Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Tagen, vertagen, abwarten

Die Klimakonferenz in Nairobi ist zu Ende, Tausende Delegierte haben sich wieder in alle Winde zerstreut. Außer Enttäuschung bleibt nicht viel zurück. Während der Klimawandel immer mehr zur Alltagsrealität wird, schleicht die Politik im Schneckentempo voran. Der Disput zwischen den Entwicklungsländern - den Leidtragenden des Klimawandels - und den Industrienationen hat sich nur noch verschärft. Das Vorteilsdenken von heute schert sich nicht um die Kosten von morgen.

  • /

Was das fast zweiwöchige Treffen gebracht hat, lässt sich in wenige Worte kleiden: Eine Mahnung: Wenn weitere gefährliche Folgen des Klimawandels verhindert werden sollen, müssen die CO2-Emissionen um 50 Prozent verringert werden. Das Kyoto-Protokoll soll überprüft werden - allerdings erst 2008. Konkrete Verhandlungen über zukünftige Reduktionsziele beginnen Ende 2007. Wie lange die Staaten verhandeln wollen, haben sie nicht festgelegt. Je länger die Verhandlungen dauern, desto größer ist das Risiko, dass ein Anschlussprotokoll nicht rechtzeitig in Kraft tritt.

Angesichts der schnell wachsenden Bedrohung durch den Klimawandel ist solch ein Schneckentempo nicht tragbar. Es ist an der Zeit, Klimaschutz zur Staatsaufgabe zu machen, kommentiert die Greenpeace-Klimaexpertin Gabriela von Goerne, die die Debatten vor Ort verfolgt hat.

Die afrikanischen Länder leiden bereits erheblich unter dem Klimawandel. Die meisten Menschen auf dem Kontinent leben von der Landwirtschaft. Zunehmende Dürreperioden, unregelmäßiger einsetzende, extreme Regenfälle und Überflutungen bedrohen ihre Existenz. Hunger und Krankheiten sind die Folge. Doch die Länder, die für diese Entwicklung in erster Linie verantwortlich sind, drücken sich. Wenn es ums Geld geht, wird es meistens still in ihren Reihen.

So haben sich die Hoffnungen vieler Afrikaner, mehr Unterstützung für saubere Entwicklungsprojekte und Anpassungsmaßnahmen zu erhalten, nur teilweise erfüllt. Der Fond für Anpassungsmaßnahmen wurde zwar endlich auf solide Füße gestellt, was aber noch fehlt, ist genügend Geld, um solche Projekte auch durchführen zu können. Bislang enthält der Fonds drei Millionen US-Dollar. Bis 2012 soll er auf 700 Millionen aufgestockt werden. Auch das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Zur Erinnerung: Allein Hamburg gibt 500 Millionen Euro für den Hochwasserschutz aus.

Die Europäische Union habe in Nairobi eher müde gewirkt, sagt von Goerne. Sie erwartet von der deutschen Ratspräsidentschaft 2007, neuen Schwung in die EU zu bringen. Im kommenden Frühjahr wird die EU ihre Reduktionsziele für die Zeit nach 2012 festlegen. Umweltminister Gabriel muss dafür Sorge tragen, dass die EU mit dem Ziel zur nächsten Klimakonferenz fährt, die Emissionen bis 2020 um 30 Prozent zu senken. Alles andere ginge an der Realität vorbei.

Der deutsche Umweltminister hat sich Medienberichten zufolge unzufrieden mit dem Ergebnis der Konferenz gezeigt. Zu Recht, doch auch in Deutschland liegt die Klimaschutzpolitik im Argen. Von Goerne: Bei allem Zahlenspiel sollten wir eines nicht aus den Augen lassen. Klimaschutz funktioniert nur durch Taten. Wer im Emissionshandel Zertifikate zur Klimazerstörung verschenkt und den Bau neuer, extrem klimaschädlicher Braunkohlekraftwerke zulässt, hat dies offensichtlich nicht begriffen.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Jobmotor Klimaschutz

Als erste Metastudie ihrer Art in Deutschland analysiert sie 25 Klimaschutz-Szenarien auf ihre ökonomischen Effekte. Zentrales Ergebnis der Metastudie: Ambitionierter Klimaschutz geht mit positiven ökonomischen Effekten einher, die Wachstum und Beschäftigung schaffen.

Vorfahrt für Klima- und Naturschutz

Klima- und Naturschutz sind die zentralen Herausforderungen der neuen Legislaturperiode. Die überfälligen Antworten auf die drängenden ökologischen Fragen muss die neue Koalition gleich für mehrere Politikfelder liefern - die Forderungen von Greenpeace an die kommenden Bundesregierung

Mehr zum Thema

Viel hilft viel

Die älteste Leier der deutschen Klimapolitik? „Man darf die Wirtschaft nicht überfordern.“ Nun zeigt eine Greenpeace-Studie: Mehr Klimaschutz schafft Jobs und Wachstum. 

Vor der Jahrhundertaufgabe

Nie gab es bei Klima- und Artenschutz so viel zu tun. Aktivist:innen erinnern die Verhandelnden der Ampelkoalition an ihre historische Verantwortung.

Klimakrise gefährdet Preise

Extremwetter kosten und belasten so die Preisstabilität im Euro-Raum. Eine Greenpeace-Studie zeigt, was die EZB tun sollte, um trotz Klimakrise ihrer Aufgabe gerecht zu werden.