Ein Jahr Fukushima: Stimmen aus Japan, Folge 2

Noch gehen nur wenige Menschen in Japan gegen die Atomkraft auf die Straße, doch viele sind empört über die Energiepolitik ihres Landes. Vito Avantario und Enno Kapitza (Fotos) haben einige für das Greenpeace Magazin gefragt: Wie hat die Jahrhundertkatastrophe das Land verändert? (Aus dem Greenpeace Magazin 2/2012)
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Am 11. März 2011 wird Japan vom stärksten Erdbeben seiner Geschichte erschüttert. Mit dem Beben und dem verheerenden Tsunami wird ein drittes Horrorszenario wahr - das AKW Fukushima Daiichi gerät außer Kontrolle. Millionen Menschen weltweit bangen mit den Menschen in Japan. Die Folgen der Katastrophe erschüttern das Land noch heute.

Stimmen aus Japan:

Shimuzu Hirotaka (43), Musiker und Komponist

Tatsuko Okawara (57), Biobäuerin

Keisuke Matsumoto (32), Mönch

 

Shimuzu Hirotaka (43), Musiker und Komponist

Seit Jahren gehört er zum Ensemble von Yoko Onos Plastic Ono Band. Er lebt mit seiner Frau in Tokio. Als das Erdeben Japan erschütterte, tourte er durch die USA.

Es war unser letzter Abend in New York, als uns die schreckliche Nachricht von der Katastrophe in Fukushima erreichte. Yoko Ono bat mich, spontan bei Benefizveranstaltungen mitzuspielen, und so tourte ich noch einen weiteren Monat mit ihrer Band durch die USA. Doch als Tepco begann, radioaktives Wasser in den Pazifik zu leiten, brachen die amerikanischen Tourveranstalter empört unsere Charity-Tour ab. Ich empfinde deshalb eine tiefe Scham für mein Land.

Ich kehrte zurück nach Japan und begann mich zu engagieren: In der Präfektur Fukushima gibt es acht Waisenhäuser, in denen Kinder untergebracht sind, die ihre Eltern durch die Tsunami-Katastrophe verloren haben. Bis heute habe ich vierzig Konzerte auf die Beine gestellt, mit deren Einnahmen ich diese Kinder unterstütze. Meine eigenen Umsätze sind dagegen im Vergleich zum Jahr 2010 um die Hälfte eingebrochen. Weil vor allem europäische und amerikanische Konzertveranstalter Tourneen in Japan abgesagt haben, wurde ich seltener als Gastmusiker gebucht. Viele befreundete Künstler haben Tokio inzwischen verlassen. Sollte sich die Situation im AKW Daiichi weiter verschlechtern, werde ich mit meiner Frau wahrscheinlich in die USA ziehen.

Tatsuko Okawara (57), Biobäuerin

Der Hof der Landwirtin liegt in der Stadt Tamura in der Präfektur Fukushima, nur 40 Kilometer von der Reaktoranlage Daiichi entfernt.

Mein Mann und ich leben hier seit 26 Jahren. Wir haben Kühe und Hühner. Wir pflanzen auch Obst und Gemüse an. Vier Tage nach dem Erdbeben wurden wir umgesiedelt. Ich dachte, wir würden nie wieder auf unseren Hof zurückkehren können. Als feststand, dass unsere Gegend nicht radioaktiv kontaminiert ist, wurde uns von den zuständigen Behörden gesagt, wir könnten wieder in unsere Häuser zurück. Wir aber misstrauten ihnen. Erst als Greenpeace uns ebenfalls dazu riet, gingen wir tatsächlich heim. Inzwischen kaufen aber viele Verbraucher keine Produkte mehr aus Fukushima. Im Vergleich zum Vorjahr ist unser Umsatz 2011 um ein Drittel zurückgegangen, obwohl all unsere Produkte auf Radioaktivität überprüft werden und einwandfrei sind. Ich gebe sie sogar meinen eigenen drei Kindern zu essen. Deshalb fordern wir von Tepco, uns finanziell zu entschädigen. Doch der Betreiber des Reaktors weist alle Schuld von sich. Bis heute hat sich nicht ein einziger Mitarbeiter von Tepco in Tamura gezeigt und sich im Namen des Unternehmens entschuldigt.

Keisuke Matsumoto (32), Mönch

Matsumoto stammt aus Hokkaido, der nördlichsten Hauptinsel Japans. Er hat in Indien studiert und beschäftigt sich mit der Haltung des Buddhismus zur Atomfrage. Seit neun Jahren arbeitet er im Komyoji-Tempel in Tokio.

Während meiner Kindheit habe ich mir nie Gedanken über die Gefahren der Atomkraft gemacht, obwohl ich mit meiner Familie in der Nähe des Reaktors Tomari lebte, des einzigen Atomkraftwerks in der Präfektur Hokkaido. Heute denke ich, Japan muss aus der Atomkraft aussteigen. Und der Buddhismus darf sich nicht weiter von der Atompolitik vereinnahmen lassen: Es wurden Reaktoren mit japanischen Namen alter Bodhisattvas benannt, nach Menschen, die erleuchtet wurden. In der Präfektur Fukui steht in der Nähe der Stadt Tsuruga beispielsweise das Atomkraftwerk Fugen. Es ist stillgelegt und wird demontiert. Ebenfalls in Tsuruga liegt das Atomkraftwerk Monju. Es ist der einzige schnelle Brüter Japans. Eine Weltreligion, die das Leiden von Menschen zu vermeiden sucht, sollte nicht Namen für Technologien bereitstellen, die Leid über die Menschheit bringen.

Den vollständigen Artikel finden Sie im Greenpeace Magazin 2.2012.

Zum Weiterlesen:

Ein Jahr Fukushima: Stimmen aus Japan, Folge 1
Ein Jahr Fukushima: Stimmen aus Japan, Folge 3
Ein Jahr Fukushima: Stimmen aus Japan, Folge 4
Ein Jahr Fukushima: Stimmen aus Japan, Folge 5
Ein Jahr Fukushima: Stimmen aus Japan, Folge 6

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