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Sorge um den Erfolg des Klimagipfels

Zwei Tage Weltklimakonferenz - Zeit für einen Anruf bei Martin Kaiser in Mexiko. Der Greenpeace-Leiter Internationale Politik ist vor Ort in Cancún. Im Interview berichtet er, was Greenpeace und heiße Luft - ausnahmsweise einmal - gemeinsam haben, warum die Nicht-Teilnahme der USA überall präsent ist und warum gerade Luftverschmutzer China in Sachen Klimaschutz voranschreitet.

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Online-Redaktion: Martin, du bist seit einigen Tagen in Cancún. Was ist deine Rolle auf dem 16. Weltklimagipfel in Mexiko?

Martin Kaiser: Ich bin für Greenpeace vor Ort. Greenpeace hat Beobachterstatus, verhandelt also nicht. Ich nehme an den Reden in den öffentlich zugänglichen Verhandlungsrunden teil und versuche, diese zu interpretieren. Ich rede auf den Gängen mit den Delegierten und versuche, bestimmte Länder für unsere wichtigen Anliegen zu gewinnen.

Klare Botschaft an Cop16

Online-Redaktion: Pünktlich zum Start der Verhandlungen hat Greenpeace bereits ein deutliches Signal in Mexiko gesetzt. Was ist passiert?

Martin Kaiser: Mit der Botschaft Rescue the Climate ist ein Greenpeace-Heißluftballon über die Maja-Ruinenstadt Chichén Itzá geflogen. Unsere Aktion an einem nationalen Denkmal Mexikos macht deutlich, dass es bei der Frage des globalen Klimaschutzes um eine riesige Herausforderung und die Sicherung unserer Lebensgrundlagen geht. Klimaschutz geht alle Menschen an! Die Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, waren begeistert von dem Bild und der Botschaft.

Nicht dabei und doch präsent: Die USA

Online-Redaktion: Nach Kopenhagen schlägt der Klimagipfel dieses Jahr deutlich kleinere Wellen. Sind die Teilnehmer dennoch zuversichtlich?

Martin Kaiser: Nein, die Stimmung ist extrem schlecht; das wird in vielen Gesprächen ersichtlich. Ausnahmslos sagen alle, dass sie sehr besorgt um den Erfolg dieser Klimaverhandlungen sind. Die USA sind auf mehrere Jahre blockiert - umso wichtiger, den politischen Raum ohne die USA jetzt zu definieren!

Online-Redaktion: 2012 läuft das Kyoto-Protokoll aus. Welche Schritte müssen auf der diesjährigen Weltklimakonferenz unternommen werden, um ein Folgeprotokoll zu ermöglichen? Welche Stolpersteine gilt es aus dem Weg zu räumen?

Martin Kaiser: Im Kyoto-Protokoll haben die USA kein Stimmrecht. Die USA sind zudem durch ihre innerpolitische Situation verhandlungsunfähig. Jetzt muss die Europäische Union die Initiative ergreifen und auf den Verhandlungsprozess einwirken, sodass ein verbindlicher Fahrplan zur Weiterentwicklung des Kyoto-Protokolls zustande kommt.

Grundpfeiler für den Erfolg

Online-Redaktion: Du hast in deinem Blog Grundpfeiler für den Erfolg des Weltklimagipfels festgelegt. Welcher Aspekt liegt dir besonderes am Herzen?

Martin Kaiser: Ohne eine drastische Minderung der Emissionen muss man sich erst keinen Gedanken um den Urwald- oder Katastrophenschutz machen. Es besteht die Gefahr, dass die Welt zukünftig geprägt von Überschwemmungen und Trockenperioden ist. Die Urwälder würden verschwinden. Umso wichtiger, dass die Länder die Öl - und Kohleindustrien viel deutlicher rechtlich in die Schranken weisen und sich hier in Cancún auf das Ziel einer Erwärmung von maximal zwei Grad festlegen.

Entscheidende Teilnehmer: China und Deutschland

Online-Redaktion: China gab kürzlich zu, größter CO2-Verschmutzer weltweit zu sein. Was bedeutet das für die Konferenz?

Martin Kaiser: Länder wie China und Indien spielen eine entscheidende Rolle bei den Verhandlungen. China hat auf nationaler Ebene im Bereich Energieeffizienz bereits die Weichen für die Zukunft gestellt. Aber: China muss noch mehr tun, Kohlekraftwerke nicht mehr bauen und in einen internationalen Vertrag eingebunden werden. Wir werden weiter China auffordern, aus der Kohletechnologie auszusteigen.

Online-Redaktion: Der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) wird in der zweiten Konferenzwoche in Cancún erwartet. Was forderst du von der deutschen Beteiligung?

Martin Kaiser: Es reicht nicht aus, dass der Umweltminister anreist und blumige Reden hält. Es kommt darauf an, mit Rückendeckung des Wirtschaftsministeriums und der Bundeskanzlerin Deutschland und Europa zu einer Region zu führen, die auf grüne Technologien statt auf Kohle und Atom setzt. Das ist wichtig, um Deutschland hier glaubwürdig zu vertreten und eine neue Dynamik zu entfalten.

Zudem dürfen die Entwicklungsländer bei der Vorbereitung eines Klimaschutzfonds nicht hinters Licht geführt werden. Die Finanzhilfen müssen Neue sein. Sie müssen klar die Anpassung an den Klimawandel, Treibhausgasminderung und Urwaldschutz aufgreifen und nicht einer versteckten Forderung klimaschädlicher Produkte dienen.

Online-Redaktion: Vielen Dank!

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