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Greenpeace-Aktivisten mahnten Vattenfall zum Umdenken bei Braunkohleplänen

Kein himmlisches Kind

Vattenfall eröffnet einen neuen Windpark – seine Braunkohlesparte will der Konzern einfach verkaufen. Greenpeace-Aktivisten demonstrierten daher für konsequenten Klimaschutz.

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Es soll regnen, darum haben sie ein weißes Zelt mit transparenter Front an den Hamburger Kaispeicher geflanscht. Es soll die hohen Gäste vor der Unbill der Elemente schützen, ohne den Blick auf die Elbe zu versperren. Denn dort ist zu sehen, worum es heute geht: Wasser - und  Windräder. Der Windpark DanTysk, den Vattenfall heute eröffnet, steht zwar nicht im Hamburger Hafen sondern weit draußen auf der Nordsee. Aber hier im Kaispeicher lässt es sich besser feiern. Vattenfall Chef Magnus Hall ist da, Schwedens Wirtschaftsminister auch. Sein Berliner Pendant Sigmar Gabriel ist angereist, dessen Parteigenosse, Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, natürlich sowieso.

Alles prima für Vattenfall - bis das erste gelbe Banner entrollt wird. „Vattenfall: Kohle im Boden lassen!“ steht drauf und gehalten wird es von Greenpeace-Aktivisten, die sich unter die Gäste gemischt haben. Kohle? Aber geht es hier nicht um Wind, fragen sich manche Gäste.

Kohle im Boden lassen – und Erneuerbare ausbauen

Es gehe um beides, sagt Susanne Neubronner, Greenpeace-Expertin für Energie. „Es ist scheinheilig von Vattenfall, sich in Hamburg für einen neuen Windpark feiern zu lassen, während in der Lausitz das schmutzige Braunkohlegeschäft einfach weitergereicht werden soll.“ Wenn Vattenfall Klimaschutz ernst nehme, dann müsse der Konzern die Braunkohle im Boden lassen und die Erneuerbaren in der Lausitz konsequent ausbauen, so Neubronner.

Der schwedische Konzern Vattenfall setzt mehr und mehr auf Erneuerbare und plant, seinen CO2-Ausstoß bis 2020 um ein Viertel zu senken. Um sich dieses Vorhaben zu erleichtern, will er sein deutsches Braunkohlegeschäft verkaufen. Denn die Vattenfall-Braunkohlekraftwerke stoßen jährlich 60 Millionen Tonnen CO2 aus – mehr als sämtliche Emittenten in ganz Schweden.

Strukturwandel statt Verkauf

Was viele der lokalen Gäste nicht wissen: Bislang stammen gut 90 Prozent des Stroms, den Vattenfall in Deutschland produziert, aus Kohlekraftwerken; die meisten von ihnen werden mit Braunkohle befeuert, dem schmutzigsten aller Energieträger. Jetzt will die schwedische Regierung den Staatskonzern sauberer machen – und die Braunkohlesparte verkaufen lassen. Doch inzwischen kritisieren nicht nur Umweltverbände, dass es sich Vattenfall mit einem Verkauf zu einfach macht.

Kritik am geplanten Verkauf erntet das Unternehmen mittlerweile von vielen Seiten. So bemängeln Umweltorganisationen und mehrere politische Parteien, dass Vattenfall sich im entscheidenden Moment aus der Affäre zieht und die Verantwortung abschiebt, statt den Strukturwandel aktiv mitzugestalten.

„Greenpeace begrüßt, dass sich Vattenfall künftig auf Erneuerbare Energien konzentrieren wird“, sagt Susanne Neubronner. „Aber hinter diesen grünen Plänen darf der Konzern sich nicht mit einem feigen Verkauf in der Lausitz aus der Verantwortung stehlen. Vattenfall muss der Region beim notwendigen Strukturwandel helfen.“

Doch Vattenfall hält an den Verkaufsplänen fest – auch um für sich selbst eine bessere Klimabilanz zu erzielen. Dies liegt wohl auch im Interesse der schwedischen Regierung unter Ministerpräsident Stefan Löfven, der die Umstellung auf Erneuerbare Energien vorantreibt.

Unrentables Objekt für Investoren

Der Verkauf des Braunkohlegeschäfts dürfte in jedem Fall schwierig werden. Denn auch die Bundesregierung muss ihre Klimaziele einhalten; deshalb plant Sigmar Gabriel eine Klimaabgabe für alte, besonders schmutzige Kraftwerke. Die Abgabe würde den Verkaufswert von Vattenfalls Kraftwerken in Deutschland extrem senken. Ob sich dann noch Interessenten für die alten Meiler finden, ist fraglich.

Die von ihnen erzeugte Energie wird durch den fortschreitenden Ausbau der Erneuerbaren ohnehin immer seltener gebraucht und deshalb immer häufiger ins Ausland exportiert.

Ausstieg schrittweise bis 2030

Eine aktuelle Greenpeace-Studie zeigt: Der Konzern Vattenfall kann seine Klimaziele erreichen, wenn er sein Braunkohlegeschäft behält und dieses bis zum Jahr 2030 schrittweise herunterfährt – ohne neue Tagebaue einzurichten. Bei einem parallelen Ausbau der Erneuerbaren Energien in Brandenburg und Sachsen würden dabei unterm Strich nicht einmal Arbeitsplätze wegfallen. Gleichzeitig würde ein vorzeitiger Kohleausstieg bis zum Jahr 2030 Umweltkosten von mehr als 80 Milliarden Euro sparen.

Mit der Eröffnung des Windparks DanTysk hat der Konzern Vattenfall nun immerhin bewiesen, dass er die Energiewende vorantreiben will. Dennoch muss er den Strukturwandel vollziehen und seine Braunkohle-Verkaufspläne stoppen. Denn nur so kann Vattenfall Verantwortung übernehmen – für das Klima und für die Menschen in der Lausitz.

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