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Atommüllkippe gefährdet Champagner

Greenpeace hat am Dienstag davor gewarnt, dass das Atommüllzentrum im ostfranzösischen Soulaines den Champagnerweinbau bedrohe. Nur knapp zehn Kilometer von den berühmten Weinbergen der Champagne entfernt ist das Grundwasser mit radioaktivem Tritium belastet. Quelle der beginnenden Verseuchung ist die Atommüllkippe CSA (Centre Stockage de l'Aube). Aktueller Anlass für die Warnung: In Paris diskutiert das französische Parlament derzeit das neue Atommüllgesetz.

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Rund 50 Jahre nach Einführung der Atomenergie ist klar: Frankreich befindet sich mitten in einer Atommüllkrise. Lange Zeit haben Regierung und Industrie das Problem vernachlässigt. Jetzt holt es sie ein. Erst in der vergangenen Woche hat Greenpeace einen Bericht des französischen Labors ACRO veröffentlicht. Er belegt, dass aus einer älteren Deponie bei La Hague radioaktives Tritium ins Grundwasser austritt.

Seit 1994 wird schwach- und mittelradioaktiver Müll nicht mehr bei La Hague abgekippt, sondern in Soulaines. Die CSA-Halde ist für über eine Million Kubikmeter atomaren Müll ausgelegt. Ist sie erst einmal gefüllt, wird sie eine der größten der Welt sein. Unter den radioaktiven Abfällen befindet sich neben Tritium auch Plutonium. Jede Woche wird weiterer radioaktiver Müll per LKW durch Frankreich in die Champagne gekarrt, um dort gelagert zu werden.

Thomas Breuer, Atomexperte von Greenpeace, warnt davor, das Problem schleifen zu lassen: Die französische Regierung muss die Freisetzung von Radioaktivität durch die Müllkippe CSA in der Champagne sofort stoppen. Das Atommülllager ist ein Angriff auf die französischen Champagnerbauern und deren Lebensgrundlage.

Atommüll: Wegkippen, vergessen, weiterproduzieren

Der größte Teil des strahlenden Mülls gehört dem französischen Stromkonzern EdF. Doch auch ausländischer Atommüll liegt in Soulaines - illegal, denn seit 1991 ist die Lagerung internationalen Atomabfalls in Frankreich verboten. Schätzungsweise 20 Prozent des Risikomülls stammen aus der so genannten Wiederaufarbeitung in der Atomanlage von La Hague. Dort werden auch abgebrannte Brennstäbe aus deutschen AKW chemisch verarbeitet.

Als die ANDRA, der staatliche Betreiber der Atommüllanlagen, die Halde genehmigte, erklärte sie vollmundig, dass niemals Radioaktivität austreten werde. Heute ist klar, dass ein solches Versprechen nicht zu halten war. Schon die Konstruktion des Lagers weist Fehler auf. Wasser greift den Beton an und verursacht Risse im Material.

Dessen ungeachtet soll an der Grenze zur Champagne, in Bure, eine weitere Atommüllhalde gebaut werden. Diesmal nicht für schwach- und mittelradioaktiven, sondern für hochradioaktiven Abfall. Die Erkundungsarbeiten in 400 Meter Tiefe sind in vollem Gange. Mit der Verwirklichung der Pläne würde das strahlendste Material Frankreichs in die Weinbauregion verfrachtet. Ursprünglich sollte die Anlage im Rhônetal gebaut werden. Der Plan scheiterte am heftigen Widerstand der dortigen Weinbauern.

Problemlösung auf Französisch

Der Umgang mit dem Problem ist nicht nur für Frankreich typisch. Das Elend mit dem radioaktiven Restmüll wird auch anderswo gern heruntergespielt. Doch was die französische Regierung derzeit als Lösung anbietet und im Parlament diskutieren lässt, ist nicht ansatzweise diskutabel.

Dieser Entwurf für das französische Atommüllgesetz dient einzig der Atomindustrie. Es droht die heute illegale Praxis der langfristigen Lagerung von ausländischem Atommüll in Frankreich zu legalisieren, so Breuer. Denn der Entwurf läuft darauf hinaus, nur als Atommüll anzuerkennen, was als Atommüll deklariert ist. Ein Freifahrschein für Falschdeklarierungen zwecks Problemumgehung.

Richtig deklariert sind 350 Flaschen mit Grundwasser, die Greenpeace-Aktivisten am Dienstag nach Paris gebracht haben. Das Wasser stammt aus der Normandie und ist radioaktiv verseucht. Die Greenpeacer wollten diesen Beweis für die angebliche Ungefährlichkeit der Atomkraft an verantwortliche Politiker weiterreichen.

Dazu kam es nicht, die Gendarmerie sorgte schnell wieder für geordnete Verhältnisse: Die Umweltschützer wurden beiseite geschafft - an einen weniger belebten Seitentrakt des Parlamentsgebäudes. Damit werden sie sich nicht lange zufrieden geben. Greenpeace fordert, das Problem an der Wurzel zu packen. Nicht nur müssen die Halden saniert werden. Auch die weitere Produktion von Atommüll muss unterbleiben. Das bedeutet: Ausstieg aus der Atomkraft.

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