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Japan auf Abwegen

Verseuchte Gebiete, eine gefährliche Atomruine, Berge von Strahlenmüll:  Die Folgen der Katastrophe in Fukushima. Dennoch könnte bald das erste japanische AKW wieder in Betrieb gehen.

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Nach einem so schweren Atomunfall wie dem in Fukushima ist die Konsequenz eigentlich eindeutig: Abschied von der Atomkraft. Das sollte vor allem für Japan gelten, denn der Inselstaat ist besonders anfällig für Naturgewalten. Aber die Atomlobby scheint sich durchzusetzen: Der Gouverneur der Präfektur Kagoshima bestätigte jetzt die Entscheidung des Stadtrats von Kagoshima. Die Präfektur hat damit beschlossen, dass das Atomkraftwerk in Sendai darf wieder in Betrieb genommen werden darf.

Atomkraft wird nicht gebraucht

Nach dem Fukushima-Unglück wurde die Atomkraft in Japan zurückgefahren. Seit über einem Jahr ist das Land sogar atomstromfrei. Großflächige Stromausfälle blieben dennoch aus. Warum sollte man also das Risiko eingehen und zur Atomenergie zurückkehren? Die Antwort bleiben die japanischen Verantwortlichen schuldig, genauso wie ausreichende Sicherheitspläne.

Die Reaktoren in Fukushima müssen immer noch gekühlt werden, und das 40 Kilometer entfernte Dorf Iitate ist aufgrund der hohen Strahlung auf unabsehbare Zeit unbewohnbar. Das bestätigten Messungen, die Greenpeace kürzlich vor Ort vornahm. 40 Kilometer – so weit ist auch die Stadt Kagoshima vom Kraftwerk in Sendai entfernt. Dort wohnen 600.000 Menschen.

Intransparenz, mangelnde Vorkehrungen, Sicherheitsrisiken

In der Umgebung der Anlage in Sendai befinden sich zwei aktive Vulkane. Spezialisten aus Japan warnen vor möglichen Ausbrüchen: Sie bezweifeln, dass diese früh genug vorhergesagt werden können, um entsprechend zu reagieren. Auch die Evakuierungspläne seien unzureichend. Die Evakuierungszentren sind weder bei Tsunamis noch bei schweren Stürmen sicher: Ein klarer Verstoß gegen das Gesetz und die Richtlinien für nukleare Notfälle.

Kazue Suzuki, Atomkraftexpertin von Greenpeace Japan erklärt: „Die Regierung und die nationale Regulierungsbehörde ignorieren wissenschaftliche Erkenntnisse, die öffentliche Sicherheit und die existierenden Vorgaben. Deshalb sind jetzt der Stadtrat und der Gouverneur gefragt. Sie müssen die Sicherheit der japanischen Bevölkerung vor die Interessen der angeschlagenen Atomindustrie stellen und die Inbetriebnahme von Sendai stoppen.“  

Japaner wollen keine Atomkraft

Greenpeace fordert darüber hinaus ein Mitspracherecht für die Menschen in den umliegenden Ortschaften, vor allem für diejenigen, die nicht finanziell von dem Kraftwerk profitieren. „Im Gegensatz zur Regierung hat die Bevölkerung die Lehren aus Fukushima verstanden“, so Kazue Suzuki. „Sie weiß, dass ihre Gemeinden durch die Strahlung gefährdet und ihr Leben und ihre Existenz bedroht sind – auch wenn sie Kilometer von Sendai entfernt wohnen.“

Der japanische Premierminister Shinzo Abe will zurück zur Atomkraft, um die Energiekosten zu senken. Da die Mehrheit der Bevölkerung aber gegen eine Rückkehr ist, schiebt er die Verantwortung auf die Gemeinden vor Ort. Abe sollte stattdessen besser an einer nachhaltigen Energiewende in Japan arbeiten und das Potenzial der Erneuerbaren Energien nutzen.

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Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

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