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Deutsche Supermärkte binden den Verbrauchern giftige Beeren auf

Kirschen, Stachelbeeren, Johannisbeeren - im Sommer haben die saftigen Früchte Saison und werden deshalb von vielen Supermärkten angeboten. Über die Ladentheke geht das Sommerobst oft - doch nicht jeder Kunde trägt in seinem Einkaufskorb nur Fruchtfleisch, Kern und Schale nach Hause. Häufig finden sich giftige Spritzmittel im Obst wieder, wie ein Lebensmitteltest von Greenpeace jetzt ergab. Danach sind rund 30 Prozent der untersuchten Beeren und 15 Prozent der Kirschen aus konventionellem Anbau als mangelhaft und nicht empfehlenswert eingestuft worden. Deutlich mehr als im Jahr 2005.

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Anfang Juli kauften Greenpeace-Mitarbeiter in deutschen Großstädten, darunter Berlin, Hamburg und Hannover 45 Proben von Kirschen und Strauchbeeren ein. Das Obst wurde bei Aldi, Edeka, Lidl, Metro/Real, Rewe/Minimal, Edeka, Tengelmann/Plus und den drei Bio-Märkten Achaldan, Alnatura und Basic angeboten. Greenpeace beauftragte anschließend ein anerkanntes Speziallabor damit, die Früchte auf Rückstände von 350 Pestiziden zu untersuchen.

Ergebnis: Vor allem Strauchbeeren sind besonders hoch mit Pestiziden belastet. Waren es im vergangenen Sommer noch 71 Prozent der Proben, finden sich nun in rund 85 Prozent der untersuchten Früchte die Rückstände von Spritzmitteln wieder, bis zu 1,7 Milligramm in einem Kilogramm. Eine weitere Bilanz der Untersuchung zeigt: in 5 Prozent der Kirschen, in 17 Prozent der Stachel- und in 28 Prozent der Johannisbeeren übersteigt die Belastung gar die zulässigen Höchstwerte.

Greenpeace-Chemieexperte Manfred Krautter kritisiert das Ergebnis: In diesem Jahr fanden wir bei Johannisbeeren drei Mal mehr Grenzwertüberschreitungen als noch 2005. Die Pestizid-Rückstände können gesundheitsgefährdend sein. Im Schnitt steckten in jeder Probe drei Pestizide gleichzeitig, das sind bedenkliche Giftcocktails.

Mehr illegale Spritzmittel in Deutschland

Doch damit nicht genug. Neben der höheren Belastung nutzen deutsche Obstbauern zunehmend unerlaubte Spritzmittel. So liessen sich in fünf von insgesamt 19 Beerenproben Pestizide nachweisen, die in Deutschland nicht für diese Zwecke zugelassen sind. Das vor drei Jahren gestartete Pflanzenschutz-Kontrollprogramm von Bund und Ländern hat versagt, kritisiert Krautter die bisherigen Maßnahmen staatlicherseits. Er fordert: Die Bundesländer müssen endlich die Lebensmittelkontrollen verbessern und die Überwachung der Obstbauern massiv verschärfen. Vom Lebensmitteleinzelhandel verlangt der Chemieexperte eine Garantie: er soll nur noch einwandfreie Ware verkaufen.

Ein Kriterium, dass vor allem Bio-Märkte erfüllen. Die Pestizidbelastung der dort angebotenen Kirschen, Johannis- und Stachelbeeren ist gleich Null - und damit auch der Schaden für die menschliche Gesundheit. Die 23 nachgewiesenen Pestizide der angebotenen Ware von Aldi, Edeka, Metro, Rewe und Tengelmann haben jedoch eine andere Wirkung: sie sind krebserregend, giftig für die Nerven und können den Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht bringen oder aber die Fortpflanzung beeinträchtigen.

Besonders schlecht fiel in diesem Jahr wiederholt das Urteil für die Strauchbeeren aus Baden-Württemberg aus. "Obwohl nur 53 Prozent der Proben aus Deutschland stammen, entfallen 80 Prozent der Höchstmengenüberschreitungen auf deutsche Ware, vor allem aus Baden-Württemberg. Viele Obstbauern spritzen dort offenbar auch illegale Pestizide. Ein schlechtes Zeugnis für Essen aus Deutschland, meint Krautter. Aufgrund illegaler Pestizide hatten Land und Bauernverband bereits damals Abhilfemaßnahmen angekündigt.

Kritik des Industrieverbands Agrar

In einer ersten Reaktion kritisierte der Industrieverband Agrar (IVA) vermeintlich falsche Höchstmengen, die Greenpeace bei seiner Bewertung zugrunde gelegt habe. Für den Wirkstoff Thiacloprid gälten nicht 0,01 sondern 0,1 mg/kg als Höchstmenge. Tatsächlich hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) am 26.6.2006 ein Papier veröffentlicht, nach denen für Thiacloprid in Johannisbeeren ein Beurteilungswert von 0,1 mg/kg vorgeschlagen wird. Das BVL schränkt jedoch die Anwendbarkeit dieser Beurteilungswerte im gleichen Papier ein: Das BVL weist ausdrücklich darauf hin, dass die hiermit bekannt gegebenen Daten kein Präjudiz für die Höchstmengenfestsetzung durch den Bundesrat bzw. durch die Europäische Gemeinschaft darstellen.

Wir gehen daher davon aus, dass der vom IVA genannte Beurteilungswert von 0,1 mg/kg im vorliegenden Fall nicht angewandt werden kann, da er die geltende Höchstmenge nicht ersetzt. Stattdessen orientieren wir uns bei der Bewertung an den juristisch verbindlichen Werten der Höchstmengenverodnung - im konkreten Fall sind dies 0,01 mg/kg für Thiacloprid.

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