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Jemand zu Hause? Aktivisten erobern AKW

Am Montag ist es einer Gruppe von 19 Greenpeace-Aktivisten zum wiederholten Male gelungen, auf das Gelände des Atomkraftwerkes in Sizewell/England vorzudringen. Ohne vom Sicherheitsdienst aufgehalten zu werden, überwanden sie im Schutz der Dunkelheit den Absperrzaun, kletterten auf ein Dach nahe der Reaktorkuppel und gelangten unbehelligt in den zentralen Kontrollraum der angeblich sichersten atomaren Anlage Großbritanniens. Erst nach fünf Minuten waren drei unbewaffnete Sicherheitsleute vor Ort.

Wir möchten mit dieser Aktion deutlich machen, wie einfach es sogar für friedfertige Demonstranten immer noch ist, Zugang zu hochsensiblen Bereichen eines Atomkraftwerkes zu bekommen, äußerte sich Greenpeace-Sprecher Blake Lee-Harwood. Auf diesem Gelände befinden sich Lager mit gefährlichem radioaktiven Müll, nuklearem Brennstoff und natürlich der eigentliche Reaktor.

Bereits im Oktober 2002 spazierte eine Gruppe von 140 Umweltaktivisten, von denen einige in Homer-Simpson-Kostümen auf den Dächern der Anlage demonstrierten, in die Hochsicherheitsbereiche in Sizewell. Über 25 Minuten benötigten die Sicherheitsleute damals, auf das Eindringen der Gruppe zu reagieren.

Selbst nach den Ereignissen des 11. September 2001 und den nachfolgenden Warnungen, atomare Anlagen könnten Ziele von Terroranschlägen sein und Katastrophen vergleichbar dem Tschernobyl-Desaster verursachen, sind die Sicherheitsmaßnahmen in englischen Einrichtungen immer noch als völlig unzureichend zu bezeichnen. Nach Angaben des US-Geheimdienstes trainierten al-Quaida-Anhänger auch Angriffe auf zivile Atomkraftwerke. Das vierte gekaperte Flugzeug vom September 2001 soll die Atomanlage von Three Mile Island als Ziel gehabt haben.

Es ist ein erschreckender Gedanke, dass jeder hier eindringen kann, wenn selbst wir es ohne Probleme geschafft haben, sagte Greenpeace-Aktivist Rob Gueterbock. Die Umweltaktivisten waren nur mit Leitern, Seilen und Drahtscheren ausgerüstet. Sollten Terroristen eine Atomanlage als Ziel ins Visier nehmen, wären die Folgen einer Sabotageaktion verheerend und die Gegend würde meilenweit radioaktiv verseucht sein, fügte Gueterbock hinzu.

(dst)

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