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Illegaler Pestizidhandel: die Konsequenzen

Am Dienstag hat Greenpeace die Ergebnisse einer Recherche über den Handel mit längst verbotener Pestizide in Deutschland veröffentlicht. Tatsächlich war es für unsere Tester ohne weiteres möglich an mehrere der zum Teil extrem gesundheitschädlichen Pestizide zu gelangen. Nicht zuletzt der deutsche Raiffeisen-Verband geriet in Erklärungsnot, da vier seiner Händler ebenfalls in das Gift-Geschäft verwickelt sind. Über die neusten Entwicklungen im Pestizid-Skandal sprachen wir mit Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter.

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Greenpeace Online: Wie sieht heute, einen Tag nach der Veröffentlichung der Rechercheergebnisse, die Reaktion des deutschen Raiffeisen-Verband aus?

Martin Hofstetter: Der deutsche Raiffeisen-Verband ist durch die Rechercheergebnisse stark in Verlegenheit geraten. Die verbotenen Pestizide, die Greenpeace erworben hat, stammen von elf verschiedenen Händlern. Vier dieser Händler gehören zu Raiffeisen Genossenschaften. Und anstatt die Versäumnisse klar anzuerkennen, reagiert Raiffeisen mit Bagatellisierung und lehnt die angeblich pauschalen Schuldzuweisungen ab.

Laut Raiffeisen handelt es sich bei den Vorfällen nur um Einzelfälle. Wir hingegen sagen, dass allein die Tatsache, dass es innerhalb kürzester Zeit möglich war größere Mengen der verbotenen Stoffe zu bekommen, für sich spricht. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass unsere Funde nur die Spitze des Eisbergs sind.

Greenpeace Online: Der badenwürtembergische Landwirtschaftsminister Hauk hat sich ja öffentlich sehr kritisch über die Machenschaften der Händler und Bauern geäußert und neue Maßnahmen gefordert. In wie weit ist die Schuld dennoch in der Politik zu suchen?

Martin Hofstetter: Die Reaktionen der Politiker sind meist leicht vorauszusehen. Solange es zu einem Thema keinen öffentlichen Druck gibt, passiert auch nichts. Dass die Pestizide immer noch verwendet werden, ist dem Ministerium nicht erst seit gestern bekannt. Bislang war von Seiten Hauks jedoch keinerlei Engagement zu erkennen. Ein Angebot auf Zusammenarbeit von Greenpeace lehnte er bisher stets ab.

Greenpeace Online: Mit welchen rechtlichen Konsequenzen werden die Händler jetzt rechnen müssen?

Martin Hofstetter: Rechtlich gesehen ist der Handel mit illegalen Pestiziden eine Ordnungswiedrigkeit. Daher sind die zu erwartenden Strafen entsprechend gering. Das Strafmaß beträgt maximal 50.000 Euro. Für ein Geschäft, bei dem Umsätze in Millionenhöhe gemacht werden, ist das nicht viel mehr als ein Pappenstiel. Greenpeace hat verschiedene Pestizidhändler wegen Verstößen gegen das Pflanzenschutzgesetz angezeigt. Außerdem wurden die zuständigen Gewerbeaufsichtsämter informiert, da aus Sicht von Greenpeace die Zuverlässigkeit der Unternehmen nicht mehr gewährleistet ist. Zuverlässigkeit ist eine der Vorraussetzung, um ein Gewerbe betreiben zu können.

Greenpeace Online: Was kann der Verbraucher tun?

Martin Hofstetter: Damit der Verbraucher vor den Giften geschützt werden kann, müssen die Produktinformationen transparent und zugänglich gemacht werden. Die Gifte sind unter anderem krebserregend oder sie schädigen das Hormonsystem. Viele von ihnen sind biologisch nicht abbaubar und verpesten so auch langfristig Mensch und Umwelt. Bislang weigern sich allerdings die Ministerien, die Daten über bereits auffällig gewordene Händler und Landwirte herauszugeben. Wir fordern daher, dass zumindest diese Daten öffentlich zugänglich werden, damit der Verbraucher sich selbständig informieren kann.

Eine Garantie für giftfreies Essen gibt es leider nie. Die einzige Möglichkeit für den Verbraucher etwas gegen die Anwendung der Gifte zu tun bleibt momentan der Verzicht auf konventionell erzeugte Produkte. Lediglich die biologisch erzeugten Produkte schneiden bisher bei Lebensmitteltests sehr gut ab.

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