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Halbzeit: Zwischenbilanz nach einer Woche Weltklimagipfel

Die Weltklimakonferenz startet in die zweite Woche - Martin Kaiser, Greenpeace-Leiter für internationale Politik ist für uns vor Ort in Cancún. Im Interview spricht er über die möglichen Ergebnisse der ersten Woche. Und verrät uns seine Erwartungen an die zweite Woche in Mexiko - wenn die Minister eintreffen und die Verhandlungen auf politischer Ebene weiterlaufen.

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Online-Redaktion: Was ist dein Fazit nach einer Woche Klimakonferenz?

Martin Kaiser: Es lässt sich sagen, die Atmosphäre ist nicht wie in Kopenhagen. Es wird hier konstruktiv und im Ton moderat zwischen den einzelnen Staaten verhandelt. Am Ende der ersten Woche gibt es ein Papier als Verhandlungsgrundlage mit zwei möglichen Ergebnissen. Das erste Szenario wäre: Das Kyoto-Protokoll wird beerdigt und damit das Konzept, dass sich Staaten zur Reduktion von Treibhausgasen verpflichten werden. Das zweite, positive Szenario ist, dass die Grundpfeiler für einen globalen Klimaschutzvertrag im nächsten Jahr gebaut werden könnten.

Online-Redaktion: Klimaschutz auf den Kopf gestellt: Was würde der Beschluss, die Technologie zur Verpressung von CO2 (CCS) als Klimaschutzmaßnahme in Entwicklungsländern zu fördern, für Länder wie China oder Indien bedeuten?

Martin Kaiser: Dies hieße de facto, dass die fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas in den Entwicklungsländern mit Geldern aus dem Klimaschutz gefördert werden - eine Pervertierung des Klimaschutzgedankens. Industrieländer dürfen Kohlendioxid (CO2) aus Kohlekraftwerken z.B. in China und Indien im Erdboden lagern und können sich dies auf ihr eigenes Klimaziel anrechen lassen. Das käme dann zum Beispiel den großen Energieversorgern in Deutschland doppelt zugute. Wenn z.B. RWE dann in diesen Ländern investiert, kriegen sie Verschmutzungsrechte. Das muss vom Klimaminister Röttgen verhindert werden.

Transparenz statt dirty deal!

Online-Redaktion: Ihr unterstützt eine Initiative, die die Beteiligungen transparent machen soll. Wie genau sieht die aus?

Martin Kaiser: Die Verhandlungen laufen hier größtenteils hinter verschlossenen Türen ab. Wohin das führt, hat man an der Bundesregierung bei ihrem dirty deal mit der Atomwirtschaft gesehen. Deshalb fordern wir mehr Transparenz. Für Beobachter sind die einzelnen Vorgänge hier sehr verschlossen. Die Initiative fordert offenere Türen, so dass wir mitbekommen, was passiert und unsere Belange besser einbringen können.

Online-Redaktion: Was sind deine Erwartungen an die zweite Woche?

Martin Kaiser: Die Erwartungen sind ganz klar: Das Fundament für einen Klimaschutzvertrag im nächsten Jahr kann hier in Cancún gegossen werden. Aber die Minister müssen politische Verantwortung übernehmen und die für den Klimaschutz besten Optionen wählen. Europa kann und muss durch einen Beschluss für ein Minderungsziel von 30 Prozent den extrem schwierigen Verhandlungen Auftrieb geben. Dafür braucht der Umweltminister Angela Merkel. Aber wo steht die Kanzlerin heute im Klimaschutz?

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