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Maulkorb für US-Klimaforscher?

Der führende Klimaforscher der US-Raumfahrtbehörde NASA, James Hansen, beschuldigt die amerikanische Regierung, ihn zu zensieren. Die PR-Abteilung der NASA sei angewiesen worden, seine Redemanuskripte und Veröffentlichungen zu überprüfen, weil er immer wieder vor dem Klimawandel warne und Maßnahmen zum Klimaschutz einfordere, so Hansen. Er wäre nicht der erste Klimawissenschaftler, den die Bush-Administration mundtot zu machen versucht.

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Im April 2002 verlor der damalige Vorsitzende der Internationalen Expertengruppe für den Klimawandel (IPCC), Dr. Robert Watson, auf Druck der amerikanischen Regierung seinen Posten. Er wurde durch den als industriefreundlich geltenden Inder Rajendra Pachauri ersetzt. Watson vermutete, seine Positionen seien der US-Regierung zu radikal gewesen und man habe mit ihm den Boten erschossen. Später war aus dem Weißen Haus ein Fax aufgetaucht, in dem der Ölkonzern ExxonMobil die Abberufung von Watson als US-Repräsentant im IPCC vorschlug - Indiz für den Einfluss der Energiewirtschaft auf die amerikanische Klimapolitik.

In anderen Fällen hat das Weiße Haus Regierungsdokumente zum Klimaschutz verändern lassen. Der Leiter der Umweltabteilung im Weißen Haus, Philipp Cooney, änderte in den Jahren 2002 und 2003 in Dutzenden von Fällen Studien, die bereits abgenommen waren. Häufig waren es subtile Änderungen wie die Einsetzung des Wortes starke vor dem Wort Zweifel. Zweck der Übung war, die Ergebnisse von Klimaforschungen mit einer Aura des Zweifels zu umgeben, auch wenn die beteiligten Wissenschaftler sich ihrer Sache eigentlich recht sicher waren. Letzten Sommer verließ Cooney das Weiße Haus - und nahm einen Posten bei ExxonMobil an.

Wahrheit verboten

Die US-Regierung hat wiederholt versucht, wissenschaftliche Fakten über den Klimawandel zu manipulieren oder renommierte Klimaexperten unter Druck zu setzen, kommentiert Klimaexperte Karsten Smid den ungeheuerlichen Vorgang. US-Präsident George W. Bush und die Ölindustrie kaufen sich die Meinung, die sie haben wollen. Doch die erschreckenden Forschungsergebnisse der Klimawissenschaftler lassen sich auch in Amerika nicht länger verheimlichen.

Hansen, immerhin Direktor des Goddard Institute for Space Studies der NASA, ging jetzt an die Öffentlichkeit. In der New York Times vom Wochenende machte er seinem Ärger über die zunehmende Gängelung Luft. Seit einem Vortrag Anfang Dezember 2005, bei dem er auf die Potenziale zur Emissionsminderung der bereits vorhandenen Technik hingewiesen habe, seien mehrere Beschwerdeanrufe bei der NASA eingegangen.

Folge seien Behinderungen bei der Kommunikation von Forschungsergebnissen, wie zum Beispiel in der vergangenen Woche, als die NASA das Jahr 2005 zum wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen deklarierte. Er könne bei Interviewanfragen inzwischen von einem Pressesprecher vertreten werden, sagte Hansen. Einige Interviews seien bereits abgesagt worden. Ähnlich ergeht es Kollegen von der Nationalen Meeres- und Atmosphären Administration (NOAA). Sie dürfen Interviews nur noch geben, wenn sie von PR-Offizieren in Washington genehmigt und überwacht werden.

Zum Glück haben nicht alle Wissenschaftler diese Probleme. In Exeter, Großbritannien, trafen sich im Februar 2005 die führenden Klimatologen der Welt zur Konferenz Den gefährlichen Klimawandel vermeiden. Jetzt wurde eine Abschlussstudie veröffentlicht, die einige Lücken der letzten großen Studie der IPCC schließt und gleichzeitig große Gefahren aufzeigt. Der Konsens der Wissenschaftler: Eine Erwärmung der Erde um durchschnittlich drei Grad Celsius würde zu irreversiblen Veränderungen des Klimasystems führen, eventuell auch zu einer Destabilisierung der Eisdecke der Antarktis - und es ist durchaus wahrscheinlich, dass dieser Fall noch in diesem Jahrhundert eintritt.

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