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Nein danke, Verbraucherschutz geht vor!

Gentechnik im Essen?

Die EU-Kommission plant, die Verunreinigung von Lebensmitteln mit nicht zugelassenen Gen-Pflanzen zu erlauben. Wieso ist es so schwer, sich gegen die EU durchzusetzen? Und wie steht eigentlich die deutsche Lebensmittelindustrie zu dem Thema? Diese und weitere Fragen beantwortet Alexander Hissting, Leiter der Geschäftsstelle des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) e.V. im Interview.

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Redaktion: Die Nulltoleranz für Spuren illegaler genmanipulierter Stoffe in Lebensmitteln wird möglicherweise gekippt. Was bedeutet das für den Verbraucher?

Alexander Hissting: Damit werden Anteile von gentechnisch veränderten Pflanzen bis zu 0,1 Prozent in Lebensmitteln toleriert, obwohl sie in Europa nicht abschließend auf ihre Sicherheit geprüft wurden. Das ist ein Bruch mit dem Vorsorgeprinzip. Selbst die USA haben eine Nulltoleranz für nicht zugelassene GV-Pflanzen.

An die Toleranz der Verunreinigungen sind neben der Begrenzung auf die Höhe von max. 0,1 Prozent noch weitere Bedingungen geknüpft. Die Pflanzen müssen in dem Ursprungsland eine Genehmigung haben und in der EU muss seit drei Monaten ein Zulassungsantrag vorliegen.

Redaktion: Was kann man als Verbraucher tun, um sicherzugehen, dass man kein Gen-Food kauft?

Alexander Hissting: Sowohl Bio-Produkte, als auch Lebensmittel mit der Ohne Gentechnik-Kennzeichnung sind für Verbraucher, die auf Gentechnik im Essen verzichten wollen, eine gute Alternative. Bei beiden Systemen erstreckt sich der Gentechnikverzicht nicht nur auf das Lebensmittel selber, sondern bei Milch, Eiern und Fleisch auch auf die vorgelagerte Tierfütterung.

Redaktion: Wie sieht es denn bei Lebensmitteln tierischen Ursprungs aus?

Alexander Hissting: Immer mehr Lebensmittelhersteller und Landwirte achten in Deutschland auf eine gentechnikfreie Tierfütterung. Dennoch werden Millionen Tonnen gentechnisch verändertes Sojaschrot verfüttert, vor allem in der Schweinemast. Zudem hat die EU-Kommission bei Futtermitteln bereits 2011 die Nulltoleranz für nicht zugelassene gentechnisch veränderte Pflanzen aufgehoben. Genau so wie sie es jetzt für Lebensmittel plant.

Redaktion: Warum steht überhaupt zur Debatte, Verunreinigungs-Grenzwerte bei Lebensmitteln einzuführen? Wer hat etwas davon?

Alexander Hissting: Das Einführen oder Anheben von Grenzwerten spart Geld. Je weniger streng die Auflagen sind, desto weniger muss kontrolliert und analysiert werden und desto weniger kommt es vor, dass Chargen von Lebens- oder Futtermitteln verworfen werden müssen. Das ist ja auch erst mal nicht verkehrt. Wir müssen uns aber bewusst werden, welche Konsequenzen das hat; nämlich mehr Verunreinigungen mit nicht zugelassenen Pflanzen. Der Verbraucherschutz sollte klaren Vorrang haben.

Redaktion Noch ist Bundesagrarministerin Aigner gegen die Aufhebung der Nulltoleranz. Warum ist es so schwierig, sich hier gegen die EU durchzusetzen?

Alexander Hissting: Die EU-Kommission wird nicht vom Volk gewählt. Also ist sie auch weniger sensibel für die Meinung in der Bevölkerung als nationale Politiker, die mit mindestens einem Auge auf die nächste Wahl schauen müssen. Folglich hat die Meinung von Lobbyisten in Brüssel mehr Gewicht. Und die Agrarindustrie hofft, die hofft, durch eine Aufhebung der Nulltoleranz Geld sparen zu können und seit jeher zum Großteil gentechnikfreundlich ist, hat viele Lobbyisten in Brüssel.

Redaktion: Was sagt denn die Lebensmittelindustrie in Deutschland dazu?

Alexander Hissting: Vorfälle mit nicht zugelassenen gentechnisch veränderten Pflanzen können immensen wirtschaftlichen Schaden anrichten. Der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik sieht jedoch keinen Sinn in der Aufhebung der Nulltoleranz für nicht zugelassene GV-Pflanzen. Auch mit der geplanten Regelung hätten die drei wichtigsten Verunreinigungsvorfälle der letzten Jahre nicht verhindert werden können. Weder der Reis LL601 aus den USA, der Leinsamen Triffid aus Kanada oder der Reis Bt63 aus China waren zum Zeitpunkt der Vorfälle im Ursprungslang genehmigt noch lag der EU ein Antrag auf Zulassung vor.

Viel wichtiger wäre ein internationales Register aller gentechnisch veränderten Pflanzen, die im Freiland angebaut werden, egal ob kommerziell oder zu Versuchszwecken. Ferner muss geklärt werden, wie Haftungsfälle geregelt werden, bei denen der Verursacher nicht ausgemacht werden bzw. dieser nicht für den Schaden aufkommen kann. Denkbar wäre ein Fonds in den die Unternehmen einzahlen, die gentechnisch veränderte Pflanzen kommerzialisieren.

Es kann nicht sein, dass Lebensmittelhersteller in Deutschland auf Millionenschäden sitzen bleiben, obwohl sie alles in ihrer Macht stehende tun, um GV-Verunreinigungen zu verhindern, nur weil in USA bei einem kleinen universitären Freisetzungsversuch geschlampt wurde, wie beim Reis LL601 in 2007 geschehen.

Alexander Hissting, Leiter der Geschäftsstelle und Sprecher des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) e.V.engagiert sich seit 1993 gegen gentechnisch veränderte Pflanzen und war acht Jahre lang Gentechnik- und Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace.

Der Verband repräsentiert  Lebensmittelhersteller und -händler sowie die vor- und nachgelagerten Bereiche der Lebensmittelproduktion. Seit März 2010 setzt er sich für eine Lebensmittelerzeugung ohne Gentechnik ein, betreibt Verbraucheraufklärung und vergibt für entsprechend hergestellte Lebensmittel Lizenzen für das einheitliche Siegel Ohne GenTechnik.

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