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Chemie-Experte Krautter im Gespräch

Illegaler Pestizidhandel in Deutschland

Giftskandal in Deutschland. Ein Hamburger Händler hat tonnenweise verbotene hochgiftige Pestizide vertrieben. Greenpeace-Chemieexperte Manfred Krautter erläutert, warum das in Deutschland trotz Verbraucherschutz und Lebensmittelüberwachung möglich ist.

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Online-Redaktion: Manfred, in Deutschland ist ein Giftskandal aufgeflogen. Es geht um den Handel mit hochgefährlichen Chemikalien, um illegale Pestizide. Ein Einzelfall?

Manfred Krautter: Kein Einzelfall - absolut nicht. Der Einsatz illegaler Pestizide ist ein verbreiteter Missstand in Deutschland. Solche Stoffe finden wir seit Jahren immer wieder bei unseren Lebensmitteltests. Letztes Jahr haben wir sie auch in behördlichen Proben gefunden, die wir ausgewertet haben.

Das heißt ganz konkret: In 10 bis 15 Prozent des Obstes und Gemüses, das von den Bauern hier in Deutschland produziert wird, stecken illegale Pestizide. Diese Stoffe sind in Deutschland komplett verboten. Hinter solch hohen Negativquoten stecken nicht nur einzelne schwarzen Schafe.

2006 hat Greenpeace ja selber eine große Recherche gemacht und 15 Händler gefunden, die hierzulande kriminellen Handel betrieben. Wir haben damals Abhilfe gefordert. Daraus ist bisher nichts geworden.

Online-Redaktion: Um welche Stoffe geht es im vorliegenden Fall?

Manfred Krautter: In der Garage dieses Händlers in Hamburg wurde Nikotinsulfat gefunden, Endosulfan, Lindan, Paraquat. Alles Stoffe, die aus gutem Grund verboten sind. Die Tatsache, dass solche Stoffe in Lebensmitteln auftauchen, zeigt ganz klar: Wir Verbraucher bekommen sie auf den Teller. Der Einsatz dieser Gifte ist nicht nur für uns eine Gefahr sondern auch für die Umwelt und all die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Landwirtschaft. Aus meiner Sicht gibt es keine Entschuldigung für Leute, die so etwas tun. Dahinter stehen ganz niedrige Beweggründe.

Ich weiß, dass die Bauern auf diese Weise versuchen, Geld zu sparen, denn viele moderne Pestizide sind relativ teuer. Also kaufen sie lieber die billigeren Stoffe, die oft auch sehr wirksam sind und ein breites Spektrum an möglichen Schadinsekten oder Pilzen abdecken. Nur sind das gerade die Stoffe, die in der Umwelt besonders viel kaputt machen, die besonders stark das Leben auf dem Feld dezimieren. Und oft auch für uns als Menschen starke Nebenwirkungen haben. Das ist ein gefährliches Spiel.

Online-Redaktion: Wie kommen die Schwarzhändler an diese Stoffe heran?

Manfred Krautter: Wir haben 2006 erlebt, dass man fast alles bekommt, was man haben möchte. Wenn es einen Stoff auf dem europäischen Markt nicht gibt, bedienen sich die Händler eines Tricks: Sie beschaffen sich den Stoff für den Export aus der EU heraus.

In der EU wird eine Vielzahl von Pestiziden produziert, die in der EU selber gar nicht eingesetzt werden dürfen. Die drei größten der fünf Weltmarktführer im Pestizidgeschäft befinden sich ja in Europa: BASF, Bayer und Syngenta. Die produzieren für den ganzen Weltmarkt und für den Export eben auch viele Stoffe, die hier nicht mehr erlaubt sind. Wenn der Händler also sagt, ich brauche das Mittel, um es nach Marokko zu exportieren, dann bekommt er es und muss dafür nur eine Adresse in einem Nicht-OECD-Land, etwa in Marokko angeben. Das haben wir selber mal gestestet. Es funktioniert.

Online-Redaktion: Was muss passieren, um diesen Sumpf trockenzulegen?

Manfred Krautter: Ganz wichtig ist, dass intelligenter ermittelt wird. Mit dem heutigen Vorgehen wird man solche Händler in der Regel nicht finden. Es reicht nicht, einfach hinzufahren und zu sagen, nun zeig mir mal dein Lager. Die haben fast alle Zweitlager. Da sind verdeckte Ermittlungen nötig.

Dann brauchen wir höhere Strafen. Was mich 2006 am meisten geärgert hat, ist dass die Händler, die mit unserer Hilfe erwischt wurden, nur Ordnungs- und Bußgelder bezahlen mussten. Das schreckt solche Leute nicht ab. Das Strafmaß muss eindeutig erhöht werden.

Das dritte, was wir ganz dringend brauchen, ist Transparenz. Es geht nicht an, dass weder die Medien noch wir als Bürger erfahren, wer diese Händler sind, an wen sie verkauft haben und welche Bauern diese illegalen Mittel gekauft oder eingesetzt haben. Es muss publik gemacht werden, wer diese Händler und Bauern sind. Solche Bauern dürfen auch keine Subventionen mehr erhalten. Das muss so weit gehen, dass ihnen im Wiederholungsfall die Gewerbeerlaubnis entzogen wird.

All das gibt es bisher nicht. Im Gegenteil: Die Behörden tragen sogar dazu bei, dass solche Übeltäter im Dunkeln bleiben können. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat letztes Jahr nach schwerer Kritik von Greenpeace angekündigt, solche Funde in Zukunft zu veröffentlichen. Nun hat gerade diese Behörde am 3. März den nationalen Bericht über Pestizidrückstände in Lebensmitteln vorgestellt und wieder fehlt die Auswertung auf illegale Pestizide. Dafür habe ich kein Verständnis. Damit muss Schluss sein.

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