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Atomstrom ade!

Sie wollen keinen Strom aus einem gefährlichen Atomkraftwerk haben? Und auf Strom aus Kohle möchten Sie aufgrund des schädlichen Einflusses auf das Klima verzichten. Super! Umweltfreundliche Alternativen gibt es schon lange. Wechseln Sie zu einem Ökostromanbieter. Das ist kinderleicht und geht auch telefonisch oder online. Warum es ein wichtiges politisches Zeichen setzt, haben wir mit unserem Energie-Experten Jörg Feddern diskutiert.

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Greenpeace Online: Warum sollte man zu einem Ökostromanbieter wechseln? Auch die großen traditionellen Stromanbieter haben mittlerweile Ökostromprodukte im Angebot.

Jörg Feddern: Wenn ich das Angebot von RWE, E.ON oder Vattenfall annehme, zahle ich zwar für umweltfreundlichen Strom, aber das Geld fließt einem Atomstrom- und Kohlestromanbieter zu. Ich bezahle meine Stromrechnung und die betreiben ihre Schrottreaktoren weiter. Sie sind nicht gewillt, ihre Politik zu ändern. Und sie werden sich nicht verpflichten, aus der Atomenergie auszusteigen und in Zukunft klimafreundlich Strom zu produzieren.

Greenpeace Online: Der Wechsel zu einem Ökostromanbieter ist also auch ein politisches Signal?

Jörg Feddern: Das ist das Wesentliche an der Sache. Die politische Willenserklärung - nur so funktioniert der Atomausstieg! Und der Einstieg in eine klimafreundliche Stromversorgung. Nur dadurch kann man eine neue Energieversorgungsstruktur schaffen.

Greenpeace Online: War das ein Grund für die Schaffung des Ökostromanbieters Greenpeace energy?

Jörg Feddern: Als 1998 der Strommarkt in Deutschland liberalisiert wurde, haben wir uns gefragt: Wie kann man den Atomausstieg möglich machen? Unsere Antwort darauf: Indem man eine Stromversorger gründet, der garantiert keinen Atomstrom oder Kohlestrom anbietet. Wir ermöglichen es den umweltbewussten Menschen aus der Atomenergie auszusteigen und klimafreundlichen Strom beziehen zu können.

Wir haben daraufhin mit Ingenieuren ein Konzept entwickelt. Der neue Versorger musste rund um die Uhr zuverlässig Strom liefern, wie einer der großen Energiekonzerne. Dennoch musste der Ökostrom bezahlbar bleiben. Und natürlich durfte es garantiert keine Verbindungen zu den Atomstrom- oder Kohlestromanbietern geben. Als dritter Punkt war für uns entscheidend, dass die Kunden aus effizienten Neuanlagen versorgt werden. Jeder Neukunde muss spätestens nach fünf Jahren seinen Ökostrom aus einer neuen Anlage beziehen. Für den neuen Ökostromanbieter hieß das, Geld in Neuanlagen zu investieren oder selbst neue Anlagen zu bauen.

Greenpeace Online: Nachdem das Konzept fertig ausgearbeitet war, was geschah dann?

Jörg Feddern: Wir haben versucht in Deutschland jemanden zu finden, der das Konzept umsetzt. Wir haben es vielen Anbietern vorgestellt. Überwiegend Stadtwerken und neuen Anbietern auf dem Markt. Die mussten aber vollkommen unabhängig sein und in der Lage, das auch wirklich umzusetzen.

Zu der Zeit lief unsere Kampagne Aktion Stromwechsel. Wir haben im Laufe dieser Kampagne 60.000 Mitmacher gefunden, die gesagt haben, ja, wir würden zu einem Ökostromanbieter wechseln, sobald es den gibt. Und sind auch bereit, dafür mehr zu bezahlen. Diese 60.000 Mitmachern sind natürlich schon ein Pfund. Wenn man durch die Republik reist und sagt, hier haben wir Tausende potenzielle Kunden, die würden wir euch geben, aber nur, wenn ihr dieses Konzept eins zu eins umsetzt.

Fakt ist, wir haben zunächst keinen gefunden. Entweder waren sie mit Atomstromkonzernen verbandelt oder sie waren technisch einfach nicht in der Lage, diese 60.000 Kunden zu bedienen. Bis auf einen: die Stadtwerke Schwäbisch Hall. Die waren unabhängig und die hatten das Knowhow und vor allem auch den Willen, diese Idee für uns umzusetzen.

Greenpeace Online: Aber trotzdem gibt es jetzt nicht den großen Ökostromanbieter Schwäbisch Hall, sondern Greenpeace energy?

Jörg Feddern: Die haben von Anfang an gesagt, wir machen nur das sogenannte Lastmanagement und die Kundenabrechnungen. Sie konnten technisch sicherstellen, dass der Strombedarf der Kunden an 24 Stunden am Tag auch immer einem ausreichenden Angebot gegenübersteht. Das beherrschten sie.

Wir haben uns dann überlegt, für das Akquirieren von Ökostromproduzenten und den Neubau von Anlagen müssen wir eben eine eigene Firma gründen, am besten in Form einer Genossenschaft. Eine Genossenschaft gehört zugleich den Kunden. Und wir haben sie rechtlich so abgesichert, dass sie nicht übernommen werden kann, beispielsweise von RWE oder E.ON. Und seit 1999 gibt es deshalb Greenpeace energy eG. Heute einer der vier größten Ökostromanbieter in Deutschland. Einzigartig an ihm ist die Form der Genossenschaft und die Verpflichtung Neuanlagen zu bauen, um so den Atomausstieg voranzutreiben.

Greenpeace Online: Viele Verbraucher scheuen den Schritt zum umweltfreundlicheren Ökostromanbieter, weil sie glauben, der ist viel teurer ...

Jörg Feddern: Durch die permanenten Strompreiserhöhungen in den letzten Monaten ist es tatsächlich so, dass die Leute jetzt anfangen, zu wechseln. Man merkt, es ist eine Bewegung entstanden. In manchen Regionen ist der Ökostrom inzwischen schon mindestens gleichpreisig.

Bei Podiumsdiskussionen und bei Vorträgen rede ich viel mit den Leuten im Publikum. Und ich stelle die Frage, wissen Sie eigentlich, wie hoch Ihre Stromrechnung genau ist? Und die meisten wissen's nicht. Die sagen einfach, das ist viel zu teuer. Das ist ein Vorurteil und mit diesem Vorurteil versucht man sich zu beruhigen.

Greenpeace Online: Kannst du etwas zur zukünftigen Preisentwicklung sagen?

Jörg Feddern: Der Strompreis bei Greenpeace energy setzt sich hauptsächlich aus den Erzeugungskosten und den Durchleitgebühren an die Stromnetzbesitzer zusammen. Der Strom muss ja von den Erzeugungsanlgen zu dem Kunden kommen. Und da ist der einzige Punkt, wo die ehemaligen Monopolisten, noch ihre Macht ausspielen können, in dem sie den Preis dafür diktieren.

Greenpeace energy muss den Preis zahlen. Doch seit 2004, mit der Novellierung des Energiewirtschaftsgesetzes, gibt es eine Regulierungsbehörde, die dieser Ungleichbehandlung Einhalt gebieten soll. Sie überprüfen, ob sie fair, diskriminierungsfrei und für alle gleich sind. Sie sind noch dabei und es bewegt sich nun was. Und je mehr sich bewegt, desto wahrscheinlicher ist es, das der Strompreis bei Greenpeace energy runtergeht.

Außerdem sieht das Stromeinspeisungsgesetz für Erneuerbare Energien vor, dass die Vergütung von Ökostrom oder Strom aus Erneuerbaren Energien über die Jahre sinken muss. D.h., du kannst jetzt schon berechnen, wie teuer der Strom 2015 aus Erneuerbaren Energien wird. Das ist nicht möglich für Gas, für Kohle oder für Atomenergie, weil die vom jeweiligen Beschaffungspreis abhängig sind. Und weil alle Energieträger, Erdgas, Kohle aber auch Uran, knapp sind, kann man davon ausgehen, dass der Preis hochgeht. Bei den Erneuerbaren Energien ist die Tendenz eher nach unten.

Greenpeace Online: Trotzdem erscheint der Preis für Ökostrom zunächst einmal höher zu liegen. Gibt es Möglichkeiten da auszugleichen?

Jörg Feddern: Wenn man den Strom ein bisschen effizienter einsetzt, dann sind die Mehrkosten schnell wieder ausgeglichen. Also Verzicht auf Standby-Schaltung, Energiesparlampen einsetzen, beim Kauf von neuen Geräten konsequent auf möglichst effiziente Stromspargeräte achten und so weiter. Da gibt es eine Menge Möglichkeiten! Denn man kann wirklich effizient mit seinem Strom umgehen. Und dann sind die Stromkosten genau die gleichen wie zuvor. Aber mit dem guten Gewissen, jetzt wird für mich nur noch Ökostrom produziert.

Greenpeace Online: Bleibt die letzte scheinbare Hürde: Ein Wechsel könnte so kompliziert sein ...

Jörg Feddern: Der Wechsel ist ganz einfach. Einfach beim Ökostromanbieter beispielsweise Greenpeace energy anrufen. Dann gibt es da eine Nummer vom Stromzähler, die gibt man an und den Rest erledigt der Ökostromanbieter. Das geht sogar übers Internet genauso einfach.

Greenpeace Online: Jörg, vielen Dank für das Gespräch!

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