Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Versorgungssicherheit ohne Atomstrom

Die jüngsten Vorgänge um die Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel haben die Frage nach der Versorgungssicherheit wieder aufkommen lassen. In Deutschland sind derzeit fünf AKW wegen Reparaturarbeiten vom Netz. Trotzdem fließt der Strom. Brauchen wir also Atomkraftwerke, um unsere Stromversorgung zu sichern? Ein Gespräch mit unserem Atomexperten Heinz Smital.

  • /

Online-Redaktion: In Deutschland sind derzeit 5 von 17 AKW vom Netz, eigentlich sogar 6 - mit Isar 2, das kürzlich wegen der jährlichen Revision heruntergefahren wurde. Der Strom fließt trotzdem. Wie viel Reserven halten die Stromkonzerne bereit?

Heinz Smital: Ein Beispiel: Deutschland hatte nach Angaben des Verbands der Netzbetreiber im Winter 2005/2006 zum Zeitpunkt der höchsten Auslastung, also des größten Stromverbrauchs, immer noch 6000 Megawatt in Reserve. Das entspricht der Leistung von fünf Atomkraftwerken.

Zu dem genannten Zeitpunkt, dem 15.12.2005 um 17.45 Uhr, wurden 76.700 Megawatt abgefordert. Die gesamte Kraftwerkskapazität in Deutschland beträgt etwa 122.000 Megawatt - vorausgesetzt es sind alle Kraftwerke am Netz, was in der Praxis natürlich nie der Fall ist.

Online-Redaktion: Das heißt, es könnten AKW wie Brunsbüttel und Krümmel endgültig vom Netz genommen werden, ohne dass die Stromversorgung zusammenbricht?

Heinz Smital: Könnten nicht nur - müssten! Tatsache ist doch: Das Versorgungsproblem wird künstlich aufgebauscht, damit es so aussieht, als bräuchten wir die Atomkraft. Würden wir uns wirklich auf die Atomtechnologie stützen, wäre das das eigentliche Versorgungsrisiko.

Das haben wir 2006 in Schweden gesehen. Nach dem schweren Störfall im Vattenfall-AKW Forsmark sind dort aus Sicherheitsgründen vier AKW vom Netz genommen worden. Da können aufgrund der Sicherheitsproblematik richtig große Lücken in der Versorgung entstehen. Davon müssen wir weg.

Brunsbüttel ist übrigens ein Paradebeispiel: Es hält den deutschen Rekord, was ungeplante Stillstandszeiten betrifft. Wenn man alle längeren, über ein Jahr dauernden Stillstände zusammenrechnet, kommt man ab der Inbetriebnahme 1976 bis 2005 auf ungefähr sechseinhalb Jahre. Kürzere Stillstandszeiten sind da wohlgemerkt noch gar nicht mitgerechnet. Wo bleibt da die Versorgungssicherheit?

Versorgungssicherheit hat ja außerdem mehrere Aspekte. Was ist eine Stromversorgung wert, die eine hochgradige existenzielle Gefährdung beinhaltet? Was ist eine Stromversorgung wert, die auf unsicheren Importen und begrenzten Ressourcen aufbaut? Anders herum gefragt: Wie gewährleisten wir eine klimafreundliche Stromversorgung gepaart sowohl mit Sicherheit für Gesundheit und Leben als auch mit Zukunftssicherung für kommende Generationen? Da scheidet die Atomkraft sofort aus. Sie stellt eine existenzielle Gefährdung dar, läuft alles andere als reibungslos und macht abhängig von immer teurer werdenden Uranimporten.

Online-Redaktion: Andererseits heißt es oft, Erneuerbare Energien könnten die Atomkraft nicht ersetzen, weil sie die Grundlast, also die Grundbedarfsdeckung, nicht gewährleisten können. Wind weht nun mal nicht immer. Was dann?

Heinz Smital: Ja, aber das ist doch das Gleiche wie bei den AKW. Auch jedes AKW braucht ein normales Kraftwerk in der Rückhand, damit man, wenn es ausfällt, den Strom ersetzen kann. So ist das auch bei den Windrädern, wenn sie stehen. Deshalb sind wir ja auch für einen Mix aus unterschiedlichen, aber umwelt- und klimafreundlichen Energiequellen.

Richtig ist, dass AKW sogenannte Grundlastkraftwerke sind. Sie sind schwerfällig, sind nicht kurzfristig regelbar. Sie brauchen den permanenten gleichmäßigen Dauerbetrieb. Dafür werden sie eingesetzt. Dafür ist sogar die nächtliche Stromnachfrage künstlich angeheizt worden, siehe Förderung der Nachtspeicherheizungen.

Mit dem Wind ist es so: Wenn man hier größere Netze betrachtet, dann ist selten wirklich Windstille. Wenn ein Rad sich mal nicht dreht, dann weht der Wind woanders. Die Windprognosen sind schon so gut, dass man sie auf einen Tag vorausberechnen kann. Mit einer Genauigkeit von plus minus 15 Prozent. Wind leistet durchaus einen Grundlastbeitrag, den man einplanen kann.

Online-Redaktion: Trotzdem sagen die Stromkonzerne, Windkraft bringe Probleme mit sich.

Heinz Smital: Es ist auch schwierig. Das Netz müsste in die Richtung ausgebaut werden, dass auch die Verbraucher in Privathaushalten und Wirtschaft wissen, wann mehr Strom zur Verfügung steht und wann weniger. Technisch ist das kein Problem mehr, alles in allem ist es trotzdem eine große Herausforderung, vor allem auch an das Netz. Aber diese Probleme sind leichter lösbar als die Probleme, die bei der Atomtechnologie auftreten. Man muss nur wollen.

Online-Redaktion: Bis wir so weit sind: Was kann kurzfristig getan werden, um eine Stromversorgung ohne Atomkraft zu verwirklichen? Von der Kohle müssen wir auch weg. Und Stromimporte sind doch eher zwiespältig, denken wir nur an Atomstrom aus Frankreich.

Heinz Smital: Nein, in Deutschland aus der Atomkraft auszusteigen und dafür Atomstrom aus anderen Ländern zu importieren, kann natürlich nicht das Ziel sein. Stattdessen muss zum Beispiel Strom eingespart werden.

Allein wenn man den Standby-Verbrauch eliminieren würde, was technisch kein Problem ist, hätte man laut Bundesumweltministerium zwei Kraftwerke eingespart. Nur durch Verzicht auf Standby-Betrieb! Dann kommen aber noch andere Geräte dazu, die Industrie muss zum Beispiel Pumpen und Drucklufterzeugung optimieren. Mehr Effizienz ist auch auch in der Stromerzeugung anzustreben, durch neuere Generatoren und einen höheren Wirkungsgrad.

Greenpeace hat 2007 mit der Studie Klimaschutz: Plan B. Nationales Energiekonzept bis 2020 gezeigt, dass es möglich ist, aus der Atomkraft auszusteigen und die Klimaschutzziele zu erreichen. Der Atomausstieg ist dafür sogar eine Chance. Die zu ersetzenden Kapazitäten können für den Ausbau der Erneuerbaren Energien genutzt werden.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch, Heinz.

Publikationen

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

Mehr zum Thema

Es ist zwei vor Zwölf

Die UN wollen Atomwaffen verbieten, der Vertrag wird gerade ratifiziert. Nur: die Atommächte machen nicht mit. Ein Interview mit Greenpeace-Experte Heinz Smital und Alexander Lurz.

Sicherheit ist gutes Recht

Frankreichs AKW haben ernste Sicherheitsmängel; darauf machten Greenpeace-Aktivisten mit friedlichem Protest aufmerksam. Ein AKW-Betreiber zog vor Gericht – mit mäßigem Erfolg.

Schlechter Gewinner

Frankreichs Präsident Macron wird für seine Vision Europas mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Doch sein Beharren auf Atomkraft verdient keine Würdigung, sagen Greenpeace-Aktivisten.