Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Risiko Restlaufzeit: Erhebliche Sicherheitsmängel bei alten Atomkraftwerken

Wenn CDU/CSU und FDP längere Laufzeiten für Atomkraftwerke ankündigen, meinen sie vor allem die Schrottreaktoren Biblis A und B, Brunsbüttel und Neckarwestheim 1, erklärt Thomas Breuer, Atom-Experte von Greenpeace, am Montag in Berlin. Dort stellte er eine neue Studie von Greenpeace über die Gefahren bei einer Restlaufzeitverlängerung vor.

Die vier AKW, die laut Ausstiegsplan in der nächsten Legislaturperiode vom Netz gehen müssen, zählen zu Deutschlands störanfälligsten Reaktoren. Sie sind die ältesten im Land. Sie weisen alle besondere bauartbedingte Mängel auf, sind Spitzenreiter beim Unfallrisiko, schneiden bei mehreren Bewertungskriterien deutlich am schlechtesten ab und sind besonders verwundbar bei Terrorangriffen.

Die Sicherheitsmängel kann keine Partei ignorieren, die gerne regieren möchte. Der Weiterbetrieb wäre verantwortungslos, warnt Breuer. Greenpeace fordert, so schnell wie möglich aus der Atomenergie auszusteigen. Atomkraft ist gefährlich, sie ist unbeherrschbar, zu teuer, und die Menschen in Deutschland wollen sie nicht. Das muss auch Frau Merkel einsehen, so Breuer.

Atomausstiegsplan führt zu weniger Sicherheit

Eine der Ursachen für die gestiegene Anfälligkeit liegt im Atomkonsens selbst. Das mag zunächst überraschen, folgt aber einer ganz eigenen Logik: Nach der umstrittenen Vereinbarung zwischen Regierung und Energiekonzernen unterblieben wichtige Investitionen in die Sicherheit der alten Reaktoren. Begründet wurde dies damit, dass diese sich angesichts der begrenzten Restlaufzeit nicht mehr lohnen würden.

Die Öffentlichkeit bekam dies nur bei Biblis A direkt mit. Dort wurde der behördliche Forderungskatalog zur Nachrüstung des Sicherheitssystems abgespeckt, nachdem die Laufzeit begrenzt worden war.

Eine Sicherheitsdebatte ist angesichts der Zustände der Atommeiler überfällig. Bisher wird viel über Gewinne einer Laufzeitverlängerung geredet, die Kosten für mehr Sicherheit will noch niemand sehen, sagt Breuer. Das erklärt auch, warum die Energiekonzerne so auffällig wenig begeistert auf die CDU-Versprechungen reagieren.

Risiko ist in den letzten Jahren gewachsen

Die Studie im Greenpeace-Auftrag belegt, dass auch in den Untersuchungsfeldern Verwundbarkeit durch Terrorangriffe, Gefährdung bei Erdbeben und gefährliche Störfälle in der Vergangenheit die Meiler besonders schlecht abschneiden.

Wir dürfen die Gefahr nicht unterschätzen, nur weil es in Deutschland noch nicht zum Super-GAU kam, so Breuer. Jedes AKW birgt ein Risiko, und das Risiko ist in den letzten Jahren gewachsen.

Publikationen

Risiko Restlaufzeit

Wer heute von Laufzeitverlängerungen für deutsche Atomkraftwerke redet, meint vor allem vier Atommeiler: Biblis A und B, Brunsbüttel und Neckarwestheim. Die Greenpeace-Studie beleuchtet die Sicherheitsaspekte dieser vier Kraftwerke.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Fukushima-Report 2020

Die Strahlungsmessungen in der Region Fukushima aus dem Herbst 2019 zeigen: Unwetter wie der Taifun Hagibis führen zum Auftreten neuer radioaktiver Hotspots. Auch in den Gebieten, in denen im Sommer 2020 die Olympiade stattfinden soll.

Fukushima-Report: Kinder und Arbeiter

Kinder und die Dekontaminierungsarbeiter leiden besonders unter der radioaktiven Strahlung in Fukushima. Sie ist auch acht Jahre nach dem Atomunfall in Japan noch viel zu hoch.

Mehr zum Thema

Auf Nimmerwiedersehen

Das Atomkraftwerk Philippsburg macht Platz für eine moderne Umspann-Anlage. Greenpeace hat dort häufig protestiert, in der Nacht zum letzten Mal. Ein Abschied ohne Wehmut.

Katastrophe ohne Verfallsdatum

Vor 34 Jahren explodierte Block vier des Atomreaktors von Tschernobyl. Wie schwer der Super-GAU noch Jahrzehnte später wiegt, zeigen die derzeitigen Waldbrände.

Brennende Sorge

Die Brände um Tschernobyl scheinen unter Kontrolle zu sein – unter großem Einsatz der Feuerwehrleute vor Ort. Die Fast-Katastrophe zeigt: Ein GAU ist niemals abgeschlossen.