Rendezvous mit einem Monster

Kiew, die Zone, Tschernobyl, die Reaktorruine ... Greenpeace-Atomexperte Tobias Münchmeyer erzählt von seinem Aufenthalt in der Ukraine, von der Fahrt in die Sperrzone um Tschernobyl und von der Greenpeace-Diaprojektion in der Nacht zum 24. April 2009.
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Kiew

14 Uhr. Ich sitze in Kiew in einem Straßencafé und esse Bortschtsch. Ein herrlicher sonniger Frühlingstag in der ukrainischen Hauptstadt. Auf dem Chrestschatik, dem Kiewer Pracht-Boulevard, flanieren die sehr modisch und sexy gekleideten Frauen mit ihren Männern, die alle merkwürdig klein wirken. Kein Wunder - bei 10 Zentimeter hohen Absätzen der Damenschuhe. Dazwischen Händler, Schulkinder, Straßenmusiker, Eisbuden. Der lange kalte Winter scheint nun endlich überwunden und man zeigt sich gerne auf der Straße, setzt sich auf die Parkbänke unter den alten Kastanien und liest.

Die Ukraine durchlebt keine einfache Zeit: Die Inflation nimmt wieder zu, Banken machen pleite und Pensionäre verlieren ihr Erspartes. Gerüchte vom Staatsbankrott machen die Runde und die zerstrittene Regierung laviert sich durch die schwere Krise. Aber all dies sieht nicht, wer einfach nur die klassische ukrainische Rote-Beete-Suppe löffelt und das bunte Treiben beobachtet.

Kiew ist eine phantastische Stadt. Ich habe hier einmal ein Jahr lang leben dürfen, Mitte der Neunzigerjahre. Jetzt komme ich ein- bis zweimal im Jahr hierher und fühle mich immer noch zu Hause. Diesmal bin ich allerdings aus einem ganz besonderen Grund nach Kiew gekommen. Vor fast auf den Tag genau 23 Jahren explodierte 90 Kilometer nördlich von hier ein Atomkraftwerk: Tschernobyl.

Auch vor dieser Katastrophe gab es gute Gründe, sich gegen die Nutzung der Atomkraft zu engagieren. Greenpeace hat das schon immer getan. Und dennoch: Tschernobyl hat alles verändert. Tschernobyl hat Zehntausende Menschen getötet, hat Hunderttausende krank gemacht und aus ihrer Heimat vertrieben. Tschernobyl hat vor Augen geführt, dass die Gefahren der Atomkraft nicht theoretisch und abstrakt sind, sondern furchtbar real.

Vorbereitung auf Tschernobyl

Bundeskanzlerin Angela Merkel scheint die Lehren aus Tschernobyl noch immer nicht verstanden zu haben. Sie spricht sich immer wieder für die Atomkraft als Bestandteil eines intelligenten Atommixes aus. Wie kann eine dumme und gefährliche Form der Energiegewinnung zu einem intelligenten Energimix beitragen? Merkels Generalsekretär Ronald Pofalla sagt sogar, Atomkraft sei für die CDU Ökoenergie. Hallo? Was reden die da?

Meine Kollegen und ich wollen deshalb heute nach Tschernobyl fahren. In einer Stunde geht es los. Wir wollen die Bundeskanzlerin auffordern, endlich ihre Pro-Atom-Position aufzugeben. Und dazu gehen wir nicht zum Bundeskanzleramt. Wir wollen unsere Botschaft an Frau Merkel an die Wand des Sarkophags in Tschernobyl schreiben. Dort mit Farbe und Pinsel zu arbeiten, wäre lebensgefährlich. Deshalb wollen wir unsere Forderungen an die Wand des Sarkophags projizieren, mit einem Hochleistungs-Diaprojektor.

Zwei meiner Kollegen haben den Projektor mit einem Auto aus Hamburg nach Kiew tranportiert. Außerdem haben wir uns Schutzanzüge, Atemschutzmasken, Gummistiefel, Handschuhe, Dosimeter, Geigerzähler, Funkgeräte, Ersatzbatterien, benzinbetriebene Generatoren, die den Projektor mit Strom versorgen sollen, die Dias, die projiziert werden sollen, und eine komplette Fotoausrüstung eingepackt.

Außerdem war ich heute im Bessarabischen Markt, dem alten malerischen Marktgebaeude mitten im Zentrum. Dort habe ich Äpfel, Radieschen, Gurken und Wasser eingekauft. Und das Wichtigste: frischen Kefir und frische Rjaschenka, eine ukrainische Spezialität - im Ofen gebackenes Kefir. Sicher wird man uns Essen anbieten, in Tschernobyl, aber darauf möchte ich lieber verzichten. Wir haben alle Dinge beisammen. Es kann losgehen.

Aufbruch

16 Uhr. Pünktlich kommt der VW-Bus und der Fahrer steigt aus. Ein bisschen förmlich, aber nicht unfreundlich stellt er sich vor. Ich heiße Sergej. Wir beginnen unsere Kisten einzuladen. Erst sieht es so aus, als würde die große Kiste mit dem Projektor nicht auf die Ladefläche passen, dann kippen wir sie auf die Seite und alles passt. Normalno, sagt Sergej zufrieden und lächelt zum ersten Mal. Das bedeutet so viel wie: Alles in Ordnung, ein wichtiges Wort im Russischen.

So, alles ist verstaut. Noch eine letzte Kontrolle: Reisepass? Dosimeter? Telefon? Ja, alles dabei. Wir steigen ein und Sergej fährt los. Im Schritttempo geht es durch die Kiewer Rush-Hour in Richtung Norden. Dann ist die Stadtautobahn erreicht und Sergej gibt Gas. Ein kurzer Blick wird uns auf den Dnjepr gewährt, den majestätischen Fluss, der in Kiew fast einen Kilometer breit ist.

Fabriken, Plattenbau-Silos, die hier Wohn-Massive genannt werden - dann hört ziemlich plötzlich die Stadt auf.

50 Kilometer vor Tschernobyl

Felder und Dörfer säumen die Straßen. Bushaltestellen an denen Schulkinder stehen, Linden und Buchen, die erst ganz zartes Grün zeigen. Dann und wann eine Chruschtschowka, also ein Plattenbau kleinen Typs, von denen Chruschtschow Anfang der Sechziger von Kaliningrad bis Wladiwostok sicher Zehntausende hat bauen lassen - und die inzwischen überall gleich armselig aussehen. Mehrmals ziehen Rauchschwaden über die Straße: Bauern brennen Feldstreifen ab, bevor sie die Äcker bestellen. Dann Kiefernwälder, dann Heidelandschaft. Ein kleines Flüsschen schlängelt sich durch einen Birkenwald. Es wird langsam einsamer. Die Dörfer werden seltener, die Zahl der entgegenkommenden Autos kleiner und der Asphalt der Straße schlechter.

Wir haben verabredet, in der 30-Kilometer-Zone nicht mehr zu essen und zu trinken. Deshalb schlagen wir jetzt noch einmal zu: Radieschen und Rjaschenka!

Noch 50 Kilometer bis Tschernobyl. Die Nachmittagssonne scheint uns rötlich entgegen. Wir sind gespannt.

In der Sperrzone

18:20 Uhr. KPP Ditjatki steht auf einem großen gelben Schild zwischen dem Schlagbaum und einem kleinen Häuschen: der Kontrollpunkt. Hier beginnt die Zone. Ein Milizionär mit großer Schirmmütze begrüßt uns und bittet um die Reisepässe. Logisch, hier beginnt ja auch ein neues Land. Er hat Mühe, unsere mit lateinischen Schriftzeichen geschriebenen Namen in den Pässen mit den kyrillisch geschriebenen Namen auf seiner Liste zu vergleichen und uns zu identifizieren. Ich helfe ihm ein bisschen. Alles korrekt. Er verschwindet und muss telefonieren. Es dauert lange. Der VW-Bus ist offen und der Strahlenwert erhöht sich ein ganz klein bisschen. Der Milizionär kommt zurück und der Schlagbaum hebt sich. Gute Fahrt, sagt er. Ganz trocken, ohne Ironie.

Geisterhaft: Wälder und mitten in ihnen Häuser. Sie schimmern nur durch die Bäume. Man könnte gar nicht mehr zu ihrer Tür gelangen, so dicht umwachsen sind sie.

Tschernobyl

19:00 Uhr: Wir schalten unsere Dosimeter und Geigerzähler ein.

Wir erreichen das Dorf Tschernobyl, das 15 Kilometer vor dem Unglücksreaktor selbst liegt. Ein paar Männer in Uniform und mit Angelruten überqueren gemächlich die Straße. Eine Frau mit Plastiktüten kommt aus einem Geschäft. Dorfleben, aber keine Kinder.

Wir betreten das Verwaltungsgebäude von Tschernobylinterinform, der Agentur, die die Besuche in der Zone organisiert. Die Strahlendosisleistung, also die Stärke der Strahlung ist hier messbar, aber nur unwesentlich erhöht im Vergleich zur natürlichen Hintergrundstrahlung. Larissa Pawlowna (Name geändert!) ist ziemlich mürrisch und beleidigt, als wir das Abendessen ausschlagen, das sie für uns geplant hatte. Erstens haben wir keine Zeit und zweitens in dieser Umgebung keinen besonderen Appetit. Wir unterschreiben Dokumente, bezahlen eine Gebühr und bekommen Andrej (Name geändert) als Fremdenführer zugeteilt. Andrej ist ein ukrainischer Sunnyboy. Immer einen Lacher auf den Lippen. Und er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift Young and Radio-active.

Auf dem Parkplatz ziehen wir unsere weißen Schutzanzüge an, die neu gekauften Gummistiefel und Gummihandschuhe. Weiter geht’s Richtung Reaktor. Nach ein paar Minuten kommen wir zum Checkpoint der 10-Kilometer-Zone. Die Milizionäre wissen schon, dass wir kommen und dass sie heute Nacht unseretwegen etwas länger arbeiten müssen. Sie lachen freundlich, scherzen mit Andrej.

Weiter geht es, vorbei an Kopatschi, einem ehemaligen Dorf, das komplett untergepflügt wurde. Nur das Ortsschild steht noch neben einigen Hügeln, in denen ein Schild mit Radioaktivitätszeichen steckt. Dieses Dorf ist Atommüll. In der Ferne taucht ein halbfertiger Kühlturm auf. Er wurde Mitte der Achtzigerjahre für die damals ebenfalls im Bau befindlichen Reaktorblöcke 5 und 6 begonnen. Nach der Explosion von Block 4 wurde dieser Bau aber sofort eingestellt.

Der Sarkophag

Und dann, ja, tatsächlich zeigen sich ganz in der Ferne erstmals die Konturen des Unglücksreaktors: zur Hälfte in heller Farbe, dort wo sich Reaktor Nr. 3 befindet, zur anderen Hälfte dunkelgrau: der Sarkophag.

Wir fahren an einem Kanal entlang. Noch etwa ein Kilometer bis zum Reaktor. Die Werte des Geigerzähler schnellen nun deutlich nach oben. Das Wasser dieses Kanals hat es in sich. Wir biegen nach rechts ab, fahren an den verwaisten Baustellen der Reaktorblöcke 5 und 6 vorbei und biegen dann zweimal links ab.

Hier nicht fotografieren, sagt Andrej, erstmals in etwas strengem und offiziellem Ton. Die Bereiche, durch die Atommülltransporte stattfinden können, gelten als sensitiv und dürfen nicht aufgenommen werden. Am Reaktorblock 3 entlang fahren wir jetzt direkt auf den Sarkophag zu. Der Turm war früher rot-weiß gestreift. Die rote Farbe ist mittlerweile fast komplett abgeblättert und dem grauen Metall gewichen. Der Sarkophag sieht aus wie der grobe schuppige Panzer eines Dinosauriers, wie der Rücken eines riesigen Monsters.

Wir biegen auf den Parkplatz ein, etwa 80 Meter vom Sarkophag. Sergej hält an. Wir packen die Atemschutzmasken aus, schrauben die Filter ein und setzen die Masken auf. Der Geigerzähler knattert und zeigt nun Werte, die zwanzig mal über der Hintergrundstrahlung liegen. Wir steigen aus.

Vorsichtig bewegen wir uns und betrachten das Kraftwerk aus verschiedenen Perspektiven. Sehr ärgerlich: Kräne und Gerüste verstellen eine ganze Außenwand des Reaktors. Das schließt sie für eine Projektion aus. Die andere Wand erscheint mit ihren vielen Winkeln und Vorsprüngen auch sehr ungünstig. Dämmerung setzt langsam ein und wir diskutieren, welches die beste Fläche für die Projektion ist.

Das Monster ist lebendig

Die Strahlung beträgt hier 5 bis 8 MikroSievert pro Stunde. Etwa die sechzigfache Menge der natürlichen Hintergrundstrahlung. Das ist viel. Je weiter man den Geigerzähler nach oben in die Luft reckt, desto höher werden die Werte, weil eine niedrige Mauer einen Teil der Strahlung abschirmt. Von diesem Sarkophag geht also 23 Jahre nach der Explosion noch Gefahr aus. Das Monster ist nach wie vor lebendig. Unter der maroden Stahlhülle verbirgt sich eine wilde Mischung aus zusammengeschmolzenem Kernbrennstoff, vermengt mit Graphit und Sand. Teilweise haben sich glasartige Strukturen gebildet, die die Wissenschaftler Elefantenfüße nennen.

Wir bleiben in etwa 80 Meter Entfernung vom Sarkophag, haben den für uns von Greenpeace vorgeschriebenen Grenzwert genau im Blick und wissen, dass wir schnell arbeiten müssen, um möglichst weit unter diesem Grenzwert zu bleiben.

Menschen im AKW

Wir laden den Diaprojektor aus dem Bus. Verdammt schwer das Teil. Der Generator wird angeworfen und beginnt zu knattern. Einige Arbeiter verlassen das einzige moderne, nach der Katastrophe gebaute Gebäude, das neben der Einfahrt zum Sarkophag steht. Alle sind ohne Schutzkleidung. Der Anblick von uns Fünf in Sicherheitskleidung mit der Aufschrift GREENPEACE und mit Atemmaske scheint sie zu irritieren. Ein uniformierter Sicherheitsbeamter mit Aktentasche geht schnellen Schrittes an uns vorüber und ruft laut Nichtsnutze! Arschlöcher! in unsere Richtung.

Andere sind freundlicher: Ein Arbeiter im Blaumann kommt auf uns zu und sagt, er sei Strahlenschutzexperte. Atemschutzmasken wie wir sie hätten, habe er noch nie gesehen. Wir zeigen ihm eine, die wir übrig haben. Interessant findet er die. Wir schenken sie ihm und er wünscht uns viel Glück.

Eine ältere Frau wartet ebenfalls auf den Werksbus. Sehen Sie her! Ich brauche keine Schutzkleidung. Ich arbeite hier und bin gesund! Nehmen Sie die Masken ab! Ich frage sie, wie denn die Lage sei und sie antwortet, dass es ganz richtig sei, dass wir auf Tschernobyl aufmerksam machten. In Kiew, in der Politik, habe man die Leute, die in Tschernobyl arbeiten, vergessen. Da stopfe man sich die Taschen mit Hilfsgeldern voll und die Arbeiter in Tschernobyl bekämen gerade einmal 1000 Griwna (100 Euro) pro Monat. Sie hat plötzlich Tränen in den Augen.

Hunderte Menschen arbeiten noch im Bereich des AKW. Einige führen die gefährlichen Arbeiten zur Stabilisierung des Sarkophags aus. Andere kontrollieren die Strahlenwerte, wieder andere kontrollieren die Abklingbecken in den benachbarten Reaktorblöcken Nr. 1 und 3. Ein Zwischenlager für die abgebrannten Brennelemente dieser beiden Reaktoren gibt es immer noch nicht. Der französische Atomkonzern Areva hatte eines gebaut, das sich als unbrauchbar erwies: Nicht nur bekam der Beton im ersten ukrainischen Winter Risse. Die Franzosen hatten die Abmessungen der Brennelemente falsch berechnet. Sie passten gar nicht in den Bau. Ein nuklearer Schildbürgerstreich, finanziert mit EU-Geldern.

Die Projektion

Es wird langsam dunkel und wir schieben das Magazin in den Projektor. Das erste Bild. Noch nicht deutlich zu erkennen. Wir probieren es auf einem benachbarten Gebäude links vom Reaktor. Tschernobyl: Schon vergessen, Frau Merkel? GREENPEACE Das Dia mit dem schwarzen Text auf weißem Hintergrund ist undeutlich zu sehen und es sieht mickrig klein aus. Wir finden eine andere Fläche. Das sieht besser aus. Unser Fotograf ist aber unzufrieden: Zu weit vom Hauptteil des Sarkophags. Wir probieren es von einer anderen Perspektive, aber das verändert wenig. Uns wird langsam kalt, der Geigerzähler knistert und unsere Strahlen-Dosiswerte steigen, langsam zwar, aber sie steigen. Einer dreht den Projektor ein wenig und der Lichtkegel wandert auf den Sarkophag selbst. Das ist besser als erwartet. Doch jetzt sieht man grellweiß die projizierte Fläche und der Sarkophag verliert sich optisch in der Dunkelheit. Längere Belichtungszeiten? 30 Sekunden, 40 Sekunden, 50 Sekunden. Der Effekt bleibt. Haben wir nicht auch ein Dia mit weißem Text auf schwarzem Hintergrund mit dabei? Wir suchen es heraus und stecken es in das Magazin. Spannung. Das Dia schiebt sich vor das Licht: Ja, das könnte es sein. Sehr deutlich, aber nicht zu hell sind die Buchstaben zu erkennen. Vadim, der Fotograf, macht seine ersten Bilder. Vadim lächelt: Ausgezeichnet! Wir bleiben bei dieser Einstellung. Vadim macht einige Bilder mit verschiedenen Belichtungszeiten. Er macht das perfekte Bild.

Tschernobyl: Schon vergessen, Frau Merkel?

Es ist mittlerweile 22 Uhr. Ich denke plötzlich an Frau Merkel. Ob sie Tschernobyl wirklich vergessen hat? Sie ist doch Physikerin. Sie lebte in der DDR, als es hier explodierte und tagelang brannte. Sicher hat sie über das Westfernsehen die Schreckensmeldungen gesehen. Sie muss doch sehr gut wissen, was radioaktive Kontamination bedeutet und welche Folgen sie hat. Wie kann sie dann einer Partei vorsitzen, für die Atomkraft Ökoenergie ist, wie es ihr Generalsekretär Pofalla formuliert? Wie kann sie sich für die Verlängerung der Laufzeit von Schrottreaktoren wie Biblis einsetzen? Warum lässt sie sich vor den Karren der großen Strom- und Atomkonzerne RWE, E.ON, Vattenfall und

EnBW spannen, die aus ihren Altkraftwerken auch noch den letzten Cent Profit herausquetschen wollen - auf unser aller Risiko? Hat sie denn gar nichts gelernt aus Tschernobyl?

Jetzt probieren wir auch, das runde Zeichen mit der Sonne und Atomkraft? Nein danke zu projizieren. Ein Experiment. Die Farben sind weit besser sichtbar als erwartet. Wo in der Welt passte dieser Spruch besser hin als an genau diesen Ort? Diese Szenerie werde ich wohl nie vergessen: Fünf Männer in Schutzanzügen in kalter Nacht. Ein Projektor mit dröhnendem Generator. Und dann das radioaktive Monster, auf dessen Panzer das Anti-Atom-Zeichen prangt wie ein Brandzeichen.

im letzten Moment nichts falsch machen!

Wir machen weitere Bilder mit Texten in Ukrainisch, Russisch und Englisch und dann, gegen 23 Uhr, ist es geschafft. Ein kurzes Gruppenfoto mit Selbstauslöser und dann wird behutsam die Technik abgeschaltet, alles eingepackt und im Auto verstaut. Das ist der Moment, in dem man aus Sicht des Strahlenschutzes die größten Fehler machen kann. Die Anzüge und Gegenstände, die wir mit nach draußen genommen haben, können Staubpartikel tragen, die gefährlich sind. Deshalb ganz konzentriert und vorsichtig: Die Füße der Stative für Fotoapparat und Projektor mit einem feuchten Tuch abwischen. Schutzanzüge ausziehen und mit den Tüchern, Handschuhen, Atemmasken und Gummistiefeln in einen Müllbeutel stecken und erst dann ins Auto einsteigen.

Abfahrt

Wir fahren los. Es ist fast 23 Uhr. Wir sind alle sehr zufrieden, doch still. Sergej und Andrej schweigen ebenfalls. Ich schaue zurück aus dem Fenster. Das Monster wird kleiner und verschwindet im Nachtdunkel. Am 10-Kilometer-Checkpoint begrüßt man uns und winkt uns durch. Ein Schäferhund kläfft aufgeregt und rennt dem Wagen hinterher. Im Dorf Tschernobyl setzen wir Andrej am Wohnheim ab. Er arbeitet und wohnt hier im zweiwöchigen Wechsel: Zwei Wochen in der Zone, zwei Wochen zu Hause in Tschernigow. In Tschernobyl sieht man noch erstaunlich viele beleuchtete Fenster. Viele Forstarbeiter und Bauarbeiter sind ebenfalls für Schichtperioden hier, um die Straßen und Infrastruktur aufrechtzuerhalten. So heißt es zumindest offiziell.

In der Sicherheitsschleuse

Ich frage meine Kollegen nach ihren Dosis-Werten auf ihren Dosimetern und trage sie in eine Liste ein. Wir liegen deutlich unter unserem Grenzwert. Das erleichtert uns. Nach 15 Kilometern Fahrt durch die totale Dunkelheit dann wieder KPP Ditjatki. Unsere Papiere werden kurz überprüft, dann steigen wir aus, übergeben unseren Müllbeutel und werden in ein Gebäude zur Strahlenüberpüfung geleitet. Einer nach dem anderen stellt sich seitlich in eine metallene Sicherheitsschleuse, legt seine Hände auf gekennzeichnete Flächen und es wird ein Knopf gedrückt. Die Apparatur erinnert ein bisschen ans Raumschiff Enterprise. Ein Signal ertönt und ein Licht leuchtet auf. Die Anzeige ist aber so alt und defekt, dass schwer zu erkennen ist, ob das Lämpchen nur unter dem grünen Fenster sauber leuchtet oder auch unter dem benachbarten roten Fenster dreckig. Sergej beruhigt uns: Normalno!

Wir kehren zurück zum Auto. Der Schlagbaum hebt sich und der Weg ist frei für die Rückfahrt nach Kiew. Zurück in die Zivilisation, wo Menschen leben, nicht Monster.

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