Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Grafenrheinfeld früher vom Netz

Berlin (dpa) - Das bayerische Atomkraftwerk Grafenrheinfeld soll bereits Ende Mai 2015 stillgelegt werden und damit sieben Monate früher als von der Bundesregierung geplant. Das teilte der Düsseldorfer Energiekonzern Eon am Freitag mit.

  • /

Die vorzeitige Stilllegung könnte zu Versorgungsproblemen in Süddeutschland führen. Zwar glauben Experten das nicht. Wiederholt war aber betont worden, dass vor einer Abschaltung eigentlich die Thüringer Strombrücke fertiggestellt sein müsse, über die als Ersatz für den Atomstrom vor allem Windstrom aus dem Osten nach Bayern geleitet werden soll. Notfalls kann die Stilllegung untersagt werden.

Die Stilllegungsanzeige für Grafenrheinfeld ist laut Eon der Bundesnetzagentur und dem Netzbetreiber Tennet übermittelt worden. Hält die Bundesnetzagentur die Anlage für systemrelevant, kann die Abschaltung nicht erlaubt werden. Dann müsste Eon für den Weiterbetrieb des AKW eine finanzielle Entschädigung bekommen. Die Kosten würden auf die Strompreise umgelegt, also die Verbraucher.

Derzeit sind noch neun Atomkraftwerke in Deutschland am Netz, sie sollen schrittweise bis zum Jahr 2022 stillgelegt werden.

Der für Süddeutschland verantwortliche Netzbetreiber Tennet betonte, bisher gebe es keine Hinweise darauf, dass die frühere Abschaltung nicht handhabbar sei. "Aktuell gehen wir davon aus, dass eine vorzeitige Stilllegung des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld die Versorgungssicherheit in den Monaten bis zum eigentlich vorgesehenen Laufzeitende des Kraftwerks im Dezember 2015 nicht gefährdet", sagte Tennet-Geschäftsführer Martin Fuchs. Mit stark erhöhten Eingriffen in den Markt, um das Netz zu stabilisieren, wäre die Situation für Tennet als Übertragungsnetzbetreiber beherrschbar, betonte Fuchs.

Eon begründet den Schritt vor allem mit der Belastung durch die vom Bund erhobene Kernbrennstoffsteuer. "Hintergrund für die Entscheidung ist die mangelnde Wirtschaftlichkeit der Anlage", betonte das Unternehmen. In Konzernkreisen hieß es, im Juni müssten neue Brennstäbe eingesetzt werden, was mit weiteren 80 Millionen Euro zu Buche schlagen würde. Der rasante Zuwachs an Wind- und Solarstrom, der zu sinkenden Erlösen im Stromverkauf führt, drückt die Margen bei vielen konventionellen Kraftwerken. Daher gibt es Forderungen nach Extraprämien für Anlagen, die anders als Wind und Sonne eine gesicherte Stromleistung rund um die Uhr liefern können.

Nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima waren 2011 nach einem Beschluss des Bundestags acht Atomkraftwerke vom Netz gegangen. Grafenrheinfeld sollte als nächstes Kraftwerk eigentlich erst Ende 2015 abgeschaltet werden. Die 1345-Megawatt-Anlage erzeugte 2013 nach Angaben des Deutschen Atomforums 10.246 Gigawattstunden Strom.

Die vorzeitige Abschaltung dürfte auch Thema beim Energiegipfel der Ministerpräsidenten mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am kommenden Dienstag sein. Bisher gibt es noch keine konkreten Pläne für eine Neuordnung des Strommarktes, die sichergestellt, dass sich auch für konventionelle Kraftwerke der Betrieb rechnet. Diese werden gerade im Winter gebraucht, wenn weniger Ökostrom produziert wird.

Umweltschützer begrüßten den Schritt von Eon. "Die Abschaltung von Grafenrheinfeld ist längst überfällig, jeder Tag zusätzlicher Laufzeit vergrößert das Risiko eines atomaren Unfalls», sagte der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger. Das Aus sei «hoffentlich keine Nebelkerze, um hintenrum Geld für den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks zu bekommen".

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

Mehr zum Thema

Es ist zwei vor Zwölf

Die UN wollen Atomwaffen verbieten, der Vertrag wird gerade ratifiziert. Nur: die Atommächte machen nicht mit. Ein Interview mit Greenpeace-Experte Heinz Smital und Alexander Lurz.

Sicherheit ist gutes Recht

Frankreichs AKW haben ernste Sicherheitsmängel; darauf machten Greenpeace-Aktivisten mit friedlichem Protest aufmerksam. Ein AKW-Betreiber zog vor Gericht – mit mäßigem Erfolg.

Schlechter Gewinner

Frankreichs Präsident Macron wird für seine Vision Europas mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Doch sein Beharren auf Atomkraft verdient keine Würdigung, sagen Greenpeace-Aktivisten.