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Bio muss sich weiter entwickeln in Richtung fairer Handel

Heute beginnt die Biofach - die weltweit größte Messe für Ökoprodukte. Die IFOAM - Weltdachverband der ökologischen Anbauverbände und Schirmherr der Veranstaltung - dürfte sich freuen: Weltweit steigt das Interesse an ökologisch produzierten Konsumgütern. In Deutschland ist 2007 die Nachfrage nach Öko-Produkten im Vergleich zum Vorjahr wieder zweistellig um rund 15 Prozent gestiegen. Wir haben unseren Landwirtschaftsexperten Martin Hofstetter gefragt, was er von Tiefkühlpizza hält und ob das Bio-Siegel noch hält, was es verspricht.

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Online-Redaktion: Verbraucher in Deutschland greifen bei Bio-Produkten am häufigsten zu Frischwaren wie Obst und Gemüse. Einige Produkte haben aber weite Wege hinter sich. Was hältst du persönlich von Bio-Mangos?

Martin Hofstetter: Man sollte sich tatsächlich einige Gedanken über den Transport von Südfrüchten machen. Generell gilt, dass leicht verderbliche Waren wie Kirschen, Erdbeeren, Kräuter oder Blumen, die im Winter von der Südhalbkugel zu uns hergeflogen werden, eine sehr schlechte Klimabilanz aufweisen. Mangos werden in der Regel per Schiff transportiert, da sieht die Klimabilanz nicht ganz so schlecht aus.

Außerdem schmecken viele tropische Früchte deutlich dort besser, wo sie frisch geerntet werden. Dann sind sie nämlich reif. Früchte, die einen weiten Weg zu uns haben, werden häufig unreif geerntet, das merkt man dann auch am Geschmack. Das soll jetzt aber bitte nicht heißen, dass wir alle nun in den Flieger steigen sollen, um im Winter leckeres frisches Obst im Erzeugerland zu bekommen.

Online-Redaktion: Kann man sich darauf verlassen, dass Produkte aus anderen Ländern auch wirklich die Bio-Standards einhalten?

Martin Hofstetter: Grundsätzlich gilt, dass der Anbau von Bioprodukten die Umwelt schützt, unabhängig davon, ob er in Deutschland, China oder Australien stattfindet. Aber auch in der schönen Biowelt gibt es unschöne Dinge. Ich finde es zwar gut, dass Bio-Produkte inzwischen in nahezu jedem Supermarkt angeboten werden. Das führt aber auch dazu, dass der Bio-Markt den normalen Spielregeln des Marktes ausgesetzt ist, in denen die großen Discounter das Sagen haben. Oft entscheidet nur der Preis, ob eine Biomöhre aus der Region oder aus China im Supermarktregal liegt.

Aus der Region oder direkt vom Erzeuger bezogene Produkte machen ja nicht nur wegen kürzerer Transportwege Sinn, sondern sind auch frischer und ermöglichen den direkten Kontakt zwischen Verbraucher und Landwirt. Erst vor kurzem landete der Brief eines deutschen Biobauern bei mir auf dem Tisch. Darin beschwerte der Landwirt sich, dass ihm durch einen EU-Kollegen pestizidbelastete Jungpflanzen geliefert worden waren und er bis heute auf eine Entschädigung wartet. Letztendlich bedeutet regionale Erzeugung mehr Sicherheit für den Verbraucher.

Online-Redaktion: Aus entwicklungspolitischer Sicht wird argumentiert, dass der Bio-Anbau in Gebieten wie der Subsahara-Region effektiv zur Armutsbekämpfung beiträgt.

Martin Hofstetter: Da ist was dran. Voraussetzung ist, dass faire Preise gezahlt werden und stabile Handelsbeziehungen aufgebaut werden, auf die sich beide Seiten verlassen können. So läuft das bei Fair Trade. Dieses Siegel garantiert faire Preise und Arbeitsbedingungen.

Bio muss sich weiter entwickeln in Richtung fairer Handel. In die Diskussion muss aber auch die Klimarelevanz von Produkten einbezogen werden. Nur wenn die Bio-Branche diese beiden Aspekte aufgreift, wird sie auf Dauer ihre Vorreiterfunktion für sinnvolle und zukunftsfähige Lebensmittelproduktion behalten.

Online-Redaktion: Zunehmend finden sogenannte Convenience-Produkte, also Fertigprodukte bzw. Tiefkühlprodukte, den Weg in den Supermarkt. Diese sind sehr energieintensiv. Was hältst du von dem Angebot?

Martin Hofstetter: Jeder, der einen Tiefkühschrank hat, weiß, wie viel Energie der verbraucht. Das ist aber nicht nur eine Frage des Energieverbrauchs sondern auch eine der Lebensqualität: Will ich frisch zubereitetes Essen, für das ich die Zutaten ausgesucht habe? Oder will ich Essen, von dem ich nicht mal weiß, wie alt es ist.

Online Redaktion: Der Lebensalltag von vielen Menschen sieht aber so aus, dass sie kaum Zeit zum Kochen haben.

Martin Hofstetter: Wir leben in einer Zeit, in der durchschnittlich immer weniger gearbeitet wird und die Menschen gleichzeitig gefühlt immer weniger Zeit haben. Für mich ist das eine Frage der Prioritätensetzung. Für mich bedeutet Einkaufen, Kochen und gemeinsames Essen mit Freunden oder der Familie ein großes Stück Lebensqualität.

Es gibt allerdings auch in unserer Gesellschaft andere Realitäten: Ich habe volles Verständnis zum Beispiel für arbeitende alleinerziehende Mütter, die ihren Kindern - weil's flotter geht - auf die Schnelle häufiger Spaghetti mit Fertigsoße kochen oder eine Tiefkühlpizza aufbacken.

Online Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch, Martin.

Das Interview führte Anja Franzenburg

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