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Update Irak: Uran vom Acker geholt

Ein US-Militärarzt hat im Gespräch mit Greenpeace-Aktivisten deren dringende Forderung nach einer Entseuchung der Region um die Atomanlage von Tuwaitha bekräftigt. Die Aktivisten hatten einen großen gestohlenen Behälter mit radioaktivem Urangemisch von einem Acker aufgelesen und der US-Bewachungseinheit von Tuwaitha übergeben. Offen herumliegendes radioaktives Material bedroht massiv die Gesundheit der Menschen in der Region. Die USA haben das Problem bisher heruntergespielt.

Meldung von 12 Uhr: Menschen im Irak von Strahlung bedroht

Mit weißer Flagge und Greenpeace-Bannern hat ein Greenpeace-Konvoi am Dienstagmorgen in der Umgebung gefundenes radioaktives Material zum irakischen Atomkomplex bei Tuwaitha zurückgebracht. Die geplünderte Anlage wird inzwischen von US-Einheiten bewacht. Die Aktivisten forderten die Besatzungsmächte auf dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung nicht länger durch die radioaktive Verseuchung gefährdet wird. Die US-Armee hat die katastrophale Situation bestätigt.

Bereits unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen im April waren die ersten Berichte über Plünderungen in Tuwaitha durch die Medien gegangen. Einwohner aus den umliegenden Dörfern hatten Fässer und andere Behälter entwendet, um darin Lebensmittel aufzubewahren, Trinkwasser, Milch und Joghurt.

Alarmiert durch die Berichte hat sich vor rund acht Tagen ein kleines internationales Team von Greenpeace-Spezialisten in den Irak begeben und in der Umgebung von Tuwaitha recherchiert. Was sie vorfanden, ist noch weitaus erschreckender als zu erwarten war.

Nichts ahnend entwendeten die Menschen radioaktives Pulver aus der Nuklearanlage im Glauben, es sei Seife, erzählt Greenpeace-Sprecher Wolfgang Sadik. Würde so ein nukleares Desaster in einem westlichen Land passieren, wären schon Schwärme von Experten und Entsorgungsteams am Werk und die Menschen erhielten medizinische Hilfe.

Die Menschen wussten nichts von der Gefahr. Warnhinweise für die Bevölkerung gab es kaum und wenn dann nur auf Englisch. So schütteten sie den radioaktiven Inhalt der Behältnisse einfach auf den Boden oder ins örtliche Wasserversorgungsnetz und verseuchten auf diese Weise ihre Umgebung. Zehntausende von Menschen sind jetzt durch die Strahlung bedroht.

Greenpeace hat in der Region Werte gemessen, die um das Tausendfache über dem Normalwert liegen. In einem bewohnten Haus nahe der Anlage wiesen die Geigerzähler zehntausendfach erhöhte Werte auf. Auf dem Gelände einer Grundschule dreitausendfach erhöhte. Die Ärzte der Region sind besorgt. Etliche Fälle von Blutungen und Erbrechen weisen bereits auf die Strahlenkrankheit hin.

Oberstleutnant Mark Melanson, Militärarzt und Leiter einer Strahlungs-Spezialeinheit der US-Armee, bestätigte im Gespräch mit den Greenpeace-Experten die katastrophalen Werte. Er sprach sich für eine möglichst schnelle Untersuchung durch Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) aus: Je schneller desto besser.

Die IAEO warnt schon seit April vor den Gefahren der Verseuchung für die Menschen. Doch die USA haben die Rückkehr der IAEO-Experten in den Irak wochenlang blockiert. Erst Ende Mai ließen sie die Fachleute wieder einreisen - mit stark beschränktem Mandat. Die IAEO darf auflisten, was heute noch im Atomkomplex von Tuwaitha lagert. Eine Bewertung der Folgen für Menschen und Umwelt ist ihr untersagt.

Die sechs Greenpeace-Aktivisten vor Ort nehmen derzeit Boden- und Wasserproben und werden die Ergebnisse nach der Laboranalyse dokumentieren. Notwendig ist aber eine umfassende Bestandsaufnahme und Bewertung. Greenpeace verlangt deshalb von den Besatzungsmächten, der IAEO die vollständige Untersuchung aller atomaren Anlagen im Irak und eine genaue Dokumentation der Gefährdung von Menschen und Umwelt zu erlauben. (sit)

Zum Weiterlesen: Tuwaitha - geplünderte Atomanlage im Irak

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Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

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