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Das Ende des reinen Korns?

Einen gefährlichen Schritt in Richtung Ende des Gentechnik-freien Saatgutes hat am Montag die Europäische Kommission getan. Sie legte dem Ständigen Ausschuss für Saatgut und pflanzliche Vermehrungsmittel der EU ihren Vorschlag für eine neue Direktive vor. Darin werden Schwellenwerte für die Verunreinigung des Saatgutes mit genmanipulierten Bestandteilen von 0,3 bis 0,7 Prozent erlaubt. Doch die weitreichenden Folgen solcher Grenzwerte für alle EU-Bürger werden nicht erwähnt.

Saatgut ist die Basis unserer Ernährung. Doch obwohl die Mehrheitder Verbraucher und der Landwirte in Deutschland keine Gentechnikwollen, soll verunreinigtes Saatgut zur Regel werden. Und ist ersteinmal das Saatgut betroffen, müssen Bauern und Nahrungsindustrie einenimmensen Aufwand betreiben, um sicher zu stellen, dass diegenmanipulierten Bestandteile nicht auch in die Lebensmittel gelangen.

Die Kommission versucht so durch die Hintertür den Bürgern dieGentechnik unterzuschummeln, warnt Ulrike Brendel, Gentechnik-Expertinvon Greenpeace. Vor wenigen Monaten hat sich die EU aufGen-Kennzeichnungspflicht und Rückverfolgbarkeit bei Lebensmittelngeeinigt, nun stellt sie diesen Erfolg wieder in Frage, indem sie diegentechnische Verunreinigung ganz am Anfang der Nahrungskette erlaubt.Die angestrebte Wahlfreiheit für den Bürger und den Bauer bleibt dabeiauf der Strecke. Sie werden vor vollendete Tatsachen gestellt.

Die von der Kommission vorgeschlagenen Grenzwerte mögen sich geringanhören. Aber bei einer tolerierten 0,5-Prozent-Verunreinigung in jedemSack Mais-Saatgut würden auf der fast 4,3 Millionen Hektar großenMais-Anbaufläche in der EU rund 2,2 Milliarden Gen-Maispflanzen völligunkontrolliert freigesetzt. Doch eine 0,5-prozentige Verunreinigungmüsste auf dem Saatgut-Sack nicht gekennzeichnet werden, so dass nochnicht einmal der Bauer weiß, was er aussät.

Mit ihrem Richtlinien-Entwurf gibt die EU-Kommission dem Druck derSaatgut-Industrie nach. Doch Saatgut ohne Verunreinigung ist möglich.So gibt es in Österreich bereits seit 2001 eine nationaleSaatgut-Verordnung, die keine Verunreinigung oberhalb der technischmöglichen Nachweisgrenze erlaubt - und die liegt derzeit bei 0,1Prozent. Auch Italien setzt sich für Reinheit beim Saatgut ein.

Gestoppt werden kann der Vorschlag jetzt nur noch durch dieRegierungen der Mitgliedsländer. In Deutschland liegt die Verantwortungdafür auch beim Bundeskanzler Gerhard Schröder. Die Abstimmung, dieschon in wenigen Wochen stattfinden kann, folgt demEU-Mehrheits-System: es werden 62 von insgesamt 87 Stimmen benötigt.Deutschland hat in diesem System zehn Stimmen, auf die es entscheidendankommen wird.

Wenn Italien, Österreich und Luxemburg gegen den Vorschlag stimmen,würden die zehn deutschen Stimmen zu einer Blockade ausreichen. Vorallem aber werden sich andere Staaten wie Frankreich, Belgien,Griechenland, Portugal und Dänemark bei einer klaren deutschen Positionmöglicherweise ebenfalls gegen den Vorschlag aussprechen. Das wäre einentscheidender Schritt in Richtung auf ein Reinheitsgebot.

Die Kommission befasst sich nicht ausreichend mit diesemVerunreinigungsproblem, kritisiert Brendel. Stattdessen arbeitet sieaktiv daran, dieses Problem unlösbar zu machen, indem sie nichtgekennzeichnete Verunreinigung durch genmanipulierte Samenkörner imherkömmlichen Saatgut erlaubt. Wir rufen deshalb dieEU-Mitgliedsstaaten auf, den gegenwärtigen Kommissions-Vorschlag imStändigen Ausschuss abzulehnen. Die Verunreinigung des Saatgutes kannnicht wie eine technische Formalität behandelt werden. Greenpeace hältes für inakzeptabel, wie die Europäische Kommission vorstürmt, um eineKontamination der konventionellen Landwirtschaft im großen Maßstabe undohne jede Überwachung zu legalisieren. (mir) -

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