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Agro-Gentechnik in den USA: "Wir wurden nicht gefragt"

Die USA blicken auf 16 Jahre praktische Erfahrung im großflächigen Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen zurück. Ökologische und sozioökonomische Probleme sind nicht zu übersehen und sollten für Europa eine Warnung sein, dem amerikanischen Weg zu folgen.

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Greenpeace stellt zurzeit auf einer Tour durch die EU die Ergebnisse eines vor zwei Wochen veröffentlichten Reports über herbizidtolerante Genpflanzen in den USA vor. Begleitet werden wir dabei von zwei Farmern aus den USA, die ihre praktischen Erfahrungen und persönlichen Eindrücke beisteuern. Ende Oktober war ich zusammen mit den beiden im Agrarausschuss des Bundestages. In einem sogenannten Berichterstattergespräch ging es um den Anbau und mögliche Zulassungen von herbizidtoleranten Genpflanzen.

Am Rande des Termins blieb auch Zeit zum Austausch über andere Aspekte der Agro-Gentechnik und über die Realität in den USA. Dabei kamen wir auch auf die Volksentscheidung in Kalifornien am 06. November zu sprechen, ohne zu wissen dass sich eine knappe Mehrheit der Bevölkerung gegen eine Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel aussprechen würde. Gen-Food wird daher in Kalifornien und dem Rest des Landes weiterhin unerkannt im Regal liegen.

Wes Shoemyer bewirtschaftet gut 1000 Hektar in Missouri. Neben Mais, Soja und Weizen baut er Futterpflanzen für seine Rinder an. Wendel Lutz besitzt 200 Hektar in Illinois. Er produziert vor allem Mais und Soja.

Redaktion: Was hat Euch und die anderen Farmer in den USA dazu gebracht, herbizidtolerante Gen-Pflanzen anzubauen?

Wes: Wir kannten Roundup lange vor der Gentechnik und es funktionierte prächtig. Als die Gen-Pflanzen eingeführt wurden, brauchten wir auch nur geringe Mengen Glyphosat einzusetzen - und die Spritzmittel waren günstig.

Wendel: Effektive Unkrautkontrolle war nicht einfach, insbesondere über die komplette Anbausaison. Mit der Einführung von Glyphosat und den Roundup-ready-Pflanzen war es möglich, Gräser und krautige Pflanzen mit nur einem Produkt zu bekämpfen. Dies alles bei einfachster Anwendung, jederzeit, kaum einer Gefahr der Überdosierung und zu günstigen Preisen - vom Saatgut einmal abgesehen. Es war wunderbar einfach!

Redaktion: Wann tauchten bei Euch die ersten Probleme auf und wie haben staatliche Stellen und die Konzerne darauf reagiert?

Wes: Vor zwei bis drei Jahren hatten wir die ersten Diskussionen über resistente Unkräuter. Aber ein Problem ist das ja nur für die Farmer, nicht für die Chemiefirmen.

Wendel: Bei uns begannen die Probleme schon zwei Jahre nachdem wir 2006 erstmals Roundup-Ready-Pflanzen angebaut hatten. Um eine tödliche Wirkung zu erzielen, erhöhten wir die Giftmenge. Nach fünf Jahren des Anbaus von Roundup-ready-Pflanzen hatten wir 2011 echte und bestätigte Resistenzen. Eine Reaktion öffentlicher Stellen gab es nicht, nur ein Experte der University of Illinois klärte die Farmer über das Problem der resistenten Unkräuter auf und sprach von der Notwendigkeit andere und zusätzliche Bekämpfungsmaßnahmen zu ergreifen. Die Industrie erzählte uns nur, dass wir an den Rückzugsflächen für das Resistenzmanagement festhalten sollten.

Menschen in den USA wenig informiert

Redaktion: Wie steht die Bevölkerung zu Gen-Pflanzen? Sind die Probleme bekannt?

Wes: Ich bin davon überzeugt dass sie nichts von den Problemen wissen.

Wendel: Die Menschen in den USA sind großteils unbesorgt, aber wir werden sehen ob "Proposition 37" in Kalifornien Erfolg hat. Aus irgendeinem Grund scheinen die Amerikaner noch nicht einmal über GMOs bescheid zu wissen. Wenn man es ihnen erklärt kann es gelingen, sie ein wenig zu interessieren. Im Moment leiden viele Menschen unter der schweren Rezession und wollen und erwarten billige Lebensmittel. Solange es keine direkte und tödliche Gefahr gibt ist für sie alles in Ordnung.

Redaktion: Wie sieht der Widerstand gegen Gen-Anbau aus?

Wes: Der Widerstand beschränkt sich auf das Verlangen nach Informationen, etwa die Kennzeichnung von Lebensmitteln, so dass die Verbraucher selbst eine Entscheidung treffen könnten. Einige Initiativen machen online-Petitionen oder versuchen sicherzustellen dass die richtigen Politiker gewählt werden.

Wendel: Ich bin mir nicht sicher, ob Kalifornien Bezirke mit Verboten für GVOs hat oder ob die entsprechenden Gesetze von Gerichten gekippt wurden. Ich kann mir nur den Widerstand einzelner Farmer oder den von Verbrauchergruppierungen vorstellen.

Redaktion: Wie ist die Situation der Farmer? Gibt es unter ihnen Widerstand gegen Gen-Anbau?

Wes: Er ist minimal und kommt, wenn überhaupt, von Landwirten, die Bauernmärkte beliefern. Die Werbung funktioniert: Die Farmer glauben, dass die Lösung in mehr Technologie zu finden ist. Aber jedes Mal, wenn eine neue Technologie eingeführt wird, verlieren wir ein Stück Unabhängigkeit.

Wendel: Wie zuvor erwähnt: Der Widerstand mag zunehmen, aber er ist sehr gering. Die Chemie-Industrie, Handelsgruppen und Bauernverbände - alle werben ausschließlich für die Gentechnik.

Redaktion: Gibt es Farmer, die wieder auf nicht genmanipulierte Pflanzen umstellen? Ist das überhaupt noch möglich?

Wes: Es ist möglich, wird aber in der Praxis immer schwieriger. Es fehlt ein Markt, der die Mehrkosten beim Management über höhere Preise ausgleicht. Aber es gibt durchaus Farmer, die den Schritt zurück machen.

Wendel: Ja, und ich bin einer von ihnen - zumindest auf einem Großteil meiner Flächen.

Zukünftig Kennzeichnung gentechnisch veränderter Zutaten?

Redaktion: In Kalifornien wird am 06. November über "Proposition 37" abgestimmt. Der Vorschlag könnte eine Kennzeichnung von Lebensmitteln mit gentechnisch veränderten Zutaten verpflichtend machen. Was denkt Ihr über eine mögliche Information des Verbrauchers? Oder glaubt Ihr, wie die Industriekampagne behauptet, dass die Lebensmittelpreise steigen und eine Kennzeichnung die Menschen verwirren könnte?

Wes: Ich habe 2002 in Missouri eine ähnliche Gesetzesinitiative unterstützt, aber sie hatte leider keinen Erfolg. Ich bin überzeugt, dass jeder Verbraucher das Recht hat zu wissen was er isst und dass die Menschen mit ihren Dollars die richtige Entscheidung treffen.

Wendel: Ich bin sehr dafür, dass das Volk entscheiden soll, ob es informiert werden will oder nicht. Es könnte durchaus einen Effekt auf die Lebensmittelpreise geben, angefangen bei den Rohstoffen, über Arbeitskosten, Sprit usw. Eine Veränderung dürfte es aber nur geben, wenn die Öffentlichkeit eine echte Gefahr in der Gentechnik sieht. Sollte dies nicht der Fall sein, wird ein Label wohl kaum etwas ausmachen und alles seinen gewohnten Gang gehen. Ansonsten könnten die Menschen für die Verbraucherinformation und die Trennung von gentechnisch veränderten und GVO-freien Lebensmitteln draufzahlen.

Redaktion: Glaubt Ihr, dass es in den USA ein Bewusstsein für Lebensmittel mit gentechnisch veränderten Zutaten gibt? Würde eine Kennzeichnung überhaupt etwas verändern?

Wes: Ich denke schon, dass die Menschen sich Gedanken machen. Auf der ganzen Welt denken Mütter über die Ernährung ihrer Kinder nach, und es ist nur das Problem der USA, dass wir die Debatte jetzt erst führen. Bei Einführung der Agro-Gentechnik wurden wir nicht gefragt, jahrelang wurden uns GVOs eingetrichtert ohne uns zu informieren.

Wendel: Einige Menschen sind sensibilisiert, es werden mehr. Keine Ahnung was passieren wird, ich würde durchaus auf ein Label achten. Aber wie viel mehr ich bereit wäre auszugeben, kann ich nicht sagen. Immerhin bin ich längst verseucht!

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