Interviewreihe zum Energiekonzept „Der Plan“ von Greenpeace: Teil 1

Akteure der Zukunft

Windräder sind ein wichtiger Baustein für die Energiewende. Kritiker bezeichnen sie als Schandobjekte oder Vogelschredder. Niklas Schinerl von Greenpeace bezieht Stellung.

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Anfang November hat Greenpeace in der Studie „Der Plan“ dargestellt, wie in Deutschland der Umstieg auf 100 Prozent Erneuerbare Energien bis zum Jahr 2050 aussehen kann. Die Akteure der Zukunft hinsichtlich der Energiegewinnung sind Wind und Sonne. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist auch jetzt schon zu sehen – vor allem an den großen Windrädern. Im Jahr 2050 soll Windkraft rund 55 Prozent des Strombedarfs decken. Viele freut es – immerhin unterstützen 92 Prozent die Energiewende. Andere lehnen es ab, und wieder andere haben ganz viele Fragen. Wir haben uns auf unseren Social-Media-Kanälen umgeschaut und diese Fragen gesammelt. Niklas Schinerl, Experte für Energie bei Greenpeace, beantwortet sie im Interview. Es sind weitere Interviews geplant – das nächste zu Sonnenenergie.

Greenpeace: Eine Sorge ist, dass überall Windräder rumstehen und nachhaltig das Landschaftsbild verändern. Was sieht „der Plan“ vor?

Niklas Schinerl: Die Energiewende hat das Ziel, die Energieversorgung möglichst dezentral anzulegen: Sie soll also dort erzeugt werden, wo sie auch gebraucht wird. So sieht jeder, woher der Strom kommt, den er im Alltag braucht. Im Gegensatz dazu stammt er heute beispielsweise aus Steinkohlekraftwerken  - Steinkohle importiert Deutschland aus Kolumbien oder Südafrika. Arbeiter  - sogar Kinder – bauen sie unter miserabelsten Bedingungen ab. Die Kohle wird dann mit Schiffen über den Atlantik zu uns gebracht und  - verbunden mit einem großen CO2-Ausstoß - verbrannt.

Dann habe ich lieber ein paar Windräder in der Landschaft stehen und weiß, unter welchen Bedingungen der Strom für meinen Kühlschrank produziert wird.

Und was ist mit Anwohnern, die über Lärmbelästigung und Lichtreflexionen klagen?

Beim Bau von Windparks muss der vorgeschriebene Immissionsschutz eingehalten werden. Dennoch fühlen sich - je nach Studie - zwischen 6 und 18 Prozent der Anwohner gestört. Für die Akzeptanz von regionalen Windparks scheint aber kaum entscheidend zu sein, wie groß der Abstand zum Wohngebiet ist. Studien zeigen vielmehr, dass eine finanzielle Beteiligung die Akzeptanz stärkt.

Es muss einem aber auch klar sein, dass der Strom aus der Steckdose nicht aus dem Nichts kommt, er muss produziert werden und das hat immer Auswirkungen auf die Umwelt.

Doch was wäre die Alternative zu Windrädern? Deutschland ist relativ ressourcenarm – wir haben nicht viele Möglichkeiten. Wenn wir Windräder und Sonnenenergie nicht wollen, bleiben Atomkraftwerke. Doch wollen sich die Menschen lieber dieser todbringenden Gefahr aussetzen als dem Schattenwurf der Rotorblätter?

Die zweite Möglichkeit wären Kohlekraftwerke. Wie Steinkohle produziert wird, habe ich bereits erklärt. Will man das mittragen? Dann hätten wir noch die Braunkohle. Für den Abbau werden Landschaften zerstört – die Kraterlandschaften erstrecken sich bis zum Horizont. Heute noch sollen Tausende Menschen umgesiedelt werden, damit neue Tagebaue aufgeschlossen werden können. Der Abbau wiederum verunreinigt Flüsse, Berlin hat mittlerweile durch die hohe Sulfatbelastung ein Trinkwasserproblem. Ganz zu schweigen von den Giften, die beim Verbrennen der Kohle aus den Schloten quellen.

Wenn ich diese Alternativen sehe, entscheide ich mich für das Windrad.

„Der Plan“ sieht aber auch große Offshore-Anlagen auf dem Meer vor – das wäre dann nicht ganz so regional.

Es gibt Regionen in Deutschland, die sich für einzelne Technologien besser eignen. Im Norden weht mehr Wind als im Süden, dort scheint wiederum die Sonne häufiger als in Hamburg – wo es jeden zweiten Tag regnet. Es macht also Sinn, das jeweilige Potenzial auszunutzen. Daher ist es sinnvoll zusätzlich zur Stromproduktion vor Ort auch Strom vom Norden in den Süden und vom Süden in den Norden zu transportieren. So kann der Nordwind problemlos eine wolkenverhangene Wetterperiode in Bayern überbrücken.

Und dafür sollen Netze ausgebaut werden. Der Bau breiter Stromtrassen erhitzt allerdings die Gemüter und hat schon etliche Bürgerinitiativen ins Leben gerufen.

Wir diskutieren über Stromtrassen, weil die Bundesregierung es nicht schafft, aus der Kohlekraft auszusteigen – nicht weil die Erneuerbaren ausgebaut werden. Daher haben wir die Situation, dass die Erneuerbaren mehr werden und gleichzeitig alte Kohlekraftwerke Strom in Netz speisen. Wenn die überflüssigen Kohlemeiler stillgelegt würden, wäre der Ausbau der Trassen deutlich geringer.

Wie viele neue Windräder brauchen wir denn im Jahr 2050, wenn die Energieversorgung auf 100 Prozent Erneuerbare umgestellt ist?

Es werden mehrere Tausend sein. Wobei wir zwischen denen auf dem Land und denen im Meer unterscheiden müssen. Erstere werden meist durch neue leistungsstärkere Windräder ersetzt. Die Offshore-Windparks hingegen müssen ausgebaut werden. Da auf dem Meer in der Regel verlässlich Wind weht, sind diese Windparks relativ stabile Stromversorger und ein zentraler Träger der Energiewende.

Und mein Blick, der über die Nordsee schweifen soll, bleibt dann an zahlreichen Windrädern hängen?

Die Anlagen werden nicht direkt am Strand stehen – meist werden sie nicht einmal sichtbar sein.

Es gibt aber noch mehr Kritik an Offshore-Anlagen: Sie seien beim Bau durch das Rammen der Fundamente so laut, dass sie Fische – auch den Schweinswal – vertreiben würden. 

Hier müssen Lösungen zur Begrenzung des Lärms her. Die Baumaßnahmen sollten unter ökologischen Gesichtspunkten begleitet und dadurch optimiert werden. Technologien gibt es bereits, das Ergebnis ist jedoch noch nicht zufriedenstellend – daran wird aber gearbeitet. In der Entwicklung sind auch schwimmende Offshore-Parks – da würde das Rammen wegfallen. Sie sind auch schon recht weit ausgearbeitet.

Die Behauptung, dass auch der laufende Betrieb durch Lärm Störungen der Meeresbewohner verursacht, ist bislang wissenschaftlich kaum belegt. Begleitende Untersuchungen kommen vielmehr zu dem Ergebnis, dass es keine negativen Auswirkungen gibt. Im Gegenteil: Bestimmte Arten nutzen die Fundamente als sicheren Hafen gegen die Fischerei in der Nordsee.

Wie sieht es mit den Flugrouten von Vögeln aus, die durch die Windparks zerschnitten werden? Vögel sollen sogar durch die Rotoren verletzt bzw. getötet werden.

Die Kollisionsgefahr ist für bestimmte Vogelarten gegeben. Für deren Schutz greifen aber verschiedene Maßnahmen. So werden Schutz- und Rastgebiete bei der Planung von Windparks ausgenommen.  Anlagen werden abgeschaltet, wenn es zu einer Gefährdung für vorbeiziehende und brütende Vögel kommt.

Ist die Produktion von Windrädern nachhaltig?

Die Anlagen werden in der Regel in Deutschland gebaut. Das würde auch aufgrund des Gewichts kaum anders funktionieren. 80 bis 90 Prozent der Materialien in einer Windkraftanlage sind wieder verwertbar. Auch in der Herstellung sind die Erneuerbaren unschlagbar: Bereits innerhalb eines Jahres ist die energetische Gesamtbilanz eines Windrads inklusive Errichtung, Wartung und Abbau ausgeglichen.  

Publikationen

Klimaschutz: Der Plan

Das Energiekonzept für Deutschland - mit der vorliegenden Studie aktualisiert Greenpeace das im Jahre 2007 erstmals als „Plan B“ veröffentlichte und zuletzt 2009 zum „Klimaschutz Plan B 2050“ erweiterte Szenario eines nahezu vollständig CO2-freien Deutschland.

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