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Greenpeace deckt Weizenpatent-Skandal auf

Wie man auf Kosten kleiner Bauern in den ärmeren Ländern reich werden kann, hat der US-Gentech- und Agrarkonzern Monsanto bewiesen: durch Diebstahl per Patent. Recherchen von Greenpeace haben ergeben, dass dem Multi im Mai 2003 wieder einmal ein Skandal-Patent erteilt wurde. Diesmal trifft es indische Bauern, deren züchterische Leistung schamlos ausgenutzt wird. Greenpeace bereitet einen Einspruch gegen diese vom Europäischen Patentamt (EPAt) geförderte Biopiraterie vor.

Es ist ganz einfach: Man nehme eine traditionelle, von indischen Bauern gezüchtete Weizensorte, die seit langem für ihre besonderen Backeigenschaften bekannt ist, kreuze sie mit anderen Pflanzen und melde die Erfindung samt Teig und Keksen zum Patent an. Die eigentliche Arbeit haben die indischen Landwirte geleistet, und den formalen Rest wird das EPAt schon richten.

Ergebnis dieses speziellen Falls ist das Patent EP 445929. Es umfasst den indischen Hal Nap-Weizen und alle Weizenpflanzen, die mit dieser indischen Sorte gekreuzt werden. Außerdem das Mehl aus dem Weizen, den Teig aus dem Mehl und die Kekse oder ähnlichen Gebäckstücke, die daraus gebacken werden. Eine runde Sache also. Noch dazu für 13 europäische Staaten gleichzeitig erteilt. In den USA schon seit 1999 gültig und in Japan, Australien und Kanada zum Patent angemeldet.

In Zukunft könnte Monsanto in diesen Ländern aufgrund des Patents nicht nur Bauern verklagen, die den Weizen anbauen und verkaufen. Der Konzern wäre auch berechtigt, gegen Bäckereien, Konditoreien und Supermärkte vorzugehen, die Kekse oder Kuchen aus patentiertem Weizen herstellen oder verkaufen.

Dieser Fall zeigt, welche Dimensionen Patente auf Leben inzwischen erreicht haben: Nicht nur gentechnisch veränderte, sondern auch ganz normale Pflanzen und Tiere werden patentiert, wenn in ihnen Gene von wirtschaftlichem Interesse entdeckt werden, warnt Christoph Then, Patentexperte von Greenpeace.

Monsanto beklaut gezielt indische Landwirte, die über Jahrhunderte diesen speziellen Weizen gezüchtet haben. Dieses Patent zeigt, wie dringend ein gesetzliches generelles Verbot der Patentierung von Genen, Lebewesen und Saatgut ist. Die Deutsche Bundesregierung macht sich mitschuldig, wenn sie jetzt nicht aktiv wird und Patente auf Leben in Europa stoppt.

Das Europäische Patentamt in München hat mittlerweile bereits über 300 Patente auf Saatgut erteilt. Mehr als hundert davon betreffen Pflanzen ohne Gentechnik. Grundlage für die Erteilungspraxis des EPA ist eine EU-Richtlinie, die 1998 verabschiedet wurde und heftig umstritten ist. Bisher haben nur sechs Mitgliedsstaaten sie umgesetzt.

Der siebte könnte demnächst die Bundesrepublik Deutschland sein: Die Bundesregierung drängt gegen den Rat der maßgeblichen Experten des Bundestages auf die Umsetzung der Richtlinie. Nach Recherchen von Greenpeace will das Bundeskabinett am 25. Juni einen Gesetzentwurf verabschieden, der Patente auf Leben legitimieren würde.

Den Willen der Menschen spiegelt diese Politik nicht. Greenpeace hat im Mai europaweit eine repräsentative Umfrage durchführen lassen. Das Ergebnis: Nur drei Prozent aller 4559 befragten Personen aus 15 Ländern sprachen sich für Patente auf Gene und Lebewesen aus.

Weitere Informationen über das Monsanto-Weizenpatent finden Sie in unserem Factsheet Monsanto und Weizen: Diebstahl per Patent.

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