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Fass ohne Boden

Die maroden Atommüllfässer im AKW Brunsbüttel beschäftigen erneut den Kieler Landtag. Unlängst wurden weitere Fässer in katastrophalem Zustand entdeckt.

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Energiewendeminister Robert Habeck teilte am Freitag mit, dass von jetzt 217 untersuchten Fässern 38 stark beschädigt seien. Die Inspektion in Brunsbüttel gestaltet sich schwierig. Bis die Untersuchungen in den Kavernen des stillgelegten AKW beendet sind, werden angesichts der erschwerten Bedingungen vermutlich noch Jahre vergehen.

Seit rund 30 Jahren rosten in Kellern des AKW Brunsbüttel 631 Fässer mit schwach und mittel radioaktivem Atommüll vor sich hin. Regelmäßige Kontrollen gab es nicht. Im Dezember 2011 entdeckten Mitarbeiter des Konzerns Vattenfall ein rostiges Fass - ein Fall für die schleswig-holsteinische Aufsichtsbehörde. Doch Vattenfall schwieg. Bei einer Routinekontrolle im Januar 2012 fand dann der TÜV Nord Fässer, die teilweise schon zersetzt waren, und informierte die Atomaufsicht.

Erschwerte Bedingungen

Die hohe Strahlung der Fässer macht die sechs Kavernen zum Sperrbereich, der nicht betreten werden kann. Die Räume sind durch über einen Meter dicke Betonblöcke abgeschirmt.

Um systematische Inspektionen durchführen zu können, mussten ferngesteuerte Kamerasysteme entwickelt werden. Im Februar 2014 wurde als erstes die Inspektion der Kaverne IV abgeschlossen. Von den dort lagernden 70 Fässern sind 18 stark verrostet.

Noch schlimmere Zustände wurden in Kaverne II gefunden. Dort lagern laut Atomaufsicht 118 Fässer, 40 waren bis zum 19. August vollständig inspiziert: Zehn dieser 40 Fässer sind so beschädigt, dass teilweise der radioaktive Inhalt ausgetreten ist und sich als breiige Masse auf den Boden der Kaverne ergossen hat. Die Atomaufsicht geht davon aus, dass mindestens ein Fass mit dem bisherigen Konzept nicht mehr zu bergen ist: Das Fass fällt auseinander. Vattenfall muss nun ein weiteres Spezialkonzept entwickeln, wie mit der eskalierten Situation umgegangen werden kann.

"Durch die radioaktive Strahlung und die Notwendigkeit von ferngesteuerten Arbeitsausführungen werden einfache Tätigkeiten sehr komplex", sagt Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace. "Wenn man sich z.B. vorstellt, man müsse bei einem Fahrrad einen platten Reifen reparieren, so ist das in wenigen Minuten erledigt. Wenn man zum Fahrrad einen Abstand von 10 Metern einhalten muss, wird die Sache kompliziert. Im Falle der Atomkraft dauert eine einfache Reparatur entsprechend Jahre und kostet Millionen. Das macht Atomkraft teuer und unzuverlässig."

Die rostigen Fässer in den Kavernen des AKW Brunsbüttel zeigen, wie Probleme eskalieren, wenn der Betreiber eines Atomkraftwerkes sorglos mit Atommüll umgeht. "Wenn der Umgang mit leicht und mittel radioaktivem Müll schon nach ein paar Jahren der Lagerung so viele Probleme macht, auf was muss man sich dann bei dem viele tausend Male stärker strahlenden hoch radioaktiven Müll  einstellen, der für eine Million Jahre sicher gelagert werden muss", so Smital.

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Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

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