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Gentechnik-Zwickmühle in Indien

Der indische Umweltschützer und Journalist Devinder Sharma hat in der vergangen Woche Deutschland besucht, um im Rahmen des McPlanet-Projektes gegen Globalisierung an Diskussionen teilzunehmen. Dabei ging es um globalen Handel, die WTO und Gentechnik. Über das letzte Thema haben wir mit Sharma gesprochen, als er Greenpeace in Hamburg einen kurzen Besuch abstattete.

Greenpeace Online: Wie sieht die Situation rund um den Einsatz und Anbau von Gen-Pflanzen heute in Indien aus?

Sharma: In der vergangenen Woche sind Bauern aus dem südlichen Bundesstaat Andhra Pradesh auf die Barrikaden gegangen. Sie zerstörten Läden, die Saatgut für gentechnisch veränderte Pflanzen verkaufen. Das sind übrigens die gleichen Geschäfte, die Pestizide verkaufen.

Greenpeace Online: Warum greifen die Bauern zu so drastischen Mitteln?

Sharma: Was die Bauern dazu brachte, ist der Umstand, dass immer mehr gefälschtes Bt-Baumwollsaatgut angeboten wird. Firmen verkaufen Samen, die gar keine Bt-Baumwollsamen sind.

Ein weiteres Problem ist das Saatgut aus der zweiten Pflanzengeneration, den so genannte Hybriden. Dabei handelt es sich nicht mehr reine Bt-Baumwolle und die Ernte fällt sehr gering aus. Verzweifelt über ihre Situation begehen immer mehr Bauern Selbstmord.

Greenpeace Online: Welche Rolle spielt die mit einem Bakteriumgen versehene Bt-Baumwolle von Monsanto für Indien?

Sharma: Bt-Baumwolle ist der Testfall für Indien. Bt-Baumwolle wurde vor drei Jahren als erste Gen-Pflanze in Indien für den kommerziellen Anbau zugelassen. Im März 2005 wird ein Bericht des Komitees für die Zulassung von Gentechnik, das auch über die Genehmigung für andere Gen-Pflanzen entscheidet, erwartet. Er soll einen Blick auf die Entscheidung werfen, Gen-Pflanzen in Indien zugelassen zu haben.

Die Meinung über die Bt-Baumwolle ist geteilt. Für einen Teil der Bauern sind Gen-Pflanzen top. Von einem anderen Teil der Bauern erfahren wir, dass sie von den Unternehmen bestochen wurden, die Gentechnik-Pflanzen anzubauen. Zusätzlich erstellen Monsanto und andere multinationale Konzerne ihre eigenen Analysen.

Besondere Bedeutung haben dabei ihre Berater. Natürlich sind diese Berater wie alle Berater auf der Welt: Gib ihnen Geld, und sie sagen genau das, was du von ihnen hören willst. Es ist also sehr einfach über die eigenen Berater die Ergebnisse zu bekommen, die man sich wünscht.

Greenpeace Online: Wie verlief die Einführung der Bt-Baumwolle in Indien?

Sharma: Bt-Baumwolle ist bislang nur für eine gewisse Anzahl von Jahren inder Mitte und im Süden von Indien zugelassen worden. Nördliche Bundesstaaten erhalten vermutlich die Zulassung in diesem Jahr. Die Industrie übt deshalb großen Druck auf die Regierung aus.

Das hat zu der unschönen Situation geführt - die Industrie wird das sicherlich anders sehen - dass unter den Bauern ein Run auf Bt-Baumwolle ausgebrochen ist. Viele wollen Bt-Baumwollsaat kaufen. Das behauptet zumindest die Industrie. Ich kann nicht abstreiten, dass dasauf einige Teile des Landes zutrifft.

Dazu kommt es aber nur, weil die Baumwollproduktion in Indien derzeit so erbärmlich ist. Ich will nicht schlecht sagen, das ist mir zu simpel. Ich sage erbärmlich, weil 55 Prozent aller Pestizide in Indien beim Baumwollanbau eingesetzt werden.

Greenpeace Online: War das schon immer so? Und führt ein so hoher Anteil nicht zu schwer wiegenden Problemen?

Sharma: In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fingen die Bauern an, DDT einzusetzen. Das Insekt, dass Schaden an der Baumwolle anrichtet, ist der American Bollworm oder Baumwollkapselwurm. Vorher gab es in Indien nur den Pink Bollworm (Roter Baumwollkapselwurm). Mit der Zeit wurden die Insekten resistent gegen das Gift. Deshalb wurden die Gifte der zweiten Generation eingeführt.

Wiederum nach einiger Zeit wurden die Insekten auch dagegen resistent. Dann kamen Pestizide der dritten Generation. Auch dagegen wurden die Insekten resistent. Schließlich kamen die Chemikalien der vierten Generation heraus, synthetische Pyrethroide. Ich erinnere mich, Anfang der 80er Jahre standen wir auf und sagten, das ist nicht der richtige Weg.

Greenpeace Online: Was war Ihr Hauptvorwurf?

Sharma: Die Bauern konnten nicht weiter in diese Pestizid-Zwickmühle getrieben werden. Es war ein Teufelskreis. Die Farmer fingen an, zwei und mehr Chemikalien zu mischen. Sie versprizten schließlich bis zu 30 verschiedene Pestizide, um die Baumwollschädlinge unter Kontrolle zubekommen.

Trotzdem waren mit der vierten Generation zunächst alle glücklich. Es sah so aus, als ob die Versprechen der Industrie - endlich eine wirksame Waffe gegen die Schädlinge zu haben - wahr wurden. Doch nach rund drei Jahren begingen die ersten Bauern in Andra Pradesh Selbstmord. 1987 kam es in einer Saison zu 37 Selbstmorden unter Farmern.

Greenpeace Online: Was war geschehen?

Sharma: Ich fing an, die Selbstmorde zu untersuchen. Schuld an den Selbstmorden war, dass die Baumwollschädlinge resistent gegen die synthetischen Pyrethroide geworden waren. Doch diese Pestizide waren sehr teuer. Die Bauern hatten es sich auf Kredit gekauft. Als nun ihre Ernte vernichtet wurde, konnten sie ihn nicht mehr zurückzahlen. Deshalb zogen sie es vor, sich umzubringen. In den vergangenen 15 Jahren ist die Zahl der Selbstmorde unter den Baumwollfarmern auf rund 10.000 angestiegen.

Greenpeace Online: Haben diese Vorfälle zu Veränderungen geführt?

Sharma: Nein, die Toten scheinen niemanden zu kümmern. Seit der Zeit ist der Gift- und Resistenzkreislauf in Indien weitergegangen. Allerdings haben die Firmen, die die Pestizide herstellten und verkauften, einen Schwenk vollzogen - hin zur Biotechnologie. Und was dabei herauskam, ist die wunderbare Bt-Baumwolle, wie wir sie alle kennen.

Heute sagt die Industrie selbst, dass Pestizide gefährlich sind und ihr Gebrauch reduziert werden muss. Stattdessen soll Bt-Baumwolle eingesetzt werden. Zugleich wurde eine Desinformationskampagne gestartet, in der behauptet wird, dass Bt-Baumwolle den Ernteertrag steigern würde.

Greenpeace Online: Was ist falsch an der Behauptung?

Sharma: Diese Aussage wird auch weltweit verbreitet. Das ist eine sehr raffinierte Vorgehensweise gegenüber der nur wenig informierten Öffentlichkeit. Denn ein Bauer denkt dabei, dass er immer mehr Baumwolle ernten kann. Das stimmt aber nicht.

Bt-Baumwolle ist eine neue Art von Pestizid. Bt-Baumwolle reduziert minimal die Ernteausfälle. Von einem Anwachsen der Ernteerträge ist nichts zu spüren. Der Gesamternteertrag des Landes ist seit der so genannten Gentechnik-Revolution nicht angestiegen.

Es ist also offenkundig, dass diese Gen-Pflanzen nicht den Ernteertrag steigern. Aber das ist genau der Eindruck, den die Industrie zusammen mit einigen Wissenschaftlern erzeugt. Das verführt die Bauern dazu, Bt-Baumwolle einzusetzen. Sie glauben, dass ihre Ernte anwächst und die Schädlinge unter Kontrolle gehalten werden.

Greenpeace Online: Wurde von offizieller Stelle erkannt, dass die Wunderwaffe Gen-Baumwolle ein Versager ist?

Sharma: Fest steht, dass die Gen-Baumwolle schon im ersten Jahr des Anbaus enttäuschende Resultate lieferte. Sie versagte in der ersten Saison in Andhra Pradesh, Karnataka und Maharashtra. Die Regierung von Andhra Pradesh hat sich daraufhin vor das Landesparlament gestellt und gesagt, dass die Baumwolle versagt hat. Sie wollten von Monsanto Ersatzzahlungen für die Ausfälle einfordern. Aber natürlich ist das nicht geschehen.

Auch ein vom Parlament eingesetztes Komitee kam zu dem Schluss, dass die Baumwolle nicht die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt habe.

Greenpeace Online: Wird etwas getan den Bauern neue und bessere Wege aufzuzeigen?

Sharma: Nein. Im Moment sehen keine Bemühungen, die Bauern von nachhaltiger Landwirtschaft zu überzeugen oder sie aus der Pestizid-Zwickmühle zubefreien. Stattdessen werden sie neben der Gift- und Resistenzmühle auch noch in die Gentechnik-Tretmühle gezwungen. Denn die Insekten werden allmählich auch resistent gegen die Ein-Gen-Pflanzen von Monsanto.

Der Konzern entwickelt deshalb gerade eine genmanipulierte Sorte, in der zwei Bt-Gene stecken. Das ähnelt alles sehr der Entwicklung bei den Pestiziden.

Greenpeace Online: Worin besteht diese Ähnlichkeit?

Sharma: Gegen die Zwei-Gene-Pflanzen werden die Insekten auch resistent werden. Da man nicht mehr als zwei Bt-Gene in die Pflanzen einbauen kann, kommt dann vielleicht ein Skorpion-Gen dazu. Später das zweite Skorpion-Gen und danach könnte es ein Schlangengift-Gen sein. Wo soll das enden? Und die noch viel größere Frage ist, wollen wir den Firmen erlauben, so weiter zu machen und die Bauern weiter auszuplündern?

Das ist genau, was die Unternehmen tun: Die Farmer ausbeuten, das schnelle Geld machen und verschwinden. Die armen Bauern müssen dafür bezahlen. Das Gen-Saatgut ist viermal so teuer wie herkömmliches.

Wie der Kampf gegen die Gen-Pflanzen in Indien weitergeht, welche nächsten Schritte geplant sind sowie eine Beurteilung des europäischen Verhaltens können Sie im zweiten Teil des Interviews erfahren. (mir)

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