Gülle verschmutzt zunehmend Trinkwasser und Gewässer

Wohin mit der Scheiße?

Einst ein wertvoller Dünger, heute eher eine Plage: Deutschlands industrielle Tierhaltung produziert mehr Gülle, als das Land verträgt.
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Eigentlich verdient es mehr Respekt. Stattdessen rümpfen wir die Nase – auch das ist berechtigt, denn es stinkt. Gemeint ist das Düngen mit Mist oder – in flüssiger Form – Gülle. In den Exkrementen von Tieren steckt Stickstoff - wertvoll ist die Stickstoffverbindung Nitrat. Zusammen mit Wasser bildet sie die Grundlage dafür, dass Pflanzen wachsen.

So wirkt eine höhere Nitratkonzentration im Boden ertragssteigernd. Deshalb galt schon in Zeiten von Ein- oder Zwei-PS-Gefährten der Titel des Volksliedes: „Im Märzen der Bauer, die Rösslein einspannt“.  Auch heute ist das Ausbringen des Stallmists im Frühjahr sinnvoll, damit die Bauern genügend Lebensmittel ernten und Futter fürs Vieh einfahren können. Ein fruchtbarer Kreislauf. Nur leider ist er aus dem Ruder gelaufen.

Das fängt schon damit an, dass in den immer größer werdenden Ställen die Tiere eher auf Spaltenböden als auf Stroh gehalten werden. Für die Bauern bedeutet es weniger Arbeit, wenn Kot und Harn über Spalten in darunterliegenden Auffangbecken landen. Für die Tiere sind eingestreute Ställe eindeutig besser – für die Umwelt auch. Denn Stallmist ist für die Böden deutlich hochwertiger als Gülle.

Was zu viel ist, ist zu viel

Zudem produzieren die riesigen Ställe mit bis zu 60.000 Schweinen stellenweise mehr Gülle als die Äcker vertragen. Wohin also damit? Bis zur ohnehin zu hoch gesteckten, erlaubten Menge kommt sie auf die Felder; doch manchmal wird auch mehr ausgekippt, denn die Entsorgung der überflüssigen Gülle ist teuer. Pflanzen können jedoch nur begrenzt Nitrat aufnehmen. Das, was sie nicht benötigen, gelangt in die Luft oder den Boden, der größte Teil landet im Wasser, da die Substanz extrem wasserlöslich ist. So sickern die Wirkstoffe bei Regen ins Grundwasser oder sie werden in Bäche, Flüsse und dann ins Meer geschwemmt – und sorgen dort für Unheil.

Gülle kann Wässerchen trüben

Urlaubern begegnet das Übel in Form stinkender Algenteppiche im Meer oder  sogenannter umgekippter Seen, die in der Folge gesperrt werden. Und wenn es ganz arg kommt, schwimmen Fische mit dem Bauch oben. Wieso das so ist? Die angeschwemmten Nährstoffe regen das Wachstum von Algen und Wasserpflanzen stark an, der Hunger von Wasserlebewesen, die den Bewuchs fressen, erhöht sich dadurch logischerweise nicht. Das Gleichgewicht zwischen Wachstum und Verzehr gerät aus den Fugen. Die überflüssige Biomasse fault – ein sauerstoffzehrender Prozess, der Wasserlebewesen schwächt.

Nach einigen Jahren bis hin zu Jahrzehnten gelangt Nitrat ins Grundwasser und somit auch in unser Trinkwasser. Zu hohe Konzentrationen haben Auswirkungen auf unsere Gesundheit: Bei Erwachsenen steigt das Krebsrisiko, bei Säuglingen kann die unverhältnismäßige Aufnahme zu Blausucht oder sogar zum Tod führen. Deshalb gilt für Trinkwasser ein strenger Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser. An 28 Prozent der Messstellen wurden allerdings höhere Werte registriert. Daher wird es für die Wasserwerke in einigen Regionen immer schwerer, den Grenzwert einzuhalten: Sie müssen zunehmend verschmutztes Wasser reinigen und mit sauberem mischen. Ein aufwändiges Verfahren – das zu Preissteigerungen bis zu 62 Prozent führen kann.

Deutschland verstößt gegen EU-Recht

Ein Ärgernis für Verbraucher – zumal Deutschlands Politik das Problem hat schleifen lassen. Das deutsche Düngegesetz fällt weit hinter den strengeren Regelungen der europäischen Nachbarn zurück. Das ist auch der EU aufgefallen: Weil Deutschland mit dem laxen Düngegesetz die europäische Nitratrichtline zum Schutz von Gewässern nicht erfüllt, gab es im Frühjahr 2016 eine Verwarnung. Getan hat sich nichts, deshalb folgte eine Klage der EU. Der Bundesrepublik – und somit dem Steuerzahler – drohen nun Strafzahlungen in Milliardenhöhe.

Auch beim Ammoniak hält Deutschland die Grenzwerte nicht ein. Dieser Luftschadstoff gefährdet die menschliche Gesundheit und sorgt für die Versauerung von Wäldern und Gewässern. 95 Prozent des Ammoniaks stammt aus der Landwirtschaft. Verursacher sind hier zwar hauptsächlich Ställe mit schlechten Filteranlagen, aber auch beim Ausfahren der Gülle wird Ammoniak freigesetzt. Dieser Angelegenheit könnte mit moderner Technik wie der bodennahen Ausbringung begegnet werden – was in Deutschland aber kaum geschieht.

Weg mit dem Mist

Seit Februar 2017 gibt es ein neues Düngegesetz. An den Problemen wird es nichts ändern: Nach wie vor gibt es keine Kontrolle darüber, wie viel Gülle in der Landwirtschaft produziert wird. Maßnahmen, die zu weniger Gülle auf dem Acker führen könnten, sind nicht erkennbar.

„Christian Schmidt traut sich nicht an das grundlegende Problem heran“, sagt Christiane Huxdorff, Expertin für Landwirtschaft bei Greenpeace. „Deutschland produziert zu viel Fleisch – 20 Prozent der Ware wird gar nicht hierzulande gegessen, sondern für den ausländischen Markt hergestellt. Solange jedes Jahr in deutschen Schlachthäusern mehr als acht Millionen Tonnen Fleisch produziert werden, werden wir ein Gülleproblem haben.“ Die Lösung ist also ganz einfach: weniger Fleisch, weniger Tiere, weniger Gülle.

(Stand: März 2017)

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