Auto und Klimawandel

Mit Vollgas ins Klimachaos

Der Klimawandel steht mittlerweile weit oben auf der Agenda der Weltpolitik, in internationalen Gremien wird beraten, wie er gebremst werden kann. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Nein, denn wer nicht am Klimaschutz verdient, blockiert wo er nur kann.
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Die deutsche Autoindustrie ist ein Paradebeispiel für versäumten Klimaschutz. Über Jahrzehnte wurden technische Neuerungen verschleppt und jedes Umdenken verhindert. Die Motoren wurden zwar effizienter, die Autos aber auch immer dicker. Die Folge: Spritverbrauch und Kohlendioxidausstoß sinken nur im Schneckentempo.

Hauptverantwortlich für die Klimaerwärmung ist das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2), das bei der Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle oder Benzin entsteht. 20 Prozent des CO2-Ausstoßes in Europa gehen auf den Verkehr zurück, für 12 Prozent ist allein der PKW-Verkehr verantwortlich. Und die Aussichten sind düster: Fahren heute geschätzte 600 Millionen Autos weltweit, könnten es im Jahr 2030 schon drei Milliarden sein. Auch in Deutschland wächst die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge kontinuierlich. 2009 waren es 46 Millionen, im Jahr 2020 rechnen Fachleute mit 55 Millionen.

Die Deutschen sind zu dick

Die europäische Autoindustrie verpflichtete sich 1998, den Verbrauch aller in Europa neu zugelassenen PKW bis 2008 durchschnittlich auf 5,7 Liter zu senken. Passiert ist kaum etwas: 2007 verbrauchten die in Deutschland neu zugelassenen Autos im Schnitt 7,2 Liter. Der Grund: Die deutschen Autos sind zu dick und extrem übermotorisiert. Von Modellreihe zu Modellreihe brachte die deutsche Autoindustrie schwerere und schnellere Fahrzeuge auf den Markt. Über die letzten Jahrzehnte kam es zu einer regelrechten Aufrüstung auf deutschen Straßen. Das steigende Spitzentempo bedingte immer größere und schwerere Motoren. Der erste Golf wog 1974 circa 750 Kilo, heute bringt er fast anderthalb Tonnen auf die Waage – beinahe doppelt so viel wie vor 30 Jahren.

Wenn Motorleistung zum Prestigefaktor wird

Das sogenannte Premiumsegment ist besonders problematisch: Edelkarossen und große Geländewagen für die Stadt - massiv, PS-stark, spritfressend. Sie wurden in den letzten Jahrzehnten aufgerüstet wie kein anderes Segment der Autoindustrie. Verbraucht ein normales Auto im Schnitt 7 Liter auf hundert Kilometern, liegt der Normverbrauch der Premiumwagen im Schnitt bei über 13 Litern, auf Autobahnen schnell bei über 20 Litern pro 100 Kilometern. Diese Autos sind der deutsche Exportschlager. 2007 wurden 75 Prozent der in Deutschland produzierten Autos ins Ausland verkauft, so der Verband der deutschen Automobilindustrie. An diesen Wagen orientiert sich der Rest der Welt. Deswegen hat die deutsche Autoindustrie eine Vorreiterfunktion – eine Verantwortung, der sie bis heute nicht nachkommt.

Klimazerstörung auf Kosten des Steuerzahlers

In Deutschland sind 62 Prozent aller zugelassenen PKW Firmenwagen. Und Firmen bestellen schwere Fahrzeuge mit hohem Spritverbrauch, denn ihr Image ist ihnen wichtiger als der Klimaschutz. Für die Besitzer sind Anschaffungs- und Spritkosten von der Steuer absetzbar. Durch dieses Steuerrecht wird der Autoindustrie der Binnenabsatz ihrer teuren Premiumfahrzeuge weiter gesichert. Ein Anreiz für spritsparendere Autos fehlt, denn der Steuerzahler finanziert diese unnötige Form der Klimazerstörung mit.

Moderne Autos sind klein, leicht und sparsam

Die deutschen Autohersteller halten stur an ihrer alten Modellpolitik fest, obwohl sie längst Pläne für benzinsparende Autos in den Schubladen haben. Lösungen zur Einsparung der klimaschädlichen CO2-Emissionen sind seit Jahren entwickelt und erprobt. So baute Greenpeace schon vor 15 Jahren einen Renault Twingo nach dem SmILE-Prinzip (Small, Intelligent, Light and Efficient) um. Mit diesem Prinzip, konsequent auf alle Automodelle angewendet, könnten bis zur Hälfte des Kohlendioxidausstoßes und des Spritverbrauchs im PKW-Verkehr eingespart werden. Die Autohersteller sind aufgefordert, diese Autos mit modernster Technik endlich auf den Markt zu bringen, um das Klima zu schützen.

Schnelle Hilfe fürs Klima: Tempolimit

Der Kohlendioxidausstoß steigt bei höheren Geschwindigkeiten überproportional. Deshalb ist ein Tempolimit der schnellste und billigste Weg, die Emissionen zu senken. Würde deutschlandweit eine Höchstgeschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde eingeführt, könnten sofort jährlich 3,3 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart werden – und das zum Nulltarif.

Ungefähr 12.500 Kilometer Autobahn gibt es in Deutschland, davon über die Hälfte ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Das gibt es in keinem anderen Industrieland. Ein Tempolimit wäre ein wichtiges Signal an die deutsche Autoindustrie, leichtere Fahrzeuge zu bauen, die weniger verbrauchen und CO2-arm sind. Denn wäre das Rasen verboten, bräuchten Mercedes, BMW und Co. keine überdimensionierten Motoren zu bauen, ihre Autos würden spritärmer und leichter. Dadurch könnte der weltweite CO2-Ausstoß – nach Schätzung verschiedener Institute – beim PKW-Verkehr mittelfristig um bis zu 30 Prozent gesenkt werden. Nebenbei würde auch die Verkehrssicherheit erhöht - und das Bundesverkehrsministerium, das offiziell gegen eine Tempobeschränkung ist, könnte sich die Werbeplakate an Autobahnen sparen, die die Raser höflich um eine Mäßigung ihres Tempos bitten.

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