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"Die Leute haben sich nicht von RWE einlullen lassen"

Ende November ist der Bau eines neuen Kohlekraftwerks im saarländischen Ensdorf durch eine Bürgerbefragung verhindert worden. 70 Prozent haben sich gegen den Bau ausgesprochen. Dieser Erfolg ist zu einem großen Teil der Arbeit von Kirstin Bettscheider und ihren Mitstreitern der Greenpeace-Gruppe Saar zu verdanken. Gemeinsam mit anderen Verbänden haben sie seit Ende 2006 gegen das geplante Kraftwerk mobil gemacht. Markus Semrau hat mit Kirstin gesprochen.

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Markus Semrau: Stell dich und deine Gruppe doch ersteinmal vor.

Kirstin Bettschneider: Wir - die Greenpeace-Gruppe Saar - sind zur Zeit 17 aktive Ehrenamtliche. Wir unterstützen die Kampagnen von Greenpeace-Deutschland und arbeiten vor allem zu den Themen Klima, Energie und Gentechnik. Wir machen Infostände, Vorträge, Recherchen, lokale Pressearbeit und beteiligen uns an direkten Aktionen, wie sie viele Leute aus dem Fernsehen kennen. Ende 2006 stellte sich heraus, dass RWE hier im Saarland in Ensdorf ein großes Steinkohlekrafterk mit 1600 Megawatt und über neun Millionen Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr plante. Uns war schnell klar, etwas dagegen unternehmen zu müssen.

Markus Semrau: Was habt Ihr gemacht um das geplante Kohlekraftwerk zu verhindern?

Kirstin Bettschneider: Wir haben gemeinsam mit anderen Umweltorganisationen und Bürgerinitiativen (BI) das Aktionsbündnis der Umweltverbände gegründet.

Außerdem hat die Greenpeace-Gruppe eine Protestpostkarte entworfen. So haben wir den saarländischen Bürgern die Möglichkeit gegeben beim Ministerpräsidenten des Saarlandes, Peter Müller, gegen das Kraftwerk Stellung zu beziehen. Zudem waren wir bei verschiedenen Informationsveranstaltungen aktiv und haben zahlreiche Infostände gemacht. Dabei haben wir Passanten informiert, Protestpostkarten verteilt und die bereits existierende Unterschriftenliste der BI weitergeführt.

Im Rahmen einer Greenpeace-Projektionstour wurden wir dann auch direkt an dem alten Kraftwerk in Ensdorf aktiv. Hier neben sollte das neue Großkraftwerk gebaut werden. Der Werksschutz versuchte zwar uns an der Projektion zu hindern, trotzdem haben wir volle zwei Stunden projiziert. Ich denke, so haben wir viele Menschen in Ensdorf und im Rest des Saarlandes erreicht.

Markus Semrau: Die Leute waren sehr gut informiert, die Abstimmung ein voller Erfolg. Habt ihr während eurer Arbeit mit einem solchen beeindruckenden Ergebnis gerechnet?

Kirstin Bettschneider: Wir waren uns nicht sicher, ob die vom Gemeinderat als Bedingung gesetzten zwei Drittel der Bürger zur Abstimmung gehen würden. Als das Ergebnis da war - 70 Prozent Beteiligung, 70 Prozent davon gegen das Kraftwerk - war das ein Grund zum Feiern. Die Ensdorfer haben Klugheit und Weitsicht bewiesen und ich möchte mich im Namen der Greenpeace-Gruppe Saar bei allen, die zur Abstimmung gegangen sind, bedanken.

Markus Semrau: Eure Greenpeace-Gruppe hat ihren Sitz in Saarbrücken - Ensdorf, der geplante Standort des Kraftwerks, ist aber rund 25 Kilometer von Saarbrücken entfernt. Wie habt Ihr Eure Arbeit strategisch aufgebaut?

Kirstin Bettschneider: Es war natürlich eine Menge Fahrerei. Wir wollten die sehr engagierte BI vor Ort unterstützen, aber auch im Rest des Saarlandes informieren. Dort wussten einige noch gar nichts von den Kraftwerksplänen. Es war sinnvoll, nicht nur in Ensdorf oder nur allgemein im Saarland zu informieren.

Viele informierte Bürger bezogen Stellung, dadurch wurde enormer politischer Druck aufgebaut. Der hat letztlich dazu geführt, dass der Gemeinderat in Ensdorf - der zunächst mehrheitlich für das Kraftwerk war - sich schließlich bereit erklärte, die eigene Entscheidung für oder gegen die notwendige Änderung des Flächennutzungsplans nach der Bürgerbefragung auszurichten.

Markus Semrau: Hast Du wirklich daran geglaubt, dass Ihr den Bau dieses Kraftwerks verhindern könnt?

Kirstin Bettschneider: Ja. Ich habe immer gesagt, es steht 50 : 50. Die Mehrheit der saarländischen Bürger (52 Prozent) war laut einer Infratest dimap-Umfrage gegen das Kraftwerk. Auch wenn RWE viel mehr Geld hat als die Umweltorganisationen zusammen und viel Werbung machte - die Leute haben sich nicht einlullen lassen. Irgendwie dachte ich immer - ja, das schaffen wir.

Markus Semrau: Was hat Dich motiviert, Dich so unermüdlich gegen dieses Bauvorhaben einzusetzen?

Kirstin Bettschneider: Wir stehen am Anfang eines rasanten, menschengemachten Klimawandels. Je schneller und stärker die globale Durchschnittstemperatur steigt, desto schwieriger wird es, sich an die Folgen des Klimawandels wie Dürren, Überschwemmungen, steigende Meeresspiegel und häufigere Stürme anzupassen. Wir müssen den Klimawandel begrenzen. Man kann nicht sagen: wir nicht und hier nicht, das sollen die anderen woanders tun. So kommen wir nicht weiter.

Mit Kraftwerken wie dem, das in Ensdorf geplant war, sind die Klimaschutzziele in Deutschland nicht zu erreichen, das gefährdet den gesamten Klimaschutz - dieses Wissen hat mich motiviert. Immer wieder. Es geht um uns, unsere nahe Zukunft und darum, welche Situation wir für kommende Generationen schaffen.

Die Energiekonzerne verkaufen für ihren Profit unsere Zukunft und wenn die Regierung sie nicht daran hindert, müssen eben die Bürger aktiv werden. Genau das ist ja in Ensdorf passiert - die Ensdorfer haben RWE die rote Karte für ihr Vorhaben gezeigt. Sie haben die Politik gemacht, die wir brauchen.

Markus Semrau: Kannst Du aus der nun gewonnen Kampagne ein Erfolgsrezept für politische Umweltschutzarbeit vor Ort ableiten? Schließlich gilt es noch 24 neue Kohlekraftwerke oder Kraftwerkserweiterungen in Deutschland zu verhindern!

Kirstin Bettschneider: Das Patentrezept habe ich nicht. Es gibt ein paar Sachen, die mir wichtig erscheinen. Man muss wissen, dass man es schaffen kann. Auch wenn das Ziel noch nicht zu sehen ist: Weitermachen, abwarten, Menschen informieren, Politikern Druck machen. Es wird sich ein Hebel finden.

Die Bürger wollen sich nicht mehr alles gefallen lassen. So werden zum Beispiel durch diese hochtechnisierten, zentralen Großkraftwerke Arbeitsplätze wegrationalisiert. Das sollten die Leute wissen. Viele Leute mit denen ich auf der Straße sprach, staunten regelrecht über die Fakten. Manche glaubten wir bräuchten das Kraftwerk für unsere Energieversorgung im Saarland. Dabei wird im Saarland laut saarländischem Wirtschaftsministerium aktuell bereits doppelt soviel Strom erzeugt wie wir verbrauchen.

Markus Semrau: Danke Kirstin!

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