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Ursachen des Jahrhunderthochwassers

Überschwemmungen riesigen Ausmaßes - das gab es bislang nur in Bangladesh, China oder Indien. Menschen, die all ihr Hab und Gut in den Fluten verloren hatten - solche Dramen spielten sich fernab der Heimat ab. Doch seit dem 11. August 2002 ist alles anders. Der Klimawandel macht nicht vor unserer Haustür halt.
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Wetterextreme häufen sich

Wetterextreme nehmen an Anzahl und Intensität zu: Stürme toben sich über Europa aus, Hitzewellen führen zu Dürre und Ernteausfällen, das "Jahrhunderthochwasser" überraschte im August drei europäische Länder. Wir sind mittendrin. Niemand kann sagen, wann, wo und wie sich die nächste Unwetterkatastrophe entlädt.

Milde, schneearme Winter, in denen der Niederschlag meistens als Regen fällt, erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen. Der Kreislauf aus Verdunstung und Niederschlag verstärkt sich auch, wenn die Temperatur der Meere steigt - denn dann verdunstet das Wasser schneller. Je heißer es ist, desto stärker die Wolken. Die Häufigkeit von Regenfällen in Bayern mit mehr als 30 Litern pro Quadratmeter am Tag hat sich in den letzten hundert Jahren nahezu verdoppelt.

Die Jahrhundertfluten im August 2002 wurden durch das Tiefdruckgebiet "Ilse" verursacht, das feucht-warme Mittelmeerluft brachte. Vollgepumpt mit Wasser aus dem Mittelmeer zog es um die Alpen herum nach Sachsen. Dort sind innerhalb weniger Tage am Erzgebirge flächenhaft bis zu 400 Liter pro Quadratmeter Regen gefallen. Wassermengen, die sonst innerhalb mehrerer Monate niedergehen.

Hitzewellen in Europa

Immer öfter kommt es auch zu ungewöhnlichen Hitzewellen rund ums Mittelmeer, mit Spitzenwerten von 45 Grad Celsius. Ballungsräume wie Athen ersticken im Smog. Meteorologen sprachen im Jahr 2000 von der größten Hitze seit 100 Jahren. Landwirtschaftliche Flächen verkarsten, der Grundwasserspiegel sinkt - an einigen Orten verdörrte die Ernte.

Orkane haben freie Bahn

Aufgrund fehlender Schneeflächen in Mitteleuropa bilden sich kaum noch stabile Kälte-hochs aus. Diese galten stets als eine natürliche Barriere gegen Sturmtiefs vom Atlantik. Orkan "Lothar" brauste im Dezember 1999 mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 260 Stundenkilometern über Frank-reich, Schweiz und Deutschland hinweg. Sturmböen zogen eine Schneise der Verwüstung von Frankreich bis Süddeutsch-land. Heftige Windattacken knickten die Bäume wie Streichhölzer um. Die Existenz von Waldbesitzern wurde innerhalb von Minuten vernichtet. 80 Menschen starben; ramponierte Dächer, abgeknickte Strommasten und umgeworfene Kräne führten zu einer Schadensbilanz von etwa 9 Milliarden Euro.

Sturmfluten drohen

Starkwindereignisse kommen verstärkt aus Nordwest bis Nord und drücken damit gewaltige Wassermassen in Richtung deutsche Bucht. Die hundertjährige Deichsicherheit ist bei solchen Stürmen Makulatur. Die nach der verheerenden Sturmflut von 1962 nachgebesserte Sollhöhe der Küstenschutzanlagen ist heute, 40 Jahre später, schon wieder überholt, die langfristige Absicherung nicht mehr gewährleistet.

Unwetter weltweit: 1000 Tote in China - Monsun wütet in Asien

Schwere Unwetter und Flutkatastrophen wüten im Sommer 2002 auch in vielen anderen Regionen der Erde und versetzen die Menschen in Angst und Schrecken. Besonders betroffen ist Asien.

Am schlimmsten hat es China getroffen. Dort starben bei den sommerlichen Unwettern landesweit bereits mehr als 1000 Menschen. Insgesamt 100 Millionen Einwohner sind von den Fluten bedroht. Im Osten Indiens sind in diesem Sommer bereits mehr als 550 Menschen ums Leben gekommen. In Bangladesh hat im August 2002 eine zweite Flutwelle Zehntausende Menschen in die Flucht getrieben.

Ursache der Wetterextreme

Die Ursache ist längst bekannt: Wir verfeuern zuviel fossile Brennstoffe, wie Öl und Kohle. Mit verantwortlich dafür sind die weltweit operierenden Ölkonzerne, vor allem der weltweit größte unter ihnen: ExxonMobil, in Deutschland bekannt unter dem Namen ESSO.

Den Milliardengewinnen der Ölmultis stehen Milliardenverluste der von den Unwettern betroffenen Ländern und Regionen gegenüber. Deshalb muss die Ölindustrie auch finanzielle Soforthilfen für die Betroffenen zur Verfügung stellen.

Flussbegradigung und Landschaftsversiegelung

Für das Hochwasser, das sich im August 2002 über das Land am Elbufer ergießt, ist kein Deich ausgelegt. Erschwerend kommt hinzu, dass die begradigten, verbauten und vertieften Flüsse die Fließgeschwindigkeit des Wassers stark erhöhen. Mehr Wasser fließt schneller und kann nicht mehr von den Uferbereichen aufgenommen werden, da diese häufig versiegelt sind. Immer noch werden 130 ha Überschwemmungsbereiche und Aueflächen pro Tag in Deutschland versiegelt. Die Auswirkungen dieser Praxis zeigten sich auch beim Hochwasser an Rhein (1995) und Oder (1997).

Die systematische Schaffung natürlicher Rückhaltekapazitäten und Überflutungsräume ist daher dringend erforderlich. Die Flüsse müssen wieder Raum haben, sich auszubreiten. Eine weitere Bebauung von Uferzonen durch Industrieanlagen und Wohnbauten in gefährdeten Gebieten muss vermieden werden. Ein gut ausgebautes und funktionsfähiges Frühwarnsystem trägt ebenfalls dazu bei, Folgeschäden von Hochwasserereignissen geringer zu halten. Vermieden werden hätten sie bei diesen Regenfällen jedoch nicht.

Auch können die vorgeschlagenen Maßnahmen das Starkwetter-Ereignis als direk-te Folge des Klimawandels selbst nicht ver-hindern. Kein Fluss hätte diese ungeheuren Wassermassen im August 2002 aufnehmen können. Die Situation wurde aber durch Flussbegradigung, Landschaftsversiegelung und Abholzung von Bergwäldern noch verschärft.

Bergwälder als Hochwasserschutz

Bergwälder haben eine unersetzliche Bedeutung im Schutz vor Überflutungen. Seit 1987 arbeiten Greenpeace und das "Bergwaldprojekt" an Erhalt, Stabilisierung und Aufbau von Schutzwäldern.

Bergwälder schützen nicht nur vor Lawinen- und Erdrutschen. Sie bilden auch große Verdunstungsoberflächen für Regenwasser. Intakter Waldboden fasst bis zu 300 Liter Wasser pro Kubikmeter. Das Wasser schießt dann nicht als Sturzbach zu Tal, sondern wird langsam abgegeben. Durch den gleichmäßigen Wasserabfluss verringert der Bergwald nicht nur die Hochwassergefahr, sondern sorgt auch als Wasserspeicher dafür, dass im Sommer ausreichend Wasser zur Verfügung steht. Im Bereich des Erzgebirges konnte der Boden wegen des dortigen Waldsterbens die Wassermassen nicht zurückhalten. In den zum Teil besonders gefährdeten Wäldern muss die Priorität auf die Schutzfunktion und nicht auf die Nutzung gesetzt werden. Mittelfristig wirksame Schutzmaßnahmen müssen intensiviert werden.

Gefahr durch kontaminiertes Hochwasser

Bei Überschwemmungen handelt es sich nicht nur um Regen- und Flusswasser. Zusätzlich gelangen Abwässer aus Industrie und privaten Haushalten in die Fluten. Gefahr geht auch von toten Tieren, Tankstellen, Öllagern, Chemikalien-Lagern, Krankenhausabwässern und Güllegruben aus, die im Überflutungsgebiet liegen.

Somit besteht eine erhebliche Bedrohung für das Grund- und Trinkwasser. Das stark verschmutzte Wasser kann zum Ausbruch von Seuchen wie Hepatitis A, Typhus und Durchfallerkrankungen führen. Auch nach dem Abfließen des Hochwassers bleiben Gefahren bestehen. Schadstoffe gelangen in die Böden und damit über landwirtschaftliche Erzeugnisse in die Nahrung.

Schlamm aus den Überflutungsgebieten ist Sondermüll und muss als solcher entsorgt werden. Tierkadaver sollten durch die Behörden möglichst rasch beseitigt werden. Ebenso sollten alle, die sich an Aufräumarbeiten und Schlammbeseitigung in Hochwassergebieten beteiligen darauf achten, Hautkontakt mit den Schlämmen zu vermeiden.

Greenpeace untersuchte im August 2002 Böden, Sedimente und Wasserproben aus Spolana, Bitterfeld, Magdeburg und Dresden auf Schadstoffe. Ebenso wurden Schlämme in Dresden auf Rückstände untersucht. Die Untersuchung von überfluteten Böden bei Magdeburg wird eine Einschätzung für die zukünftige landwirtschaftliche Nutzung liefern.

Fazit

Klimaerwärmung ist ein globales Problem. Seit dem Umweltgipfel von Rio 1992 ist der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen um 9 Prozent gestiegen. Bereits die Enquete-Kommission des deutschen Bundestages "Schutz der Erdatmosphäre" warnte 1988: "Weitere Schäden werden dadurch verursacht werden, dass in vielen Gegenden die Niederschläge häufiger und intensiver werden." Dabei ist es billiger, vorsorglich in den Klimaschutz und in erneuerbare Energien zu investieren, als in den nächsten Jahrzehnten ständig die Schäden von Orkanen und Sintfluten zu beheben.

Greenpeace Position

  • Den Betroffenen vor Ort muss zuerst geholfen werden.
  • Wir müssen uns auf immer mehr Unwetter in Folge der Klimaerwärmung einstellen. Unwetterwarnungen müssen frühzeitig, präziser und mit genaueren Ortsangaben veröffentlicht werden.
  • Die Ölindustrie muss finanzielle Soforthilfen für die Opfer von Jahrhunderthochwassern zur Verfügung stellen.
  • Die Erschließung von neuen Ölvorkommen muss gestoppt werden. Nur ein massiver Ausbau von klimafreundlichen, erneuerbaren Energien, wie Wind- und Sonnenenergie, kann Schlimmeres verhindern. Der Ausstoß von Treibhausgasen muss in den kommenden Jahrzehnten um 80 bis 90 Prozent zurückgefahren werden.

Autor: Karsten Smid

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