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Schafft Japan die Wende?

Japans Bevölkerung hat genug von Atomkraft, nur die Regierung will daran festhalten. Und stößt damit auf immer mehr Widerstand – Zeit für eine japanische Energiewende.

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Die japanische Regierung würde lieber heute als morgen zur Atomkraft zurückkehren. Die Genehmigung zum Wiederanfahren des AKW in Sendai sieht sie als ersten Schritt auf diesem Weg. Aber ihr fehlt der Rückhalt der Bevölkerung, denn die Mehrheit ist dagegen, die Meiler wieder hochzufahren. Seit mehr als einem Jahr war keiner der 48 japanischen Reaktoren in Betrieb - es geht also auch ohne Atomkraft. Die Zeiten, in denen ein Drittel der japanischen Energie aus Atomkraft generiert wurde, sind vorbei. Und es gibt gute Gründe, warum das auch so bleiben wird.

Denn mehr als drei Jahre nach der Atomkatastrophe ist die Lage in der Region um Fukushima immer noch dramatisch: Eine halbe Millionen Tonnen kontaminiertes Wasser, zehntausende Menschen haben ihre Heimat verloren. In den Bergen und Wäldern sammelt sich radioaktiver Niederschlag, verstrahlter Abfall lagert auf tausenden temporärer Halden. Und der AKW-Betreiber TEPCO hat noch immer keinen Plan, wie er mit den drei geschmolzenen Reaktorkernen umgehen soll. Kein Wunder, dass die japanische Bevölkerung Atomkraft vehement ablehnt.

Widerstand in den betroffenen Regionen

Das zeigte sich bei den Protesten gegen das Wiederanfahren des  AKW in Sendai: In der konservativen Region gingen tausende Menschen  auf die Straße. Ihre Hauptforderung: Mehr Mitspracherecht. Denn in Japan müssen nur die Bewohner von Orten in unmittelbarer Nachbarschaft zu Meilern  einer Inbetriebnahme zustimmen. Wer etwas weiter weg wohnt, darf nicht mitentscheiden – obwohl er von einem Unfall ebenfalls betroffen wäre. So geschehen in Fukushima: Die Kernschmelze dort betaf auch weiter entfernte Gemeinden. Das bewies Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital gerade erst durch Messungen vor Ort. In  Iitate, 40 Kilometer von Fukushima entfernt, wies er hohe radioaktive Belastungen nach – der Ort ist immer noch unbewohnbar.

Auch an anderen Reaktorstandorten regt sich Widerstand; der Ruf nach mehr Mitbestimmung wird lauter. Denn als nächstes sollen das Takahama-Kraftwerk und die Hamaoka-Reaktoren südlich von Tokio wieder angefahren werden. In der Region um Takahama sind 40 Prozent der japanischen Industrie angesiedelt; ein Unfall würde hier mehrere Millionen Menschen betreffen und die japanische Industrie lahmlegen. Diese Bedrohung haben auch Politiker aus der Region erkannt und fordern eine Energiewende. Die Hamaoka-Reaktoren liegen an der Pazifikküste und sind besonders gefährdet durch Erdbeben. Der Gouverneur des dortigen Regierungsbezirkes hat bereits angekündigt, dass elf Städte in einem Umkreis von 30 Kilometern um die Anlage in die Entscheidung über einen Neustart mit einbezogen werden.

Entwicklungen sprechen für eine Energiewende

Schon in Sendai dauerte es über 18 Monate, den Wiederbetrieb zu genehmigen, der Widerstand wird immer größer,  es bildet sich eine breite gesellschaftliche Opposition gegen Atomkraft, die es so in Japan noch nie gab. Lückenhafte, unzureichende Evakuierungspläne und Risikobewertungen in Sendai geben dieser Bewegung weiter Auftrieb. Unter diesen Bedingungen wird es Regierung und Industrie nicht gelingen, im Eiltempo wieder in die Atomkraft einzusteigen.

Dennoch sollen nach dem Wunsch von Präsident Shinzo Abe bald 18 weitere Reaktoren wieder Strom produzieren. Ob das passiert und wie viele davon tatsächlich wieder ans Netz gehen, bleibt unklar. Bei den restlichen 28 japanischen Meilern ist die erneute Inbetriebnahme  unwahrscheinlich: Sie sind alt,  große Investitionen wären notwendig.

Doch Japan braucht ohnehin keine atomare Energie, das haben die Monate ohne AKW gezeigt. Und die Forderung der Bürger ist klar: Keine Rückkehr zu der gefährlichen Technologie. Greenpeace will mit die Menschen in Japan beim Aufbau einer nachhaltigen Energiezukunft unterstützen. Eine Zukunft, in der sie nicht länger fürchten müssen, Opfer einer weiteren atomaren Katastrophe zu werden.

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