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Ein Interview mit dem Umweltmediziner Dr. Kurt Müller

Pestizide aus dem Supermarkt: Es gibt keine Sicherheit

Greenpeace hat Obst und Gemüse führender Supermarktketten auf Pestizide untersucht. Das Ergebnis: Bei 15 Prozent der Proben wurden die gesetzlichen Höchstmengen erreicht oder überschritten. Einige Supermärkte behaupten, ihre Lebensmittel seien unbedenklich, weil die vorgeschriebenen Höchstwerte eingehalten seien. Der Umweltmediziner Dr. Kurt Müller erklärt, warum das so nicht stimmt, wie Pestizide auf den Menschen wirken und wie gefährlich sie für unsere Gesundheit sind. Das Interview führte Andrea Hoesch, Redakteurin bei den Greenpeace-Nachrichten.

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Greenpeace-Nachrichten: Wird das Gesundheitsrisiko durch Pestizide in Lebensmitteln unterschätzt?

Dr. Kurt Müller: Uns wird eine Sicherheit suggeriert, die es so nicht gibt. Wer keine Bio-Lebensmittel kauft, nimmt Tag für Tag Schadstoffe in Lebensmitteln zu sich. Viele Pestizide gefährden menschliches Leben besonders in der embryonalen Entwicklung und in hormonellen Umbruchphasen - also Säuglinge, Kinder, Jugendliche, schwangere Frauen sowie Männer und Frauen in den Wechseljahren. Im vergangenen Jahr wurde in einer japanischen Untersuchung gezeigt, dass 85 von 200 untersuchten Pestiziden auf das Hormonsystem wirken. Professor Dörner konnte bereits vor vielen Jahren nachweisen, dass die Belastung von Embryonen mit Pestiziden während der Schwangerschaft die Entwicklung der Leistung des Gehirns und die der Hormone produzierenden Drüsen des Körpers nachteilig beeinflusst. Die individuelle Fähigkeit zu entgiften ist bei den Menschen zudem sehr unterschiedlich ausgeprägt. Das Risiko liegt in der ständigen Aufnahme und in dem Gemisch zahlreicher Substanzen.

Greenpeace-Nachrichten: Wollen Sie damit sagen, dass Pestizidvergiftungen langfristig wirken?

Dr. Kurt Müller: Toxikologen kümmern sich um die Folgen durch relativ hohe akute Belastung. Bei uns Umweltmedizinern stehen die Patienten verzweifelt in der Praxis, nachdem sie zehn oder fünfzehn Jahre chronisch mit mittleren oder niedrigen Dosen belastet wurden. Spätestens seit dem Holzschutzmittelskandal ist klar, dass chemische Stoffe auch in niedriger Dosis chronische Erkrankungen auslösen, mit degenerativen Erkrankungen des Nervensystems in Verbindung stehen, die Funktion des Immunsystems beeinträchtigen und sogar das Erbgut schädigen können. Allesamt Gesundheitsprobleme, die in den letzten Jahrzehnten ständig zunehmen.

Greenpeace-Nachrichten Haben Sie mit dem schlechten Abschneiden der Supermärkte gerechnet?

Dr. Kurt Müller: Ich war jedenfalls nicht überrascht. Die Untersuchungen von Greenpeace haben allerdings wichtige Gesichtspunkte deutlich gemacht. Erstens: Die Investition in Bio-Lebensmittel wird durch bessere Qualität und größere Sicherheit dieser Produkte belohnt. Zweitens: Das relativ gute Abschneiden von Aldi zeigt, dass eine Supermarktkette sehr wohl auf geringe Pestizidbelastung achten kann und dass auch Verbraucher mit niedrigem Einkommen die Möglichkeit haben, sich vor hohen Pestizidbelastungen zu schützen. Dagegen erzielt der Discounter Lidl, der eine ähnliche Unternehmensphilosophie wie Aldi besitzt, ganz schlechte Ergebnisse. Nur wusste der Verbraucher bisher nicht, in welchem Obst und Gemüse wie viel Gift drin ist. Darüber sollten uns eigentlich die überwachenden Behörden informieren. Selbst wenn diese Stichproben durchführen, veröffentlichen sie ihre Ergebnisse in der Regel nicht. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Greenpeace immer wieder solche Untersuchungen macht und Ross und Reiter nennt. Nur so kann der Verbraucher seine Markt regulierende Kraft auch nutzen.

Greenpeace-Nachrichten: Was muss passieren, damit der Kunde sichergehen kann, dass er nicht mit jedem Bissen Gift schluckt?

Dr. Kurt Müller Wir müssen die Risiken durch Pestizide und Chemikalien dringend neu bewerten und dazu auch neue Methoden nutzen. Grenzwerte allein reichen längst nicht aus, um Gesundheitsgefährdungen auszuschließen. Beispielsweise wissen wir zwar, dass Pestizidcocktails sehr viel stärker, nicht aber wie sie auf Menschen wirken. Wir müssen wesentlich kritischer werden, auf Gesetzgeber, Handel und Produzenten Druck ausüben und eine vorsorgende, verbraucherorientierte Politik einfordern.

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