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E.on macht Kohle in der Türkei

Ibrahim Ciftci, Energieexperte im türkischen Greenpeace-Büro, hat auf der jüngsten E.on-Hauptversammlung gesprochen. Er erinnerte an die Verantwortung des Konzerns auf dem türkischen Energiemarkt.

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Greenpeace-Redaktion: Glückwunsch Ibrahim, du lebst in der Türkei, in kaum einem europäischen Land sind die Voraussetzungen für Erneuerbare Energien besser als in deiner Heimat. Wir nehmen an, du lebst umgeben von Windrädern und Solardächern, oder?

Ibrahim Ciftci: Das würde man erwarten von einem Land mit dem Potenzial der Türkei. Aber leider ist es nicht so. Es gibt ein paar Wind- und Geothermie-Anlagen, aber sie machen einen verschwindend kleinen Teil im gesamten Energiemix der Türkei aus. Das liegt auch am fehlenden politischen Willen. In diesem Jahr hat die Türkei zum ersten Mal Lizenzen für Solarparks ausgegeben. Aber der Deckel liegt bei 600 Megawatt – im ganzen Land dürfen also pro Jahr nur Solaranlagen installiert werden, die ein halbes Atomkraftwerk ersetzen. Fast könnte man darüber lachen – wenn es nicht traurig wäre.

Redaktion: Am 30. April hast du in Essen auf der Hauptversammlung von E.on, Deutschlands größtem Energieversorger gesprochen. Warum?

Ibrahim Ciftci: Seit dem vergangenen Jahr ist E.on gemeinsam mit Enerji in den türkischen Energiemarkt eingestiegen, sowohl als Energieerzeuger als auch als Vertrieb. Beide Unternehmen haben zusammen in Erdgas, Wind und etwas Hydroenergie investiert - aber auch in ein Kohlekraftwerk namens Tufanbeyli. Feinstaub und Schwermetalle aus Kohlekraftwerken verursachen ernsthafte Gesundheitsschäden. Daran wollte ich den E.on-Vorstand und die Aktionäre heute noch einmal erinnern. Gleichzeitig habe ich nach den weiteren Plänen von E.on in der Türkei gefragt. Will das Unternehmen weiter in schmutzige fossile Energie investieren? Oder will E.on eines der größten Potenziale für Erneuerbare Energie in Europa anzapfen.

Redaktion: E.on-Chef Johannes Teyssen räumt offen ein, dass mit Kohle und Atom künftig keine ernsthaften Gewinne mehr zu erzielen sein werden. Warum investiert er dann in der Türkei in ein Kohlekraftwerk?

Ibrahim Ciftci: Die Sache liegt ein bisschen anders in der Türkei. Parallel zum Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum steigt auch der Energieverbrauch in der Türkei. Die Prognosen liegen hier bei einem jährlichen Zuwachs von 6 Prozent. Derzeit verfügt die Türkei über installierte Kapazitäten von 64 Gigawatt, Tendenz stark steigend. Der Löwenanteil der geplanten Zubauten liegt bei Kohle, denn die Türkei will die hohen Energieimporte senken und setzt dabei auf die eigenen Kohlevorkommen. Deshalb glauben viele Unternehmen, dass mit Kohlestrom noch gutes Geld zu verdienen ist in der Türkei.

Redaktion: Wie stark engagiert sich E.on in der Türkei in den Erneuerbaren?

Ibrahim Ciftci: E.on betreibt drei Windparks, darunter Balikesir, die Windanlage mit der größten Kapazität. Die eigentliche Frage lautet natürlich: Wie stark wollen sie sich zukünftig engagieren?

Redaktion: Weiß die türkische Bevölkerung um die Gesundheitsschäden durch Kohlekraftwerke?

Ibrahim Ciftci: Es gibt einen starken lokalen Widerstand gegen Kohle in der Türkei. Auch wenn viele die Gesundheitsschäden nicht wissenschaftlich exakt benennen können, weiß doch jeder, dass die Abgase aus den Schloten ungesund sind. Viele Menschen erinnern sich auch noch an die Zeit vor 1997, als Kohle und Holz für Fernwärme benutzt wurden und für massive Luftverschmutzung vor allem in großen Städten gesorgt haben. Seither haben fast alle Türken verinnerlicht: Kohle ist schlecht.

Redaktion: Kohlekraftwerke sind die Haupttreiber des Klimawandels. Dessen Auswirkungen werden längst auch in Europa sichtbar. Wie zeigt er sich in der Türkei?

Ibrahim Ciftci: Am alarmierendsten ist der ausbleibende Regen. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder gravierende Trockenzeiten und dieser Sommer droht erneut extrem regenarm zu werden. Die Stauseen um Istanbul etwa sind derzeit gerade mal zu 30 Prozent gefüllt.

Redaktion: Ist der wachsende Widerstand gegen die Kohle ein Investitionsrisiko für E.on und andere Energiekonzerne?

Ibrahim Ciftci: Ja. Im Jahr 2012 protestierten die Menschen in Gerze gegen das geplante Kohlekraftwerk eines der größten türkischen Industriekonglomerate, die Anadolu Gruppe. Die Genehmigungen lagen vor, Lizenzen auch, alles was man zur Minimierung der Risiken tun konnte, war getan worden. Nur den Widerstand hatte man unterschätzt. Der war so standhaft, dass sich Anadolu am Ende aus dem Projekt zurückgezogen hat.

Friedlicher Protest kann zu einem enormen Investitionsrisiko werden. Demonstranten, die Arbeiter nicht auf die Baustelle lassen, können Investitionspläne dramatisch durcheinanderbringen. Und es gibt einen starken friedlichen Protest gegen Kohle in der Türkei. 

Redaktion: Die Türkei privatisiert gerade ihren Energiesektor. Was heißt das für die Erneuerbaren?

Ibrahim Ciftci: Bislang kaum etwas. Das Portfolio von EUAS, dem größten und teilstaatlichen Energieversorger der Türkei besteht hauptsächlich aus Kohle- und Gaskraftwerken. Es gibt also nahezu keine Erneuerbaren Anlagen, die privatisiert werden könnten. Wenn wir über Erneuerbare Energien in der Türkei sprechen, dann sprechen wir über Zubau.

Redaktion: Der Kohleboom der vergangenen Jahre hat Deutschlands CO2-Ausstoß zuletzt wieder steigen lassen. Wie sieht das in der Türkei aus?

Ibrahim Ciftci: Ganz ähnlich. Nur dass wir beachten müssen, dass das Land noch immer in der Industrialisierung steckt. Die CO2-Emissionen im Energiesektor sind seit 1990 um 124 Prozent gestiegen, in der Industrie sogar um 236 Prozent. Dabei kommen noch immer mehr als zwei Drittel der Emissionen aus der Energieerzeugung. Als Schwellenland hat die Türkei im Kyoto-Protokoll keine Reduktionsziele festgelegt. Das Schlimmste scheint uns also noch bevorzustehen.

Redaktion: Welche Erwartungen knüpfst du an E.ons weitere Geschäfte in der Türkei?

Ibrahim Ciftci: E.on sollte seine Erfahrungen mit Erneuerbaren Energien in sein türkisches Engagement einbringen. Auch die drei Vertriebsgesellschaften, an denen E.on beteiligt ist, könnten von diesen Erfahrungen profitieren. Statt mehr und mehr Kraftwerke zu bauen, könnte die Branche von E.on lernen, wie man Spannungsverluste begrenzen kann. E.on hat alle Chancen, in der Türkei zu einem Pionier in Sachen Erneuerbare Energie zu werden. Es wäre schön, wenn sie diese Möglichkeit nutzen würden.

 

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