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Der Sarkophag in Tschernobyl droht einzustürzen

Mit Sand und Blei kämpften die Menschen in den ersten Tagen gegen die Strahlung und das Feuer. Nach jenem 26. April 1986, als in Tschernobyl das angeblich höchst Unwahrscheinliche geschehen war: der Super-Gau. Dann begann unter schlimmsten Bedingungen der Bau des Sarkophags. Am 30. November 1986 war er fertig gestellt - eine vorläufige notdürftige Hülle aus Stahl und Beton. Heute, 20 Jahre später, droht der längst rissig gewordene Sarkophag einzustürzen.

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Acht Projekte waren geplant, um die provisorische Schutzhülle zu stabilisieren. Bis 2006 sollten die Maßnahmen abgeschlossen sein. Doch nur drei der Projekte, so fand Greenpeace heraus, wurden umgesetzt. Ein Gesamtkonzept zur langfristigen Absicherung der Ruine existiert nicht.

In den letzten 20 Jahren ist viel zu wenig geschehen, um die Region vor dem explodierten Reaktor zu sichern, sagt Thomas Breuer, Atomexperte von Greenpeace. Auch die Atomindustrie und der Einsatz von Milliarden Steuergeldern aus den Staatskassen der Industrieländer brachten keine Lösung für Tschernobyl.

Akute Gefahr

Die Konstruktion der hastig zusammengezimmerten Schutzhülle ist instabil. In der Außenwand klaffen Löcher. Der Wind bläst radioaktiven Staub aus dem Inneren der Ruine in die Umwelt. Regenwasser rinnt in den Sarkophag, durchfließendes Wasser wird kontaminiert und kann ins Grundwasser gelangen.

Wie es im Inneren um den Reaktor bestellt ist, ist kaum feststellbar. Die meisten Räume sind wegen der hohen Strahlung nur kurz begehbar, wenn sie nicht ohnehin verschüttet sind. Viele Bereiche des Reaktors dürfen überhaupt nicht betreten werden. Sich der Radioaktivität in diesen Räumen auszusetzen, hätte eine direkte tödliche Strahlendosis zur Folge.

Sicher ist, dass sich eine große Menge zu Lava verbackenen Kernbrennstoffs im eingestürzten Reaktor befindet. Eindringende Feuchtigkeit löst die glasartige Oberfläche dieser Lava auf. Sie wird pulverisiert und vermehrt noch die ungeheure Menge an radioaktivem Staub. Würde der mürbe Sarkophag einstürzen, könnten bis zu 50 Tonnen feinen radioaktiven Staubs freigesetzt werden. Die Menschen in der Region wären großen zusätzlichen Strahlenbelastungen ausgesetzt.

Unzureichende Pläne

{video_r}Ein Konsortium aus 28 Geberländern und der ukrainischen Regierung will der akuten Gefahr, die von der Ruine ausgeht, mit zwei Maßnahmen begegnen: Der Sarkophag soll wie bislang geplant stabilisiert und ausgebessert werden. Zudem soll eine neue große Schutzhülle über den Reaktor geschoben werden. Mit von der Partie übrigens: Siemens und die RWE Nukem GmbH. Finanzierung: in erster Linie die Steuerzahler der G7-Staaten und der EU.

Das Projekt weist zwei schwere Mängel auf. Es bietet keine Lösung für das Hauptproblem: die hochgradig radioaktive Masse, zu der die Brennstäbe mit dem Baumaterial des Reaktors vor 20 Jahren verschmolzen sind. Was mit dieser Masse passieren soll, wie sie geborgen oder behandelt werden soll - dazu findet sich nichts in dem Plan. Außerdem ist auch die zweite Schutzhülle nur eine Übergangslösung: Sie soll 50 bis 100 Jahre halten.

{video_r}Damit überlassen wir die Probleme von Tschernobyl den nachfolgenden Generationen, weil niemand in der Lage ist, die Folgen der Katastrophe auch nur annähernd zu lösen, erklärt Breuer. Die Baustelle Tschernobyl zeigt: Wir Menschen beherrschen nicht einmal die Aufräumarbeiten eines Atomunfalls. Geschweige denn die Atomkraft selber.

Es gibt keine Lösung außer: Abschalten!

Greenpeace fordert, alle Atomkraftwerke so schnell wie technisch möglich abzuschalten und die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) umzuwandeln: Sie soll nicht länger die zivile Nutzung der Atomkraft fördern, sondern den weltweiten Ausstieg aus der Atomkraft beaufsichtigen.

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