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Mit jedem Tropfen

Mittwoch gehen 48 Stunden Waffenruhe im Libanon zu Ende. Mit ihnen läuft eine Frist ab, in erster Linie für die Menschen. Doch die Frist betrifft auch das Ökosystem im südlichen Mittelmeer. Hintergrund: Am 13. und 15. Juli wurde das Elektrizitätswerk von Jiyeh, südlich von Beirut, von Bomben getroffen. Aus fünf der sechs Tanks des Kraftwerkes tritt seitdem Öl aus. Schätzungen gehen von einer Menge zwischen 10.000 und 35.000 Tonnen aus. Über die Gefahren für die Region haben wir mit Jörg Feddern, Energieexperte bei Greenpeace, gesprochen.

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Greenpeace-Online: In den Medien wird davon berichtet, das Material zur Beseitigung des Öls im Libanon eingetoffen sei. Doch die Zeit bis zum Ende der Waffenruhe ist knapp. Was kann in den wenigen Stunden getan werden, um gegen die Schäden anzugehen?

Jörg Feddern: Die 48-stündige Waffenruhe ist dringend erforderlich, vor allem aus humanitärer Sicht. Die Waffenruhe sollte aber auch die Möglichkeit geben, eine erste Schadensaufnahme vor Ort zu machen. Was ist da wirklich passiert? Wieviel Öl ist ausgetreten? Welche Maßnahmen sollten ergriffen werden, um das Öl einzudämmen? Das Schlimme ist, dass die Tanks des bombardierten Kraftwerkes noch immer brennen. Die Quelle des Öls ist also noch nicht gestoppt. Dadurch erhöht sich voraussichtlich noch die Menge des ausgetretenen Öls und man kann jetzt schon von einer ökologischen Katastrophe im östlichen Teil des Mittelmeeres sprechen.

Greenpeace-Online: Du sprichst vom östlichen Teil des Mittelmeeres - begrenzt sich der Ölteppich auf die Küste des Libanons oder bestätigt sich der Verdacht, dass er sich weiter ausbreitet?

Jörg Feddern: Die derzeitigen Strömungsverhältnisse in diesem Teil des Mittelmeeres sind nach Norden gerichtet. Und auch die Windverhältnisse sorgen dafür, dass sich das Öl ausbreitet. Neueste Berichte sprechen davon, dass man schon in Syrien, auf Zypern und in der Türkei Öl gefunden hat. Zunächst muss allerdings noch untersucht werden, ob es dasselbe Öl ist. Es ist aber durchaus davon auszugehen.

Greenpeace-Online: Welche Folgen hat der Ölteppich für die dortige Flora und Fauna?

Jörg Feddern: Es handelt sich um schweres Heizöl aus einem Ölkraftwerk, eine dunkle, zähe, klebrige Masse, die zum Teil mit Teer vergleichbar ist. Während die leichten Substanzen verdunsten, sinken die schweren auf den Meeresboden und decken alles zu, das Öl wirkt wie ein Leichentuch und tötet alles was sich darunter befindet.

Vor der Küste von Tripoli, im Norden Libanons, gibt es ein Naturreservat. Dort gibt es einen kleinen Bestand von Meeresschildkröten, die bedroht sind. Sollte das Öl den Strand von Tripoli erreichen, ist für die Schildkrötenpopulation Gefahr im Verzug. Der frischgeschlüpfte Nachwuchs müsste über den Strand ins Meer und würde das nicht überleben. Grundsätzlich ist Öl schwer krebserregend und wirkt erbgutverändernd. Jeder Tropfen der ins Wasser gelangt, hat negative Folgen.

Aber auch der Tourismus wird massiv darunter zu leiden haben, gerade im Libanon, wo Beirut vor allem ein beliebtes Ausflugsziel war. In Syrien, in der Türkei, auf Zypern ist es ähnlich. Der Tourismus hat dort einen hohen Stellenwert. Zudem befinden sich an der Küste auch die Laichgründe einiger Fischarten, es wird also auch Auswirkungen auf die Fischerei geben.

Greenpeace-Online: Abgesehen von den jetzigen Umständen - welche Möglichkeiten gibt es, den Ölteppich an der Küste des Libanons zu beseitigen?

Jörg Feddern: Man kann nur hoffen, dass die Selbstreinigungskräfte im Mittelmeer unterstützend wirken. Eigentlich sind sie relativ hoch, denn es gibt dort Bakterien, die Öl abbauen. Zudem sind es warme Verhältnisse, wenn also ausreichend Sauerstoff da ist, kann das Öl zum Teil auch natürlich abgebaut werden. Das dauert jedoch sehr lange.

Beispielsweise kann man noch heute nach 17 Jahren - wenn man an bestimmte Plätze geht - das Öl der Exxon Valdez im Prinz-William-Sund in Alaska finden. Allerdings sind dort auch andere ökologische Verhältnisse vorzufinden: Die Population der Tiere und die klimatischen Bedingungen sind einfach anders. Es ist sehr kalt und sehr stürmisch. Wegen dieser Wetterverhältnisse ist es schwierig, das Öl mit der Hand zu beseitigen. Die Verhältnisse sind also im Mittelmeer - vorsichtig gesagt - tendenziell besser.

Trotz allem: Wenn sich dieses Öl an Sand, Stein und Geröll absetzt, ist es sehr schwierig, es zu entfernen. Dann wird zu primitiven Mitteln gegriffen - man versucht mit einem Schrubber das Öl abzutragen und die Küste zu reinigen.

Greenpeace-Online: UNO, Europäische Union und Deutschland, Nachbarstaaten - sie alle haben Libanon ihre Hilfe im Kampf gegen den Ölteppich angeboten. Umsonst?

Jörg Feddern: Das Angebot ist bemerkenswert, aber sie alle haben keinen Zugang. Der Libanon hat ganz offen eingeräumt, dass er hilflos ist. Das Land ist nur auf Ölunfälle bis zu 50 Tonnen vorbereitet. Bleibt zu hoffen, dass die Waffenruhe verlängert wird, zunächst, um Hilfe für die Menschen im Libanon zu garantieren, aber auch um die ökologischen Auswirkungen zumindest zu minimieren. Die Chancen dafür stehen nicht gut.

Greenpeace-Online: Herzlichen Dank für das Interview.

(Das Interview führte Cindy Roitsch)

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