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Agrosprit - Wunschdenken und Wirklichkeit

Zehn Prozent Agrosprit im Tank bis 2020, lautet die Zielvorgabe der EU-Kommission. Ob es dabei bleibt, ist fraglich. Ein EU-interner Bericht, der Greenpeace zugespielt wurde, bestätigt: Die Schäden wären enorm. Auch die Bundesregierung mit ihrem 20-Prozent-Ziel muss sich dieser Realität stellen.

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Biotreibstoffe im europäischen Kontext: Fakten, Unklarheiten und Empfehlungen lautet der Titel des Berichtes. Das Papier stammt von der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission und wurde am 19. Dezember 2007 verfasst.

Auch wenn der Bericht nicht öffentlich zugänglich ist - in den Medien hat er bereits Spuren hinterlassen. Denn wenige Wochen später, Mitte Januar 2008, gestand Umweltkommissar Stavros Dimas in einem BBC-Interview erstmals ein, man habe die Gefahren durch Agrosprit unterschätzt. Die Probleme für Menschen und Umwelt seien größer als gedacht. Trotzdem will die EU-Kommission an ihrem 10-Prozent-Ziel festhalten. Wenn nicht bis 2020, dann eben etwas später.

Erkenntnisse der Forschungsstelle

Die EU ist nicht imstande, die nötige Menge Agrosprit beziehungsweise die Rohstoffe dafür allein zu produzieren. Sie wäre auf Importe angewiesen. Im Klartext: Für zehn Prozent Agrosprit in europäischen PKW-Tanks würden in anderen Ländern noch mehr Wälder vernichtet, ginge noch mehr Ackerfläche für die Nahrungsmittelerzeugung verloren. Die ökologischen und sozialen Folgen wären immens.

Das eigentliche Ziel der EU-Kommission, den Treibhausgasausstoß zu verringern, ist zudem auf diese Weise nicht zu erreichen. Im Papier heißt es: Es kann nicht behauptet werden, dass der Nettoeffekt positiv sein würde. Zudem würde die Abhängigkeit vom Öl lediglich durch die Abhängigkeit von Agrospritimporten ersetzt.

Die Herstellung des Agrokraftstoffs ist horrend teuer. Die Kosten stehen in keinem Verhältnis zum Nutzen. Der volkswirtschaftliche Verlust für Europa zwischen 2007 und 2020 würde sich wahrscheinlich auf 33 bis 65 Milliarden Euro belaufen. Aus dem Report: Geld und Biomasse sind limitierte Ressourchen in der EU. Sie sollten dort eingesetzt werden, wo sie die größte Wirkung zeigen.

Setzt man Biomasse in anderen Sektoren, beispielsweise in der Strom- und Wärmeproduktion ein, spart man wesentlich mehr Treibhausgase ein. In einem modernen Werk mit Kraft-Wärme-Kopplung kann ein Megajoule Biomasse etwa 0,95 Megajoule Mineralöl ersetzen. Im Autotank sind es lediglich 0,35 bis 0,45 Megajoule. Zudem wäre die Verwendung in der Strom- und Wärmeproduktion billiger als die in der Kraftstoffproduktion.

Für den Landwirtschaftsexperten Alexander Hissting von Greenpeace ist klar: Die EU betreibt unter dem Vorwand des Klimaschutzes Etikettenschwindel. Und die Bundesregierung setzt sogar noch einen drauf. Wer doppelt so viel Agrosprit in Diesel und Benzin beimischen will wie Brüssel, schert sich einen Dreck um das Klima. Agrosprit führe in die umweltpolitische Sackgasse. Er sei ineffizient, teuer und schaffe keineswegs - wie behauptet - Arbeitsplätze.

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