Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Strahlende Bodenproben aus der Region Tschernobyl für die IAEO

Greenpeace-Aktivisten haben am Montagmorgen Bodenproben aus der Region Tschernobyl zum Hauptsitz der IAEO in Wien gebracht. Die Proben sind hochradioaktiv. Sie stammen aus einem öffentlich zugänglichen Waldstück und dem Dorf Bober rund 50 km von Tschernobyl entfernt. Die Aktion richtet sich gegen den verharmlosenden Umgang der IAEO mit den Folgen des Super-GAU von Tschernobyl.

  • /

Die beiden Bodenproben befinden sich in einem 200 Kilo schweren Betoncontainer mit Bleiummantelung, um jegliche Gefährdung auszuschließen. Ein ukrainisches Labor hat sie untersucht. Die Fachleute stellten fest, dass die Strahlengrenzwerte um das 10- bis 25-Fache überschritten werden. Nach EU-Richtlinie 96/29 muss die Erde als radioaktiver Abfall betrachtet werden.

Leben auf strahlendem Abfall?

Die IAEO darf nicht länger die Unfallfolgen von Tschernobyl verharmlosen, fordert Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace Deutschland. Die IAEO geht von viel zu wenigen Opfern der Katastrophe aus. Zudem hat sie mehrfach empfohlen, wieder Menschen in den hochbelasteten Gebieten außerhalb der 30-Kilometer-Sperrzone anzusiedeln.

Greenpeace fordert, auf diese Ansiedlung zu verzichten und die Opferzahlen zu berichtigen. Die IAEO muss sich der Verantwortung stellen, die sich aus der Katastrophe von Tschernobyl ergibt, so Smital.

Kein Ende der Not in Sicht

Im September 2005 brachte die IAEO eine Studie heraus, die von zu erwartenden 4000 Krebstoten als Folge des Super-GAUs spricht. Bislang seien nur58 Menschen an den Auswirkungen gestorben. Diese Behauptung missachtet das Leid unzähliger Menschen und ihrer Familien. Die Folgen von Tschernobyl reichen längst in die nächste Generation hinein. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Greenpeace hat demgegenüber in der vergangenen Woche eine Studie veröffentlicht, die mehr als 90.000 Tote prognostiziert - allein durch Krebs. Auch die Zahl anderer Krankheiten ist in den betroffenen Gebieten drastisch angestiegen. An dem Report arbeiteten russische, weißrussische und ukrainische Experten mit. Sie werteten unter anderem neueste Studien der Russischen Akademie der Wissenschaften aus.

Eine erneute Besiedelung verstrahlter Gebiete könnte weitere ernsthafte gesundheitliche Gefahren nach sich ziehen. Was für uns hier hochgefährlicher Atommüll ist, ist in der Ukraine der Boden, auf dem die Menschen wieder leben sollen, so Jan Vande Putte, Atomexperte von Greenpeace International.

Wie die IAEO sich nützlicher machen kann

Greenpeace fordert die Mitgliedsländer der IAEO auf, die notwendigen Konsequenzen aus dem Unglück zu ziehen. Die Organisation muss sich bei der nächsten Generalversammlung grundsätzlich neu ausrichten. Artikel 2, in dem die Förderung der Atomkraft festgeschrieben ist, muss gestrichen werden. Dieser Artikel steht in direktem Widerspruch zur Kontrollfunktion der IAEO.

Weltweit müssen die Atomkraftwerke abgeschaltet werden, um weitere Unfälle wie den in Tschernobyl zu verhindern, erklärt Smital. Die IAEO muss diesen Atomausstieg überwachen.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

Mehr zum Thema

Es ist zwei vor Zwölf

Die UN wollen Atomwaffen verbieten, der Vertrag wird gerade ratifiziert. Nur: die Atommächte machen nicht mit. Ein Interview mit Greenpeace-Experte Heinz Smital und Alexander Lurz.

Sicherheit ist gutes Recht

Frankreichs AKW haben ernste Sicherheitsmängel; darauf machten Greenpeace-Aktivisten mit friedlichem Protest aufmerksam. Ein AKW-Betreiber zog vor Gericht – mit mäßigem Erfolg.

Schlechter Gewinner

Frankreichs Präsident Macron wird für seine Vision Europas mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Doch sein Beharren auf Atomkraft verdient keine Würdigung, sagen Greenpeace-Aktivisten.