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Nur kompromissloser Klimaschutz hilft noch

Oft kommen gerade die wichtigsten Ereignisse völlig unscheinbar daher. So geschehen am Dienstag in Berlin. In einer Pressekonferenz wurde der Bundesregierung - vertreten durch die Minister Jürgen Trittin (Umwelt) und Edelgard Bulmahn (Forschung) - ein Sondergutachten überreicht. Brisant daran ist der Inhalt: Empfehlungen des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltverträglichkeit (WBGU) für die deutsche Klimapolitik in der nahen Zukunft.

Der WBGU hat sein Gutachten Über Kyoto hinaus denken - Klimaschutzstrategien für das 21. Jahrhundert genannt. Mit Kyoto ist das internationale Klimaschutzabkommen gemeint, in dem sich die Industriestaaten verpflichten ihre Treibhausgase zu verringern. Und genau darum geht es: Der WBGU fordert die Politiker auf, schon jetzt bei den Entscheidungen zur Klimapolitik einen Zeitraum einzubeziehen, der weit über den im Kyoto-Protokoll vorgesehenen Zeitrahmen (2012) hinaus geht. Denn die bislang anvisierten Klimaschutzziele reichen nach Auffassung der Wissenschaftler bei weitem nicht aus, um gefährliche Klimaveränderungen im 21. Jahrhundert abzuwenden.

Allein bis 2020 müssen die Industrieländer ihren Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid um mindestens 20 Prozent verringern, fordert der WBGU in seinem Sondergutachten. Im Kyoto-Protokoll haben sie sich aber nur verpflichtet, bis 2012 die Emissionen um lediglich 5 Prozent zu reduzieren, erklärt Karsten Smid, Klimaexperte bei Greenpeace. Das heißt, dass Kyoto ein erster kleiner Schritt ist.

Mit Nachdruck weisen die wissenschaftlichen Berater darauf hin, dass der Spielraum zur Vermeidung der Klimakatastrophe immer enger wird. So geht der WBGU davon aus, dass bei einer Temperaturveränderung von global durchschnittlich zwei Grad mit schlimmsten Klimafolgen zu rechnen sei. Doch dabei müsse berücksichtigt werden, dass seit der Industriellen Revolution und dem damit einhergehenden verstärktem Kohlendioxidausstoß die Durchschnittstemperatur bereits um 0,6 Grad angestiegen ist. Somit dürften nur noch maximal 1,4 Grad dazu kommen, sonst werde die Schranke zu den katastrophalen Folgen überschritten.

Wir sind mittendrin im Klimawandel. Die diesjährige Hitzewelle in Europa hat die Flüsse und Bäche austrocknen lassen, zu enormen Dürreschäden in der Landwirtschaft geführt, Waldbrände angeheizt und die Alpengletscher wie Speiseeis schmelzen lassen, sagt Smid. Weltweit sind die Folgen der Klimaerwärmung unübersehbar. Malaria, Hunger und Wassermangel werden in Zukunft noch viel mehr Menschen bedrohen, wenn wir den gefährlichen Klimawandel nicht stoppen.

Das Kyoto-Protokoll ist auch sechs Jahre nach seiner Unterzeichnung noch nicht rechtsverbindlich. Die wissenschaftlichen Berater der Bundesregierung empfehlen deshalb die baldige Ratifizierung des Abkommens durch die immer noch zögernde Russische Förderation. Sie bringen ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass die USA in Zukunft wieder zur Unterstützung des Klimaschutzes zurückkehren könnte. Ermutigende Anzeichen dafür sehen sie in den Aktivitäten, die von einzelnen US-Bundesstaaten unternommen werden.

Eine Gelegenheit dafür, das Lenkrad in der weltweiten Klimapolitik spürbar herumzureißen, bietet sich den Politikern schon in wenigen Tagen. Vom 1. bis zum 12. Dezember findet dann die 9. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention (COP9) in Mailand statt. Tausende Vertreter aus mehr als 180 Ländern werden zu dieser erneuten UN-Verhandlungsrunde erwartet. Dort steht die Ratifizierung von Russland im Vordergrund, ohne die das Kyoto-Protokoll nicht in Kraft treten kann. Kyoto ist nicht tot, erklärt Smid, auch wenn die Gegner des Abkommens jetzt schon anfangen, die Totenglocken zu läuten.

Die Gutachten-Seiten des WBGU (http://www.wbgu.de/wbgu_sn2003.html)

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