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Bio-Sprit: Kein Ruhekissen fürs Umweltgewissen

Bio-Sprit - so lautet eines der neuen Zauberwörter im Kampf gegen den Klimawandel. Doch die Kraftstoffe aus Pflanzen sind nicht das Ei des Kolumbus, als das sie angepriesen werden. Ihre Energiebilanz ist häufig mäßig. Sie binden Ackerfläche, die der Nahrungserzeugung dienen sollte. Sie verdrängen in Jahrtausenden gewachsene Naturräume zugunsten von Monokulturen.

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Rund 20 Prozent des CO2-Ausstoßes in Deutschland sind auf den Autoverkehr zurückzuführen. 18 Millionen Tonnen Benzin und 32 Millionen Diesel verbrennen allein deutsche Kraftfahrzeuge jedes Jahr. Seit 2007 müssen Kraftstoffe in Deutschland einen Mindestanteil an Bio-Sprit enthalten. Durch das Biokraftstoffquotengesetz sind die Mineralölkonzerne verpflichtet, bis 2014 durchschnittlich 6,25 Prozent des Energiegehaltes der verkauften Kraftstoffe aus Biomasse beizumischen.

Ab 2015 wird die Beimischungsquote in eine Klimaschutzquote umgewandelt, die sich auf die Treibhausgase (THG) bezieht, die durch Biokraftstoffe eingespart werden sollen. Dies könnte sogar noch zu einer Erhöhung der Beimischung bis auf rund 11 Prozent im Jahr 2020 führen. EU-weit will die Europäische Kommission den Anteil Erneuerbarer Energien im Verkehr bis 2020 auf insgesamt zehn Prozent steigern.

Deutschland - ein Meer von Rapsgelb?

In Deutschland werden knapp zwölf Millionen Hektar Land als Ackerfläche genutzt. Das sind rund 33 Prozent der Landesfläche. Auf zwei Millionen Ackerfläche gedeihen sogenannte nachwachsende Rohstoffe - Pflanzen, aus denen Treibstoff und Biogas hergestellt werden. Zur Herstellung von Bio-Sprit werden hierzulande knapp 1 Million Hektar Raps sowie 250.000 Hektar Zuckerrüben und Getreide angebaut.

Die Menge an Treibstoff, die sich pro Hektar daraus herstellen lässt, ist verschwindend gering: bei Raps sind es nur 1600 Liter Bio-Diesel. Das reicht gerade für ein bis zwei Diesel-PKW im Jahr. Anders ausgedrückt: Selbst wenn die gesamte verfügbare Ackerfläche in Deutschland für den Rapsanbau genutzt würde, könnte der Ertrag den jetzigen Dieselverbrauch in Deutschland nicht annähernd ersetzen! Und zu Essen gäbe es auch nichts mehr.

Indonesien und Amazonien - urwaldfrei?

Da der Rapsanbau in Deutschland bereits heute nicht ausreicht, die gesetzlichen Mengenvorgaben zu erfüllen, werden zusätzlich Raps, Soja und Palmöl importiert. Seit 2008 testet Greenpeace in Deutschland regelmäßig die Dieselbeimischung auf die enthaltenen Rohstoffe. Beim letzten Test im Sommer 2011 enthielten die Proben im Schnitt acht Prozent Sojaöl und acht Prozent Palmöl. Palmöl ist mittlerweile einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Indonesiens. Für die profitablen Plantagen wird der Urwald niedergebrannt.

Was für Indonesien das Palmöl, ist für Südamerika der Sojaanbau. Der Urwald in der Amazonasregion, grüne Lunge der Erde genannt, wird für riesige Sojaplantagen vernichtet. Argentinien produziert immer mehr Biodiesel aus Soja. Dabei wird der Chaco, eine Trockensavanne im Norden des Landes, zur Ausdehnung von Ackerflächen immer weiter vernichtet. Der Biospritboom steigert in ganz Lateinamerika die Gier nach Anbauflächen, die Urwaldzerstörung in Chaco und Amazonien wird weiter angeheizt.

Erster Schritt - die Hälfte Sprit

Gesche Jürgens, Waldexpertin bei Greenpeace, sieht im Einsatz von Biomasse und Bio-Treibstoffen darum keine geeignete Lösung, um dem Klimawandel zu begegnen. Im Gegenteil, warnt sie. Die Produktion von Biodiesel aus Rohstoffen wie Palmöl setzt meist sogar mehr Kohlendioxid frei als durch das Ersetzen fossiler Treibstoffe eingespart wird. Das zeigen die Beispiele am Amazonas und in Indonesien. Der massive Einsatz kann auch zu Hunger und Armut führen, weil Nahrungsmittel knapp und teuer werden.

Das erste Gebot im Kampf gegen die Klimaerwärmung kann nur lauten: Energie sparen. Wenn wir Energie nicht vernünftiger einsetzen, brauchen wir über den Einsatz von Biomasse und Bio-Treibstoffen gar nicht erst nachzudenken. Einen verschwenderischen Umgang werden sie nie ausgleichen können.

(Aktualisiert im Juni 2012)

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