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Revolución im Treibhaus

Jahrzehntelang wurde auf spanischen Obst- und Gemüseplantagen hemmungslos die Giftspritze eingesetzt. Auf Druck von Verbrauchern und Händlern beginnt nun ein Umdenken

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Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, aber für Juan Luis Soler ist es eine kleine Revolution: Wir müssen gesunde Produkte erzeugen, sagt der Mitarbeiter der Erdbeerplantage Goldfinger in Villanueva de los Castillejos. Auf zwei von 27 Hektar bekämpft Soler das Ungeziefer neuerdings mit deren natürlichen Feinden, setzt Insekten, Bakterien und Pilze aus. Wir haben die Zahl der Spritzungen um mehr als Hälfte reduziert, sagt er. Das Ergebnis: Erdbeeren mit weniger Rückständen.

Die Goldfinger-Farm liegt in Huelvas, neben der Provinz Almería das wichtigste Obst- und Gemüse-Anbaugebiet Spaniens. Bislang war die Region bekannt für Pestizidskandale, exzessiven Düngemitteleinsatz und Wasserverschwendung, unter Verbraucherschützern galt sie als Synonym für rücksichtslose Landwirtschaft.

Doch auf Druck deutscher Lebensmittelhändler, den größten Abnehmern von spanischem Obst und Gemüse, stellen immer mehr Bauern auf umweltfreundlicheren Anbau um. Zwar ergibt eine biologische Kontrolle von Ungeziefer noch lange keine Bio-Produkte, auch weiterhin kommt beispielsweise gegen Pilzbefall die Giftspritze zum Einsatz - aber ein Anfang ist gemacht.

In Huelvas hat sich die biologisch kontrollierte Anbaufläche in nur einem Jahr verfünffacht, in Almería werden schon 2000 Hektar mit Nützlingen geschützt (von 35.000 ha). Bei Paprika rechnen wir damit, dass kommendes Jahr fast die Hälfte der Anbaufläche biologisch kontrolliert wird, sagt Uwe Schwießelmann von Coexphal, der Vereinigung der Hersteller und Exporteure in Almería. Das enspreche etwa 14 Prozent der Paprika-Anbaufläche.

Die Blütezeit der Region begann in den 80er Jahren, als großzügige EU-Subventionen den Aufbau einer Agrarindustrie in der einstigen Einöde ermöglichten. Nirgendwo sonst in Europa scheint die Sonne so häufig wie hier, beste Vorausetzungen für Tomaten, Paprika oder Tafeltrauben - bei künstlicher Bewässerung. Heute erwirtschaften etwa 24.000 Farmen in Almería rund 1,7 Milliarden Euro Jahresumsatz. Die Frischeregale fast aller europäischen Supermärkte werden von hier aus gefüllt.

Die Kehrseite ist el mar del plástico, das Plastikmeer. Auf einer Fläche so groß wie München erstrecken sich weiße Gewächshäuser und Folientunnel, schäbigweiß so weit das Auge reicht. Doch die Monokulturen unter der Plastik sind besonders anfällig für Schädlinge. Deutsche Lebensmittelkontrollen belegen regelmäßig den freigiebigen Einsatz von Chemie: Im Jahr 2004 waren 58 Prozent aller überprüften spanischen Paprika mit Pestiziden belastet, bei Tomaten sogar 76 Prozent.

Greenpeace ließ im Herbst vergangenen Jahres Obst und Gemüse testen - bei 93 Prozent fanden sich Pestizidrückstände, bei fast einem Drittel wurden die Grenzwerte erreicht oder gar überschritten. Am schlechtesten schnitten dabei die Ketten Lidl und Real ab. Nach Veröffentlichung der Ergebnisse brachen die Umsätze ein.

Das tat uns weh, sagte Lidl-Chef Klaus Gehrig dem Magazin Focus. Wochenlang waren Tafeltrauben - bis auf Bio-Ware - ausgelistet, die Regale leer. Wegen anhaltender Pestizidprobleme bekommt Lidl einfach kaum saubere Ware, erklärt Manfred Krautter, Chemieexperte bei Greenpeace.

Zurzeit reisen Supermarkt-Vertreter durch Almería und fordern von ihren Lieferanten eine kräftige Reduzierung der Giftduschen. Edeka zum Beispiel verlangt nun für seine Hausmarke Rio Grande, dass die gesetzlichen Grenzwerte höchstens zur Hälfte erreicht werden - wegen der besonderen Sensibilität der deutschen Verbraucher, wie es in einem internen Schreiben heißt.

Das Fruchthandelsmagazin schrieb kürzlich: Der Lebensmitteleinzelhandel liest den Lieferanten gerade die Leviten. Doch haben Aldi, Lidl & Co. das Problem mit verschuldet, weil sie jahrelang nur nach Preis, nicht aber nach Qualität eingekauft haben.

Die Bauern reagieren auf den Druck von Verbrauchern und Handelsketten. Die Provinzregierungen fördern die Umstellung der Produktion, aber einfach und billig ist sie nicht. Manche Gewächshäuser sind mehr als 20 Jahre alt und müssen grundsaniert werden, bei vielen sind aufwendige Abdichtungen nötig, damit die fliegenden Feinde des Ungeziefers nicht entkommen.

Mehr noch als die Verbraucher profitieren Plantagenarbeiter von der revolución im Treibhaus. Bislang arbeiten sie meist ohne Schutzkleidung und atmen die Pflanzenschutzmittel hoch konzentriert ein, sagt Shelina Islam von Amnesty International. Hautausschläge, Kopfschmerzen und Übelkeit sind die Folgen. 40.000 Saisonarbeiter schuften in den Treibhäusern, meist sind es Maros aus Marokko oder rumänische Arbeitsmigranten.

Einheitliche Standards für die Arbeitsbedingungen gibt es bisher nicht. Und Druck in dieser Frage machen derzeit weniger deutsche Supermarktketten, sondern Coop und Migros aus der Schweiz - wo die Verbraucher mehr Wert legen auf ökologisch und sozial produzierte Lebensmittel als hierzulande.

Autorin: Marlies Uken

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