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Schwerer Sicherheitsmangel im AKW Biblis

Deutsche Atomkraftwerke sind sicher. Sagt die Atomindustrie. Wie sicher, zeigt der neuste Skandal um Block A des AKW Biblis. Schwere Sicherheitsbedenken haben dazu geführt, dass der Meiler auf unbestimmte Zeit nicht mehr ans Netz darf. Die Betreiber haben in der vergangenen Woche festgestellt, dass das Notkühlsystem unzureichend ausgelegt ist. Wie ein derart gravierender Fehler jahrelang, womöglich seit der Inbetriebnahme 1974, unbemerkt bleiben konnte, ist ein Rätsel, das jetzt sowohl das Bundes- als auch das hessische Landesumweltministerium aufgeschreckt hat.

Das Atomkraftwerk Biblis A ist wie ein altes Auto ohne Bremse, kommentiert Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler den Skandal. Nur mit dem Unterschied, dass Biblis A wahrscheinlich schon 1974 als neues AKW ohne Bremse ausgeliefert wurde. Ob Nachlässigkeit oder bewusste Täuschung: Im Gegensatz zu einem alten Auto sind die Auswirkungen eines atomaren Super-GAUs im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet schlicht nicht vorstellbar. Atomkraft verzeiht keine Fehler.

Das Notkühlsystem eines Atomkraftwerkes soll bei einem Kühlmittelverlust die Kernschmelze, das heißt den GAU (Größter anzunehmender Unfall) verhindern. Für die Ansaugöffnungen der Notkühlpumpen ist ein Querschnitt von 5,9 Quadratmetern vorgeschrieben. In Biblis A beträgt der Querschnitt aber nur drei Quadratmeter. Wie sich der engere Querschnitt bei einem Störfall auswirken könnte, ist kaum auszudenken.

Einen Vorgeschmack gab es vielleicht schon: Im Dezember 1987 kam es in demselben Meiler Biblis A zum schwersten Zwischenfall, der sich je in einem deutschen Atomkraftwerk zugetragen hat. Durch menschliches Fehlverhalten entstand im Primärkreislauf ein Kühlmittel-Leck. Das unter hohem Druck stehende radioaktive Kühlwasser schoss durch dieses Leck, 107 Liter liefen aus. Nur mit Glück gelang es dem Betriebspersonal, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Wäre mehr Kühlwasser ausgeflossen, so hätte das Notkühlsystem einspringen müssen.

Besonders skandalös an der Situation ist, dass der falsche Querschnitt offenbar Eingang in die Sicherheitsnachweise gefunden hat. Anstatt den Fehler zu bemerken, wurde er als Standard verewigt und sanktioniert. Wie es dazu kommen konnte, bedarf dringend der Klärung. Darüber hinaus fordert Greenpeace, die Verantwortlichen bei der Betreiberfirma RWE und in den Aufsichtsbehörden zur Rechenschaft zu ziehen. RWE muss die Lizenz zum Betrieb von Atomkraftwerken entzogen werden.

Das Atomkraftwerk Biblis, besonders Block A, weist seit jeher schwere Sicherheitsdefizite auf. Die hessische Aufsichtsbehörde, damals noch CDU-geführt, forderte 1991 von den Kraftwerksbetreibern 55 Nachrüstungen, die bis heute nicht komplett durchgeführt wurden. Dank Angela Merkel, damals Bundesumweltministerin, durfte Block A trotz der Mängel weiter betrieben werden. Ironie der Geschichte: Im hessischen Umweltministerium war von 1991 bis 1998 Rainer Baake von den Grünen für die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen im AKW Biblis verantwortlich. Doch auch während seiner Amtszeit fiel der Fehler niemandem auf.

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