Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Fragen zur Sicherheitskultur bei Vattenfall

Die verharmlosenden offiziellen Aussagen über das, was im AKW Krümmel vorgefallen ist, lassen nichts Gutes ahnen. Greenpeace hat am Donnerstag auf einer Pressekonferenz am AKW Krümmel eine erste eigene Einschätzung des Störfalls vorgelegt und Fragen formuliert. Mit von der Partie: die Diplom-Physikerin Oda Becker. Die Online-Redaktion sprach vorab mit ihr.

  • /

Online-Redaktion: Frau Becker, wie schätzen Sie den Störfall vom letzten Donnerstag im AKW Krümmel ein?

Oda Becker Dieser Störfall ist in jedem Fall als Warnsignal zu verstehen. Was in Krümmel abgelaufen ist, wirft eine Menge Fragen zur Sicherheit im AKW auf.

Online-Redaktion: Was muss vorrangig geklärt werden?

Oda Becker: Zunächst muss geklärt werden, wo überhaupt die Ursache des Brandes lag. 50 Prozent aller Brände in AKW werden durch elektrische Fehler wie Kurzschlüsse ausgelöst. Das ist bekannt. Ein Beispiel dafür lieferte erst im November 2006 das schwedische Atomkraftwerk Ringhals - zu 70 Prozent ein Vattenfall-AKW. Der Betreiber musste die Gefahr kennen. An dieser Stelle liegen offenbar Wartungs- und Überwachungsfehler vor.

Die zweite Frage ist: Wie konnte der Brand so groß werden? Offenbar sind Brandschutzvorrichtungen entweder nicht ausreichend dimensioniert oder sie funktionieren nicht.

Online-Redaktion: Es hieß zunächst, der Reaktor selber sei von dem Transformatorenbrand nicht betroffen gewesen. Das stellte sich dann als falsch heraus. Was lässt sich beim bisherigen Stand der Informationen über die Schnellabschaltung sagen?

Oda Becker: Auch bei den Folgen der Reaktorschnellabschaltung gab es Pannen, die eine Menge Fragen aufwerfen. Da ist besonders der von der GRS [Gesellschaft für Reaktorsicherheit] angemerkte Bedienungsfehler: das Öffnen zweier Entlastungs- und Sicherheitsventile. Dieser Fehler spricht Bände über die Sicherheitskultur des Betreibers.

Das Öffnen dieser Ventile bei gleichzeitigem Ausfall einer Speisewasserpumpe hat zu dem Druck- und Kühlstandsabfall im Reaktordruckbehälter geführt. Auch hier ist ein Wartungsfehler zu vermuten. Das ist keine Bagatelle. Ein solcher Vorfall kann der erste Schritt zu einer Kernschmelze sein.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch.

Publikationen

Risiko Restlaufzeit

Wer heute von Laufzeitverlängerungen für deutsche Atomkraftwerke redet, meint vor allem vier Atommeiler: Biblis A und B, Brunsbüttel und Neckarwestheim. Die Greenpeace-Studie beleuchtet die Sicherheitsaspekte dieser vier Kraftwerke.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Fukushima-Report: Kinder und Arbeiter

Kinder und die Dekontaminierungsarbeiter leiden besonders unter der radioaktiven Strahlung in Fukushima. Sie ist auch acht Jahre nach dem Atomunfall in Japan noch viel zu hoch.

Mehr zum Thema

Abschaffen statt Modernisieren

Der kalte Krieg ist vorbei, doch in Deutschland sind immer noch 20 US-Atombomben stationiert. Im Kriegsfall würden Deutsche sie fliegen. Das Arsenal soll nun modernisiert werden.

Wahnsinn bewiesen

Die Region um das AKW Fukushima ist immer noch hoch verstrahlt, allen Säuberungsaktionen zum Trotz, so der aktuelle Greenpeace-Bericht. Im Fokus: das Leid der Aufräumarbeiter.

Katastrophaler Wasserschaden

Der GAU von Fukushima ist längst nicht im Griff. Gewaltige Mengen kontaminierten Wassers aus der Anlage könnten in den Pazifik fließen – eine Geschichte menschlichen Versagens.