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Interview mit dem Energieexperten Andree Böhling

Solarförderung kürzen - mit welchen Folgen?

Um 30 Prozent könnte die Förderung für Strom aus Fotovoltaikanlagen in diesem Jahr gesenkt werden - ginge es nach dem Willen von Verbraucherschützern. Sie befürchten eine zunehmende Belastung der Stromkunden. Jetzt will auch die Regierung die Einspeisevergütung massiv kürzen. Über den Vorwurf übermäßiger Subventionen und mögliche Auswirkungen der Kürzungen auf den wachsenden Markt der Erneuerbaren sprachen wir mit Andree Böhling, Energieexperte bei Greenpeace.

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Online-Redaktion: Die Solarstromvergütung soll 2010 massiv abgesenkt werden. Wie steht Greenpeace zu den Vorschlägen?

Böhling: Gegen eine Absenkung der Vergütung haben wir grundsätzlich nichts. Angesichts der gefallenen Herstellungskosten bei Solaranlagen ist das im bestimmten Umfang möglich. Üblicherweise werden die Anpassungen der Fördersätze im Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) aber auf Basis unabhängiger externer Gutachten vorgenommen. Bei der aktuellen Diskussion glaubt man sich dagegen auf einem Basar - wer am lautesten schreit, bekommt den Zuschlag. Das hat mit einer sachgerechten Auseinandersetzung um die richtige Höhe der Fördertarife nichts mehr zu tun. Solche hysterischen und teilweise populistischen Debatten sind Gift für die Solarbranche, weil sie Hersteller und Investoren völlig verunsichern.

Online-Redaktion: Was könnte denn passieren, wenn die Förderung zu stark abgesenkt wird?

Böhling: Die Verbraucherzentralen haben eine Absenkung von 30 Prozent gefordert. Mit derart radikalen Einschnitten würde man den Zusammenbruch des deutschen Solarmarktes riskieren und die Technologie um Jahre zurückwerfen. Am Ende hätten auch die Verbraucher nichts davon, wenn die deutsche Solarindustrie am Boden liegt und wir am falschen Ende gespart haben. Immerhin wird die Solarenergie zukünftig dabei helfen, dass die Strompreise nicht explodieren. Wie der Eingriff in den Markt schiefgehen kann, sehen wir am Beispiel Spanien. Die 2009 eingeführte Deckelung beim Zubau von Fotovoltaikanlagen hat dort den gesamten Markt zusammenbrechen lassen.

Online-Redaktion: Der Bundesverband der Verbraucherzentralen sieht in den nächsten Jahren Milliardenkosten auf die Verbraucher zukommen, wenn jetzt nicht eingegriffen wird. Haben die Verbraucherschützer recht mit ihrer Befürchtung?

Böhling: Ich halte die Berechnungen des Verbandes zu den Kosten der Solarenergie für zu oberflächlich und schwer nachvollziehbar. Nicht berücksichtigt wird beispielsweise, was passiert, wenn in drei bis vier Jahren die sogenannte Netzparität erreicht ist. Ab dann werden Endverbraucher für den Solarstrom vom eigenen Dach weniger bezahlen müssen, als wenn er ihnen vom Energieversorger geliefert wird. Der Eigenverbrauch von Fotovoltaikstrom wird dann immer mehr zunehmen und die EEG-Kosten mindern. Aber auch die Strombörsenpreise kann niemand voraussagen.

Ich finde das Vorgehen der Verbraucherzentralen beim Thema Solarförderung zu populistisch. Es ist jetzt in Mode gekommen, auf die Solarförderung einzudreschen. Vergessen wird dabei, dass die anderen Energieträger wie Atomkraft und Kohle immer noch in ähnlicher Höhe massiv vom Staat unterstützt werden. Da gibt es direkte Zahlungen für die Steinkohle und indirekte Zahlungen, wie aktuell für den Atommüll im lecken Bergwerk Asse. Greenpeace hat letztes Jahr in einer Studie gezeigt, dass die umweltschädlichen Subventionen im Energiesektor immer noch etwa 35 Milliarden Euro im Jahr betragen. Davon spricht aber leider niemand, wenn es um die Entlastung der Verbraucher geht. Würden den anderen Energieträgern nicht derartig hohe Subventionen gezahlt, bräuchte man die Erneuerbaren Energien heute kaum noch fördern.

Online-Redaktion: Wie sind die Vorschläge zur Höhe der Solarförderung aus den Ministerien zu sehen?

Böhling: Eine Bewertung vorab ist schwierig, da es noch keine genauen Zahlen gibt. Bei den kolportierten Absenkungen von über 20 Prozent im Jahr 2010 ist die Schmerzgrenze für große Teile der Solarbranche sicher überschritten. Viele Hersteller würden das nicht überleben und in einigen Fotovoltaik-Segmenten, wie den Kleinanlagen, gäbe es einen deutlichen Einbruch. Ich würde mir wünschen, dass die Bundesregierung nicht leichtfertig mit überzogenen Einschnitten reagiert, sondern einen sorgfältigen Kompromiss erarbeitet, bei dem auch die Konsequenzen hinreichend analysiert werden.

Online-Redaktion: Warum sollen wir überhaupt eine so teure Technik fördern?

Böhling: Ziel der Solarförderung ist ja, mit Hilfe einer Anschubfinanzierung den Anreiz für eine Massenfertigung zu setzen. Nur so kann die Solartechnik wettbewerbsfähig werden. Das muss natürlich so schnell wie möglich erreicht werden, damit Solarenergie überall auf der Welt bezahlbar wird. Und die bisherige Förderung nach EEG hat ja gegenüber dem Jahr 2000 bereits zu einer Halbierung der Produktionskosten bei der Fotovoltaik geführt. Wir sind also auf einem guten Weg! Und als dauerhaft und kostenlos verfügbare und saubere Energieform kann die Sonne uns langfristig aus der Energiekrise befreien.

Online-Redaktion: Haben die Solarunternehmen in den letzten Jahren durch die Förderung nach EEG nicht zu viel verdient?

Böhling: Einige haben sicher sehr gut verdient, was temporär auch in Ordnung ist, wenn man eine dynamische Entwicklung anstoßen will. Es muss allerdings verhindert werden, dass es zu einer dauerhaften Überförderung kommt. Deshalb ist die regelmäßige Überprüfung und Anpassung der Fördersätze bei allen Technologien notwendig. Dass Senkungen jetzt machbar sind, sagen die Hersteller ja auch selbst. Augenfällig ist aber auch, dass die großen Stromkonzerne bisher noch gar nicht in der Solarbranche aktiv sind. So überzogen können die Renditen im Solargeschäft also auch nicht sein, wenn bei den Energieversorgern Kohle- und Atomkraftwerke immer noch Vorrang haben.

Online-Redaktion: In der aktuellen Diskussion wird immer von Milliardensummen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gesprochen. Was kostet denn die Förderung der Erneuerbaren Energien den einzelnen Verbraucher?

Böhling: Nach den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2008 hatten wir für alle Erneuerbaren Energien in Deutschland eine Fördersumme von 4,3 Milliarden Euro. Pro Kilowattstunde sind das 1,1 Cent und damit für einen durchschnittlichen Haushalt rund 3 Euro pro Monat. Uns muss bewusst sein, dass wir Klimaschutz nicht umsonst haben können. Aktuelle Umfragen zeigen aber auch, dass die Verbraucher bereit sind, Mehrkosten für den Ausbau Erneuerbarer Energien zu tragen.

Und wir dürfen nicht vergessen, dass diesen Kosten Einsparungen durch verhinderte und verminderte Umwelt- und Gesundheitsschäden in Höhe von etwa 5 Milliarden Euro jährlich gegenüberstehen. Erneuerbare Energien sind somit eine lohnenswerte Zukunftsinvestition!

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt die Solarenergie in den Energiekonzepten von Greenpeace?

Böhling: Eine immer größere. Während der Anteil von Solarstrom in Deutschland heute bei der Stromversorgung erst etwa ein Prozent ausmacht, kann er innerhalb der nächsten 30 Jahre auf über 10 Prozent ansteigen. Im Mix mit den anderen Erneuerbaren Energien kann dann der gesamte Strombedarf Deutschlands umweltfreundlich gedeckt werden. Weltweit kann die Solarenergie in 30 Jahren sogar schon über 30 Prozent der Versorgung ausmachen.

Publikationen

Klimaschutz: Plan B 2050 (Kurzfassung)

Ein Energiekonzept für Deutschland. In nächster Zeit werden Weichen gestellt, die darüber bestimmen, ob Deutschland die von der Wissenschaft geforderten Emissionssenkungen bis Mitte des Jahrhunderts erreichen kann - oder ob wir beim Klimaschutz scheitern.

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