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US-Energiepolitik begünstigt Stromausfall

Der Stromausfall im Nordosten der USA und den östlichen Teilen Kanadas hat am Donnerstag das öffentliche Leben lahm gelegt. Der Verkehr in den Metropolen kam fast völlig zum Erliegen, tausende Menschen saßen in der U-Bahn und in Fahrstühlen fest. Rund 50 Millionen Menschen standen ohne Strom da. In verschiedenen Regionen wurde der Notstand ausgerufen.

Das betroffene Gebiet umfasst eine Fläche von rund 200 000 Quadratkilometern. Das entspricht etwas mehr als der Hälfte Deutschlands oder ist fast drei Mal so groß wie Bayern. Wir befragten dazu Stefan Schurig, den Leiter des Greenpeace-Energiebereichs.

Kannst du sagen, was in den USA passiert ist? Was war die Ursache des Stromausfalls?

Im Moment herrscht großes Chaos und keiner weiß genau, was die Ursache ist. Es gab einen Stromausfall in vielen, vielen großen Städten. Betroffen waren neben New York auch die US-Städte Cleveland, Toledo und Detroit. Detroit ist die Stadt in den USA, in der die meisten Autos gebaut werden, also die Industriemetropole im Nordosten Amerikas. Allerdings soll der Strom nun langsam wieder fließen.

Auch was passiert ist, kann bislang keiner genau sagen. Es wird spekuliert, dass ein Blitzeinschlag ein Verteilerzentrum lahm gelegt hat oder es ist die Rede vom Ausfall zweier Kraftwerke. Es scheint sich auf ein Kraftwerk bei den Niagarafällen zu konzentrieren. Noch ist die Ursache aber unklar.

Könnte ein solcher Stromausfall auch in Deutschland passieren?

Wir haben in Deutschland und Europa eine durchaus vergleichbare Struktur wie in Amerika. In beiden Teilen der Welt speisen zentrale Großkraftwerke in ein Stromnetz ein und so werden zehntausende von Menschen mit Strom versorgt. Allein eins solcher Kraftwerke kann bis zu einer Millionen Haushalte mit Strom versorgen.

Wir haben also wenige Großkraftwerke, die in ein Netz einspeisen und zehntausende von Menschen mit Strom versorgen. Theoretisch mit den gleichen Anfälligkeiten wie in den USA und wenn ein Kraftwerk ausfällt, müssen andere Kraftwerke übernehmen.

Es ist ja nicht der erste große Stromausfall in den USA. Gewaltige Stromausfälle im Nordosten Nordamerikas hat es bereits 1965 und 1977 gegeben. Was hat die USA so anfälig gemacht.

In den USA hat der zwischen den Energiekonzernen herrschende Wettbewerb zu einem völlig maroden Stromnetz geführt. Stromnetze zu unterhalten ist kostspielig. Und deshalb hat sich in den letzten Jahren niemand um die Instandsetzung dieser Netze gekümmert.

Darüber hinaus haben die US-Amerikaner einen ungelaublich hohen Stromverbrauch. Während ein Europäer pro Kopf pro Jahr 6.000 Kilowattstunden verbraucht, benötigt ein Amerikaner etwa doppelt so viel. Dabei verbrauchen wir Europäer schon viel. Bei dem hohen Strombedarf der US-Amerikaner läuft das System auf hochtouren. Und deshalb muss man sich auch nicht wundern, dass dieses System irgendwann einmal zusammenbricht oder in die Knie geht.

Die Amerikaner sollten in diesen Stunden mal darüber nachdenken, wieviel Energie sie denn noch verbrauchen wollen und wo diese Energie überhaupt noch herkommen soll. Es wird Zeit, dass die Amerikaner den umgekehrten Weg gehen und anfangen Energie einzusparen.

Bedeutet das, dass ein plötzlich erhöhter Energieverbrauch auch bei uns zu einem solchen Stromausfall führen könnte?

Theoretisch gesehen ja, praktisch gesehen ist die Situation in Deutschland aber eine andere, weil wir sehr hohe Reserven vorhalten. Man muss sich das so vorstellen: Bei erhöhtem Strombedarf können zusätzlich vorhandene Kraftwerke zugeschaltet werden. Das heißt, diese Überkapazitäten können sofort eingeschaltet werden, wenn tatsächlich mal ein laufendes Kraftwerk kollabiert.

Man kann sich das wie einen See vorstellen, in den verschieden Flüsse münden und diesen See mit Wasser füllen. Aus diesem See entnehmen die Menschen das Wasser. In Deutschland gibt es sehr viele Flüsse deren Schleusen jeder Zeit geöffnet werden können, die den See wieder auffüllen, wenn zu viel verbraucht wird.

In den USA funktioniert das so nicht. In Amerika werden nicht so hohe Überkapazitäten vorgehalten. Um auf das Beispiel zurück zu kommen, dass Wasser in dem See kann also durchaus knapp werden, weil die Zuspeisung des Wassers immer nur knapp über der Entnahme liegt.

Zudem konkurieren die Energiekonzerne in den USA stärker miteinander und versuchen daher möglichst billig zu produzieren. Das kann sich auf die Qualität der Netze auswirken oder die Überkapazität - also auf die Sicherheit von Stromlieferungen.

Wie können solche Stromausfälle verhindert werden?

Generell gilt, den Energieverbrauch drastisch zu drosseln und die Energiestrukturen zu dezentralisieren. Das heißt, viele kleine Kraftwerke dicht am Verbraucher statt Großkraftwerke bei deren Ausfall gleich zehntausende Menschen ohne Strom dastehen.

Ich bringe mal ein Extrembeispiel, um das zu verdeutlichen: Wenn du eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach und ein Windrad im Garten hast, kann so etwas nicht passieren. Funktioniert dein Kraftwerk mal nicht, kann schlimmstenfalls nur dein Strom ausfallen und nicht noch der deiner Nachbarn oder gar tausender von Menschen, Firmen und U-Bahnsystemen.

Stefan, vielen Dank für das Gespräch!

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