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Dioxinskandal - noch größer als befürchtet

Der Skandal um dioxinbelastete Futtermittel weitet sich aus. Aus Unterlagen des Fettlieferanten in Uetersen geht hervor, dass bereits im Frühjahr 2010 dioxinbelastete Fettsäuren zu Tierfutter verarbeitet wurden. Es besteht der Verdacht, dass belastete Fleisch- und Eierprodukte in mindestens 11 Bundesländer gelangt sind.

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Die dioxinverseuchten Futtermittel haben offensichtlich viele Abnehmer gefunden. Inzwischen sind fast 5.000 landwirtschaftliche Betriebe gesperrt, vor allem in Niedersachsen. Neben Eiern stehen auch Geflügel- und Schweinefleisch sowie Milch im Verdacht, mit dioxinbelastetem Tierfutter hergestellt worden zu sein.

Die Lebensmittelkontrolle in Deutschland ist offenbar nicht in der Lage, das Problem in den Griff zu bekommen. Der letzte Skandal um nitrofenverseuchte Futtermittel liegt erst wenige Jahre zurück. Anfang nächster Woche will der Agrarausschuss des Bundestages in einer außerordentlichen Sitzung Stellung zu den Vorkommnissen beziehen.

Systemwechsel fällig

In der Landwirtschaft ist ein grundlegender Systemwechsel überfällig - weg von der Massentierhaltung. Es ist kein Zufall, dass der Dioxinskandal gerade in Niedersachsen seinen Ursprung hat, wo auch die größte Anzahl an Agrarbetrieben betroffen ist.

In Niedersachsen ist die agrarindustrielle Fleischerzeugung am weitesten verbreitet, sagt der Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter. Der gewaltige Kostendruck, die Industrialisierung in der Produktion und die undurchsichtigen Transportwege der Futtermittelbranche erhöhen die Gefahr von Lebensmittelskandalen.

Bauernhöfe, die ihre Futtermittel selber herstellen oder aus der direkten regionalen Umgebung beziehen, seien viel sicherer, so Hofstetter. Grundsätzlich sollten Landwirte nur so viele Tiere halten, wie ihr eigener Hof auch ernähren kann.

Was muss jetzt folgen?

Zu den Konsequenzen aus dem jüngsten Skandal muss gehören, dass die Ergebnisse von Lebensmittel- und Futtermittelüberwachungen in Zukunft umfassend veröffentlicht werden. Die Bürger haben ein Recht auf Information. Greenpeace hat erst im Dezember 2010 einen Vorschlag für ein verbrauchernahes Bürgerinformationsgesetz vorgestellt.

Die Lebensmittelkontrolle der Bundesländer muss zudem personell und finanziell ausgepolstert werden. Zur Finanzierung weiterer Kontrollen sollten endlich die Verursacher von Lebensmittelskandalen beitragen. Dies könnte über eine spezielle Abgabe geschehen, welche die Futtermittelindustrie nach Größe und Bedeutung zahlt. Um die unschuldig betroffenen Landwirte finanziell zu schützen, sollten alle Glieder der Futtermittelbranche in einen Haftungsfond einzahlen.

Hofstetter: Bei Futtermitteln darf man nicht den Bock zum Gärtner machen und die Kontrolle den Futtermittelerzeugern überlassen. Der aktuelle Skandal zeigt, dass freiwillige Selbstkontrollen der Industrie nicht ausreichen. Sie führen nur dazu, dass weiter gepanscht und vertuscht wird. Es ist die ureigenste Aufgabe der staatlichen Behörden, dafür zu sorgen, dass unsere Lebensmittel gesund sind.

Wie können Verbraucher sich schützen?

Solange noch nicht klar ist, welche Lebensmittel betroffen sind, gibt es zwei Möglichkeiten, sich zu schützen:

  • Bioprodukte kaufen. Ökobetriebe sind von dem Skandal nicht betroffen, weil entsprechende Fette im Ökolandbau gar nicht eingesetzt werden dürfen.
  • Einfach weniger Fleischprodukte und Eier essen. Dioxin findet sich aktuell nur in Lebensmitteln tierischen Ursprungs. Mit einem reduzierten Fleischkonsum fördert man indirekt auch den Klima- und Artenschutz.

 

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