise das Reinschiff machen wird auf ein Minimum reduziert. Ebenso werden nur absolut notwendige Reperatur- und Wartungsarbeiten ausgeführt.

Sonst heißt Sonntag auf einem Schiff Erholung. Dabei stehen lesen oder schreiben auf dem Programm. Ich verbrachte meinen Nachmittag lesenderweise in meiner Hängematte an Deck. Meine Hängematte habe ich mir vor fünf Jahren in Mexico gekauft und sie hat mich seither treu begleitet. Hier an Bord gibt es nicht viele Hängematten und sp habe ich schon den einen oder anderen neidischen Blick aufgefangen ...

Ab heute Abend habe ich Nachtwache. Von 20 bis 24 Uhr gehe zusammen mit dem Kapitän, Pete, Wache. Dann heißt es Ausguck gehen, Pete unterstützen wo ich kann und Sicherheitsrunden durch das Schiff drehen. Das ist besonders wichtig, wenn Alle schlafen. Es muss darauf geachtet werden, dass alles in Ordnung ist, kein Feuer ausbricht oder nichts lose rumliegt und anfangen kann Krach zu machen.

Diese Aufgaben werden mich während der ganzen nächsten Woche begleiten, denn ich habe nun eine Woche Wache. Ich freu mich darauf, denn von Pete kann ich viel über die Esperanza lernen. Außerdem ist es ein schönes Gefühl, oben auf der Brücke zu stehen und den vorbeiziehenden Wassermassen zuzusehen.

Langsam nähern wir uns der Gegend, in der wir Piratenfischer auf der Jagd nach Thunfisch vermuten. Wahrscheinlich werden wir am Dienstag dort eintreffen. Die Spannung steigt, denn niemand weiß was uns dort erwarten wird.

Soviel für heute, Grüße aus dem Südatlantik, Timo

03.03.2006 - Ein ganz normaler Tag auf der Esperanza. Und für mich stand er unter dem Motto Farbarbeiten. Da die Esperanza aus Stahl gebaut ist - wie fast jedes andere Schiff dieser Art und Größe - besteht immer und überall die Gefahr des Rostens. Zwar kann man durch Rostschutzanstriche schon viel Schutz erreichen, aber Seewasser mit seinem hohen Salzgehalt ist sehr, sehr agressiv.

Und so kommt es, dass jedes Schiff früher oder später anfängt irgendwo zu rosten. Die einzige Abhilfe, die geleistet werden kann, ist solide Handarbeit: Die betroffenen Stellen müssen mit Drahtbürsten von Rost und Dreck befreit werden und anschließend wird ein neuer, aus mehreren Lagen bestehender Anstrich aufgebracht.

Am Nachmittag gab es eine kleine Überraschung. Es gab Feueralarm. Zum Glück nur zur Probe! Als wir uns alle am Sammelplatz eingefunden hatten, berichtete unser Steuermann Mike von einem Feuer im Aufenthaltsraum. Daraufhin wurden Atemschutzgeräteträger ausgerüstet und Feuerlöschschläuche gelegt. Wir verschlossen alle Türen sowie Be- und Entlüftungen des betroffenen Raumes, um eine Ausbreitung des imaginären Feuers zu verhindern. Es klappte alles gut. Natürlich waren wir alle froh, dass es nur eine Übung war. Hoffentlich müssen wir den Ernstfall nie erleben, aber wenn er uns doch treffen sollte, sind wir gut vorbereitet!

Soweit für heute, Timo

02.03.2006 - Heute habe ich mein erstes Bootstraining an Bord der Esperanza mitgemacht! Zwar habe ich schon einige Bootstrainings begleitet und mitgemacht, aber noch keines so richtig von einem Schiff aus.

So habe ich auch zum ersten Mal mitbekommen, was es heißt, ein Schlauchboot von einem Schiff aus zu Wasser lassen. Es gibt dafür zwar einen Kran an Bord, aber auf See ist ja alles in Bewegung. Das Schlauchboot muss also durch mehrere Leinen am Hin- und Herschwingen gehindert werden. Und die müssen auf die richtige Art und zum richtigen Zeitpunkt bedient werden.

Bedienen heißt also entweder ziehen, an Bord nennt man das holen, oder kontrolliert Leine lassen, das heißt fieren. Und da wir ja eine internationale Crew an Bord der Esperanza sind, wird natürlich Englisch gesprochen. Dann heißen die Kommandos pull und slack.

Ich habe übrigens erst heute Abend bemerkt, dass die 32-köpfige Besatzung der Esperanza, welche sich hier zusammengefunden hat, um sich gegen die Piratenfischerei einzusetzen, aus sage und schreibe 14 Nationen kommt. Unsere Reise wird also ein im wahrsten Sinne des Wortes internationaler Protest.

So viel für heute - viele Grüße aus dem Südatlantik, Timo

01.03.2006 - Die Routine auf dem Schiff, mit allem was zum alltäglichen Betrieb dazugehört, stellt sich allmählich ein. Nach dem Frühstück wird das ganze Schiff gereinigt, also Reinschiff gemacht. Danach beginnen die verschiedenen Tagesarbeiten wie Kombüsendienst, Reparaturarbeiten oder Malarbeiten. Auf einem Schiff gibt es immer genug zu tun...

Wir haben eine Art Floß an Bord, welches hinter dem Schiff geschleppt werden kann und an diesem Floß wiederum ist ein kleines, sehr feines Netz befestigt. Die Öffnung ist nur ungefähr 90 mal 60 Zentimeter groß. Sinn dieses Netzes ist, kleinste Plastikpartikel, welche an der Meeresoberfläche oder ganz knapp darunter schwimmen, einzusammeln und so überhaupt nachweisen zu können.

Heute Nachmittag gab es dann ein erstes Highlight - das Floß wurde zum ersten Mal zu Wasser gelassen. Der Wissenschaftler Adam aus Großbritannien, mit welchem ich mir übrigens eine Kabine an Bord teile, betreut dieses Projekt - und war verständlicherweise etwas aufgeregt... Wir konnten das Floß problemlos zu Wasser bringen und probierten die ganze Schleppvorrichtung und alles, was dazugehört, aus. Letztendlich war das Floß heute aber deutlich weniger als eine Stunde im Wasser - es war ja zum Ausprobieren.

Ich bin völlig fasziniert von dem tiefblauen, glasklaren Wasser hier im Südatlantik. In den Pausen oder nach Feierabend kann ich stundenlang an der Reling stehen und einfach den Blick auf dieses tiefblaue Wasser genießen. Ich konnte mir dementsprechend überhaupt nicht vorstellen, was das Netz des Floßes aus diesem glasklaren Wasser fischen sollte.

Aber als ich dann Adams Ausbeute sah, da verschlug es mir den Atem: Ich konnte heute den ganzen Tag nicht ansatzweise eine Küste sehen. Trotzdem waren nach dieser relativ kurzen Zeit doch recht viele Faserreste und vor allem Plastikkrümel ins Netz gegangen. Das Meer sieht doch so klar und sauber aus... Aber der Schein trügt offensichtlich!

Viele Grüße von Bord der Esperanza, Timo

28.02.2006 - Heute war ein erlebnisreicher, aber auch sehr arbeitsreicher Tag hier in Kapstadt. Das ganze Schiff musste für die Reise vorbereitet werden, es wurde überall gearbeitet. Ich habe den ganzen Tag geholfen, den hinteren Laderaum aufzuräumen. Seefest zu machen, sagt man dazu auf einem Schiff.

Im hinteren Laderaum der Esperanza werden allerlei Ausrüstungsgegenstände gelagert, vom Reservetauwerk über alte Banner, die zum Beispiel während der letzten Etappe der SOS-Weltmeer-Tour in der Antarktis eingesetzt wurden, bis hin zu Ersatzteilen für die Außenbordmotoren der Boote.

Da ich erst seit einem Tag an Bord bin, gibt es heute für mich unglaublich viel zu sehen und zu lernen - ein so großes Schiff wie die Esperanza ist von innen ganz schön verwinkelt. Man muss sich erstmal auf den verschiedenen Decks zurechtfinden.

In Kapstadt liegt die Esperanza etwas abseits in einem Hafenbecken mit vielen Fischerbooten meist älterer Bauart. Tief beeindruckt hat mich das Leben, das ich dort beobachten konnte: An die öfters am Tag auftauchenden

Robben hatte ich mich ja schon fast gewöhnt, auch wenn ich sie in einem solchen Hafenbecken nicht erwartet hätte. Aber heute Nachmittag sehe ich dann wirklich 3 Delfine im Hafenbecken! Das ist schon toll und ich unternehme den Versuch, diese eleganten Tiere zu fotografieren. Sehr schnell muss ich allerdings feststellen, dass sie immer den entscheidenen Tick schneller als meine Kamera sind...

Nach dem Abendessen laufen wir dann schließlich aus Kapstadt aus: Die Maschinen der Esperanza erwachen zu neuem Leben, sie wummern tief unten im Schiffsinneren. Auch an Deck herrscht reges Treiben: Ich bin damit beschäftigt, die Leinen in einem weiteren Vorratsraum zu verstauen.

Leinen hört sich ja erstmal ganz handlich an - auf einem Schiff von der Größe der Esperanza sind diese Leinen, die das Schiff an der Kaimauer halten, natürlich etwas dicker: etwa sieben Zentimeter im Durchmesser. Damit

verbunden ist natürlich ein entsprechendes Gewicht, so dass man beim Arbeiten mit diesen Leinen schon ganz schön ins Schwitzen kommt.

Als ich diese Aufgabe erledigt habe und wieder an Deck komme, liegt der Hafen von Kapstadt schon hinter uns. Das Auslaufen selbst ging recht schnell. An Bord kehrt jetzt erstmal Ruhe ein. Das Schiff wird von den Wellen ganz sachte hin und her bewegt. Mutter Natur wiegt uns langsam in den Schlaf...

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