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Indien ohne Gentechnik schützt Europa

Der indische Umweltschützer und Journalist Devinder Sharma hat in der vergangen Woche Deutschland besucht, um im Rahmen des McPlanet-Projektes gegen Globalisierung an Diskussionen teilzunehmen. Dabei ging es um globalen Handel, die WTO und Gentechnik. Über das letzte Thema haben wir mit Sharma gesprochen, als er Greenpeace in Hamburg einen kurzen Besuch abstattete. Lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews.

Greenpeace Online: Gibt es in Indien NGOs und Gruppen die gegen den Anbau von Gen-Pflanzen kämpfen?

Sharma: Ja, es gibt einige Gruppen in Indien. Leider nicht so viele wie ich es mir wünschen würde. Aber es sind eine Handvoll sehr ausgezeichnete Organisationen.

Lieber wäre mir natürlich eine Situation wie in Europa, wo auch die Verbraucher die Gentechnik ablehnen. So ist es in Indien leider noch nicht. Die indischen Verbraucher sind bislang an dem Thema überhaupt nicht interessiert. Dort wissen die meisten nicht einmal was ein Gen ist. Darin sehe ich für uns die größte Herausforderung.

Greenpeace Online: Gibt es auch Beispiele, wo die Einführung von Gen-Pflanzen verhindert werden konnte?

Sharma: Die zweite Gen-Pflanze, die in Indien eingeführt werden sollte, war Gen-Senf. Diese Nutzpflanze wurde wegen des Druckes der Zivilgesellschaft nicht für den kommerziellen Anbau zugelassen. Wir erhoben den Einwand, dass es sich um eine Lebensmittelpflanze handele.

Der gesellschaftliche Druck brachte die Regierung dazu, Gen-Senf nicht zuzulassen. Dennoch geht die Forschung immer weiter, inzwischen bei über einem Dutzend Getreidesorten. Und man weiß nicht, was noch kommt. Es gibt großen Druck durch die Industrie Indien für Gentechnik zu öffnen.

Greenpeace Online: Was ist der nächste Schritt?

Sharma: Im November werden wir die indische Regierung vor dem Obersten Gerichtshof verklagen. Gegenstand der Klage wird das Risiko der Gentechnik für die menschliche Gesundheit sein. Es gibt keine Tests zu diesem Thema. Deshalb muss der Oberste Gerichtshof einspringen und die Gesundheit der Menschen schützen.

Des weiteren bearbeiten wir die zuständigen Kommissionen und Komitees. Hier sieht die Situation für uns ganz gut aus. Wir sind anerkannt und man hört auf uns. Allerdings ignorieren uns die Medien. In ihnen finden sich unseren Forderungen kaum wieder.

Aber das ist ein weltweites Problem. Die Medien befinden sich in den Händen der Industrie. Monsanto kann beispielsweise Werbung schalten, die wir uns nie leisten können. Aber die Reaktion der Bauern kann nicht verheimlicht werden.

Greenpeace Online: Warum dieses Gerichtsverfahren?

Sharma: Der Industrie kann bislang schalten und walten wie sie will. Und hier sehe ich die Verbraucher in der Pflicht. Leider sind die indischen Verbraucher noch untätig. Deswegen wollen wir den Fokus nun auf die menschliche Gesundheit schwenken.

In Indien gib es eine sehr große Mittelklasse. Diese Mittelklasse hat einen erheblichen Einfluss auf die Gesetzgebung. Ich spreche hier von rund 260 Millionen Menschen. Durch diesen Gerichtsprozess im November hoffen wir, das Problembewusstsein in dieser Schicht zu wecken. Da wird dann über die Risiken der Gentechnik für die Gesundheit gesprochen. Und die Gesundheit ist ein Thema, dass diese Menschen beschäftigt.

Greenpeace Online: Gibt es noch weitere Kampagnen gegen die Gentechnik-Industrie?

Sharma: Ja, der Kampf gegen den Feldzug der Industrie, dass mit der Gentechnik der Hunger besiegt werde. Es ist in Indien deutlich geworden dass das totaler Blödsinn ist.

In den Jahren 2001 und 2002 hatten wir 65 Millionen Tonnen Nahrungsmittelspenden. Dennoch litten über 120 Millionen Menschen an Hunger. Wenn 65 Millionen Tonnen Lebensmittel zusätzlich den Hunger nicht bekämpfen können, wie sollte es die Gentechnik können, die die Ernteerträge nicht steigert?

Doch die Gentechnik-Industrie hat ein großes Geschäftsinteresse. Sie macht Druck. Deshalb gibt es außer der biotechnologischen Forschung nichts anderes in der Landwirtschaft.

Greenpeace Online: Kann das Problem allein in Indien gelöst werden?

Sharma: Nein, natürlich nicht. Das Problem muss weltweit gelöst werden. Aber auch hier gilt der Satz: Think globally - act locally (Denke global - handle lokal.). Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass der Einzug der Gentechnik in Indien verhindert wird. Sonst dürfte es für Entwicklungsländer weltweit sehr schwer werden, die Gentechnik zu verhindern. Deshalb ist unser Arbeit so wichtig.

Auf der Welt gibt es zwei Bevölkerungsgiganten: China und Indien. China hat eine ganz eigene Regierungsform, wie wir alle wissen. Aber Indien ist ein demokratisches Land. Wenn Indien der Gentechnik nachgibt, hat die Industrie ein sehr gutes Argument gegenüber den Entwicklungsländern. Und auch für die Organisationen in Europa wird es dann schwierig zu fordern, dass keine Gentechnik in Entwicklungsländern angebaut wird.

Meine Botschaft lautet deshalb, wir müssen uns jetzt auf Indien konzentrieren. Indien ist der Testfall oder die letzte Bastion. Ich fordere nicht, den globalen Aspekt aus den Augen zu verlieren. Ich finde es aber strategisch geschickter, sich jetzt mit aller Kraft um einen Schauplatz zu kümmern - und das ist meines Erachtens Indien.

Greenpeace Online: Welche Rolle sehen Sie für Europa in dieser Auseinandersetzung?

Sharma: Ich möchte kein Blatt vor den Mund nehmen: Wenn Europa seine Interessen für zuhause sichern will, ersucht es uns um Mitarbeit und Hilfe. Beispielsweise will man keinen Gen-Reis, also sollen Aktivisten und Kampagnen es bei uns verhindern. Aber wenn wir Unterstützung brauchen - dann kommt nichts.

Für mich ist das ein sehr großes Hemmnis. Europa muss lernen, dass dieser Welt nur hilft, wenn man sich die Hände reicht und zusammenarbeitet. Man kann nicht in völliger Isolation das Gentechnik-Problem lösen, wenn die ganze Welt voll davon ist. Europa muss lernen, dass es nicht ausreicht, wenn man zuhause gentechnikfrei ist.

Für problematisch halte ich auch die Einstellung, die Gentechnikfreiheit als Luxus für den europäischen Markt sieht, aber für die Länder des Südens die Gentechnik gut befindet. Es muss klargestellt werden, dass es sich dabei um eine durch und durch falsche Sichtweise handelt. Einige Industriegruppen verbreitet und nutzen sie. Für uns ist diese Haltung ein großes Problem.

Wir haben keinen Austausch und das ist ein sehr, sehr großes Manko. Was wir brauchen ist eine nachhaltige Kampagne und internationale Zusammenarbeit.

Was jeder begreifen muss: Wir in Indien mögen zwar die ersten Opfer der Gentechnik werden, aber international betrachtet, werden beispielsweie die Europäer danach die Opfer sein. In einer globalisierten Welt kann man die Gentechnik nicht lange von seiner Tür fernhalten, wenn sie sich in anderen Länder wie Indien ausbreitet. (mir)

Den erste Teil des Interviews erreichen sie unten:

Weitere Informationen über Devinder Sharma und seine Arbeit erhalten sie unter. (http://www.dsharma.org/aboutme.htm)(auf Englisch)

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