Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Interview mit Greenpeace-Kampagnengeschäftsführer Roland Hipp

Abwrackprämie – für die Umwelt völlig unsinnig

Die deutsche Autoindustrie steckt tief in der Krise. Kurzarbeit ist an der Tagesordnung, über Entlassungen wird gesprochen – die Aussichten sind düster. Die Industrie hat die Wirtschaftskrise als Grund für die Probleme ausgemacht und ruft nach staatlicher Hilfe. Für Roland Hipp, Kampagnengeschäftsführer von Greenpeace Deutschland, sind die beschlossenen Maßnahmen wie die Abwrackprämie jedoch nur Behandeln von Symptomen der Krise, nicht ihrer Ursachen. Im Interview erläutert er, was Autoindustrie und Politik falsch gemacht haben, und was sich ändern muss, damit bei den Autobauern auch der Klimaschutz wieder zum Thema wird.

  • /

Online-Redaktion: Auf der Hauptversammlung der Daimler AG hat Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens, heute erstmals Fehler des Managements zugegeben. Daimler habe letztes Jahr zu viele Autos auf Halde produziert. Der einzige Fehler?

Roland Hipp: Das ist eine falsche Managerentscheidung in einer ganzen Kette von Fehlern. Das größte Problem der Hersteller so genannter Premiumautos ist, dass sie seit Jahren und bis zum heutigen Tag auf übermotorisierte und zu schwere Spritschleudern setzen. Da hören die Konzernchefs vor allem auf ihre Marketingabteilungen, die den schnellen und kurzfristigen Gewinn durch den Verkauf solcher Autos im Blick haben. Große und schwere Autos lassen sich teurer verkaufen als kleine, sparsame Modelle. Die Kosten für die Entwicklung sind aber gleich groß. Die Ingenieure der Autobauer sind längst in der Lage viel sparsamere Autos zu bauen - sie werden nur nicht gelassen.

Online-Redaktion: Von der Autoindustrie ist jetzt zu hören, dass man einen solchen Einbruch beim Autokauf ja nicht erwarten konnte. Hätten es die Hersteller denn besser wissen können?

Roland Hipp: Greenpeace hat schon seit langem auf die Entwicklung der Spritpreise und damit einhergehend auf die kommende Veränderung der Nachfrage hingewiesen. Wir haben der Autoindustrie mit dem Twingo SmILE auch vor 13 Jahren gezeigt, wie mit schon damals bekannter Technik, der Verbrauch eines Serienfahrzeugs um 50 Prozent gesenkt werden kann. Wir hatten damit das erste 3-Liter-Auto. Aber die Autokonzerne haben sowohl die Warnungen als auch die Vorschläge für Alternativen in den Wind geschlagen. Jetzt jammern sie und wollen für ihre offensichtliche Fehlleistung im Management noch Milliardenbeträge vom Steuerzahler. Und Daimler hat gerade angekündigt zwei Milliarden Euro im Personalbereich einsparen zu wollen.

Online-Redaktion: Welchen Einfluss auf diese Entwicklung hatte denn die Politik?

Roland Hipp: Frau Merkel hat in der Vergangenheit alle Warnungen vor steigenden Spritpreisen und der Notwendigkeit klimafreundlicherer Autos ignoriert und den Automanagern freie Hand gelassen. Die Kanzlerin hat von der Autoindustrie nie mehr eingefordert, als deren unverbindliche Selbstverpflichtung aus dem Jahr 1998. Die Hersteller hatten damals zugesagt, den Durchschnittsverbrauch der Neuwagen innerhalb von zehn Jahren auf gerade mal fünfeinhalb Litern zu reduzieren. Tatsächlich sind die Autobauer selbst von diesen schwachen Vorgaben noch meilenweit entfernt. Daimler-Chef Zetsche hat heute erklärt, dass er dieses Reduktionsziel erst 2012 erreichen will. Wären die deutschen Autokonzerne frühzeitig auf den Bau spritsparender Fahrzeuge umgeschwenkt, müssten sie heute nicht hilflos zusehen, wie Kleinwagen aus dem Ausland bei den Kunden zum Renner werden.

Online-Redaktion: Hat denn wenigstens die Politik durch die aktuelle Krise dazugelernt?

Roland Hipp: Es deutet nichts darauf hin. Die Abwrackprämie beispielsweise ist ein hilfloser Versuch von Frau Merkel genau die Arbeitsplätze zu retten, die durch ihre eigene verfehlte Autopolitik jetzt bedroht sind. Bis zu fünf Milliarden Euro in die Verschrottung noch fahrtüchtiger Autos zu pumpen ist nicht nur unter Umweltgesichtspunkten völliger Unsinn. Das wird auch auf dem Arbeitsmarkt seinen Zweck verfehlen, wenn 2010 dann der Verkauf einbricht. Aber in einem Wahljahr schreckt auch die Kanzlerin nicht davor zurück, mit Milliarden Euro vom Steuerzahler zu jonglieren. Und dieses Geld für die Hersteller zahlen wir alle, Autofahrer ebenso wie Fahrradfahrer und Fußgänger.

Die Abwrackprämie könnte tatsächlich umweltfreundlich sein, wenn die Neuwagen, die gekauft werden, deutlich weniger Sprit verbrauchen würden als der Durchschnitt der Autos, die sonst gekauft werden. Dazu müsste es aber einen Anreiz geben, besonders spritsparende Modelle zu kaufen. Und vor allem müsste es diese spritsparenden Modelle auf dem Markt geben, das ist aber bisher gar nicht der Fall.

Online-Redaktion: Was wären denn die richtigen Schritte, um spritsparendere Autos in Deutschland zu bekommen?

Roland Hipp: Das Gewicht und die Übermotorisierung sind die großen Spritfresser. Wir brauchen deshalb bis zum Jahr 2020 eine Absenkung der Fahrzeug-Gewichte um 50 Prozent, ohne dass dies Abschläge bei der Sicherheit mit sich bringt. Das kann über verbindliche Vorgaben an die Hersteller für ihre Modellwechsel gelingen. Gegen den PS-Wahn auf unseren Straßen hilft nur ein sofortiges Tempolimit von 120 km/h auf den Autobahnen.

Mehr als die Hälfte der Fahrzeuge werden in Deutschland als Firmen- und Dienstwagen angemeldet. Bisher gibt es auch dort noch keinen Anreiz zum Kauf von spritsparenden Fahrzeugen. Greenpeace fordert deshalb eine ökologische Reform der Besteuerung von Firmen- und Dienstwagen, gestaffelt nach dem CO2-Ausstoß. Wer deutlich Sprit spart und weniger Klimakiller in die Atmosphäre bläst, soll in Zukunft bei Anschaffung und Betrieb des Autos auch finanzielle Vorteile gegenüber den Klimaschweinen haben.

Online-Redaktion: Und was erwartet Greenpeace von den Autobauern?

Roland Hipp: Von den Herstellern fordern wir, dass sie jetzt sämtliche existierenden Techniken zur Verbrauchsreduzierung ohne Aufpreis in alle Modelle einbauen. Das Argument, dass der Verbraucher dies nicht wolle, ist ja in der Zwischenzeit als Märchen aus der Marketingabteilung entlarvt worden.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Mehr zum Thema

Ausgebrannt

Auch der Verkehr muss zum Pariser Klimaabkommen beitragen. Eine Studie rechnet nun vor, was das bedeutet: Ab 2025 dürfen in der EU keine neuen Verbrenner mehr auf die Straße.

Kommt was ins Rollen?

Die Greenpeace-Kalkulationen zu Investitionen in den Radverkehr haben eine Diskussion entfacht: Warum investieren die Städte nicht mehr und besser in Radverkehr?

Guter Rat: das Rad

Bessere Luft, weniger Stau, mehr Platz: Das Fahrrad kann viele Verkehrsprobleme lösen. Dafür aber müssen Radwege sicher und attraktiv werden, so eine Studie.