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Aigner blockiert auf Kosten des Artenschutzes

Verlieren die Ozeane bald ihren Herrscher? Als König der Meere bezeichnen Fischer den Blauflossenthunfisch. Dessen Bestand steht kurz vor dem Kollaps. Die Zeit zur Rettung der Art, die auch den Namen Roter Thun trägt, wird knapp. Nur ein internationales Handelsverbot kann den Zusammenbruch der Bestände verhindern. Das hat auch Bundesumweltminister Gabriel erkannt und deutsche Unterstützung bei den Verhandlungen um eine Aufnahme des Roten Thuns in die Rote Liste des Washingtoner Artenschutzabkommens zugesagt. Doch die für Fischereifragen verantwortliche Bundesministerin Ilse Aigner blockiert. Heute bekam die CSU-Politikerin deshalb Post von den 13 größten deutschen Natur- und Umweltschutzorganisation.

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In dem offenen Brief an die Ministerin werfen die Geschäftsführer der Umweltschutzorganisationen Aigner vor, Kompetenzstreitigkeiten mit dem Umweltministerium vor den Schutz einer aussterbenden Tierart zu stellen. Da sich Aigner nicht mit dem Bundesumweltministerium abzustimmen scheint, vermuten sie einen politischen Kompetenzstreit zwischen den betroffenen Ministerien.

Thilo Maack, Meeresbiologe bei Greenpeace, ärgert sich über die Bocksbeinigkeit der Ministerin. Für ihn ist die wissenschaftliche Beweislast erdrückend. Ministerin Aigner schlägt alle Warnungen von Wissenschaftlern in den Wind. Das ist verantwortungslos und nicht nachvollziehbar.

Noch Ende Juli 2009 hatte Umweltminister Gabriel verkündet, ein Handelsverbot zu befürworten. Vorher hatten schon Monaco, Frankreich, die Niederlande und Großbritannien einem solchen Verbot zugestimmt. Gerade die Zusage des französischen Staatspräsidenten Sarkozy kam überraschend: Frankreich besitzt die größte offizielle Fangflotte Europas.

Deutschland hingegen verfügt über keine eigene Thunfischfangflotte und hat somit keine direkten wirtschaftlichen Interessen an Fang und Vermarktung. Umso unverständlicher, dass Aigner nicht bereit ist, sich für den Schutz des Roten Thuns stark zu machen.

Auf EU-Ebene ist Joe Borg für Fischereifragen zuständig. Der EU-Kommissar schätzt, dass allein die europäische Thunfischflotte dreimal größer ist, als der Bestand verkraften kann. Um den Thunfisch zu retten, müsste beim nächsten Treffen des Washingtoner Artenschutzabkommens CITES (Convention on International Trade of Endangered Species of wild fauna and flora) im März 2010 ein Handelsverbot beschlossen werden.

Innerhalb der letzten fünf Jahre hat sich die Situation des Roten Thuns (Thunnus thynnus) dramatisch verschärft. Umweltverbände warnen seit Jahren vor dem Zusammenbruch der Bestände, lokal wird die Art in Kürze ausgerottet sein. Maack: Die Bestände des Roten Thunfisch sind auf ein Viertel ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft. Kein Tier erreicht mehr die früheren Größen von über vier Meter und ihr früheres Rekord-Gewicht von bis zu 450 Kilogramm. Wissenschaftler und Umweltverbände sind sich einig: Machen wir so weiter, wird der Rote Thunfisch bald nur noch in Büchern zu finden sein.

So lange es kein Handelsverbot gibt, wird der Rest-Bestand des Roten Thuns hemmungslos gejagt. Schließlich ist sein Fleisch viel wert: Die ständig zurückgehenden Fänge der Mittelmeeranrainer werden zu fast 100 Prozent nach Japan exportiert. Auf dem dortigen Sushi-Markt ist das Fleisch so begehrt, dass einzelne Tiere für bis zu 100.000 US-Dollar über den Tresen gehen.

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